Auf ein Wiedersehen

Musikfest Berlin 2020 – Der zweite Teil von Igor Levits Beethoven-Zyklus in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Solokonzerte sind intime Affären. Da exponiert sich ein einzelner Künstler, als Unterstützung nur das eigene Instrument, dem Publikum schutzlos ausgeliefert, ein Austausch, wie er direkter kaum sein könnte. Findet ein solches Ereignis in einem großen Konzertsaal statt, wird es schon schwierig, die notwendige Atmosphäre aufzubauen, die solche Konzerte über das „War-ganz-schön“-Niveau hebt. Wenn dann auch noch Covid-19-bedingt nur etwa ein Fünftel der Plätze besetzt werden können, die Zuschauer*innen den Saal weniger füllen als dass sie seine Leere unterbrechen, scheint es kaum möglich, hier ein Konzerterlebnis zu erschaffen. Nun ist Igor Levit allerdings auch kein gewöhnlicher Pianist. Dass ausgerechnet er es war, der vor ein paar Tagen die Philharmonie nach Monaten der Schließung wiedereröffnete, war kaum Zufall. Kaum ein anderer Künstler ist derzeit so in der Lage, eine Verbindung zu denen aufzubauen, die ihm zu zuhören, sie als Dialogpartner zu begreifen, als Mitstreiter*innen auf Augenhöhe, als Menschen, die er mindestens ebenso braucht, wie sie ihn. Die tröstende, Hoffnung spendende Wirkung seiner gestreamten Hauskonzerte zu Beginn des Corona-Lockdowns lässt sich gar nicht überschätzen. Sie gehörten für viele – auch für diesen Rezensenten – zum wichtigsten, das ihnen half, mit der Situation zurechtzukommen. Wenn jemandem das Wunder gelingen kann, aus dieser Leere Gemeinschaft durch Musik zu erschaffen, dann ihm.

Igor Levit (Bild: Robbie Lawrence)

Und das gelingt ihm – auch an diesem zweiten Tag seines Zyklus aller 32 Klaviersonaten Ludwig van Beethovens. Das ist schon nach den ersten Takten der Sonate Nr. 24 op. 78 klar, die den Anfang macht. Seine musikalische Leidenschaft hat nichts roboterhaft Perfektionistisches, Virtuosität um ihrer Selbst willen interessiert ihn nicht, er sucht Wahrheit in der Musik, immer, kompromisslos, er geht aufs Ganze, er will zum Kern. Da kann auch mal etwas schiefgehen, wie hier am Werkschluss, den er grandios versemmelt, was er mit Kopfschütteln und beschämtem Lächeln quittiert. Übel nimmt ihm das niemand hier. So tastend, fast ängstlich, seine Töne in die Stille tropfend, wie er das Werk beginnt, zieht er die Zuhörenden sofort in seinen Bann. Die Kraftausbrüche sind Schreie ins Nichts, doch singt sein Instrument sogleich wieder gegen sie an. Die Musik tänzelt und springt und tastet sich voran, voller Brüche und voller Neugier. Spielerischer Ernst umschreibt die Herangehensweise vielleicht am Besten. Fast rasend, ein wenig augenzwinkernd der zweite Satz, den musikalischen Dialog zwischen Hell und Dunkel suchend, bevor er lustvoll gegen die wand fährt.

Es spricht sehr für seine künstlerische Meisterschaft, dass es ihm gelingt, einen Grundgestus für das Konzert zu finden, eine Klammer, die jedoch nie die einzelnen Werke ihrer Individualität beraubt. Und das mit einer Neugier, die vermeintliche Gewissheiten nicht interessiert. Zum Beispiel die von der angeblichen Reife der späteren und der Mozart-gläubigen jugendlichen Frische der früheren Sonaten. Hier ist es gerade die frühe vierte, op. 7, die ungeheuer erwachsen klingt. Vor allem der langsame zweite Satz – tieftraurig, immer wieder in die Stille abbrechend, sich hervortastend mit einer Zartheit, die Verletzungen in sich trägt, die Welt gesehen und erduldet hat. Schmerzvoll finden die noten zusammen, es ist ein musikalisches Ringen, ein Dialog zwischen der Düsternis und dem Licht, das ein Gleichgewicht bringt, ein Unentschieden, keine Lösung. Töne fallen wie Tränen – und werden aufgefangen: vom energischen, kontrastreichen Kopfsatz, dem tanz von Sanglichkeit und Rhythmik im dritten und der tänzerischen Dramatik des treibenden Finales, in dem das lyrische Sehnen, glasklar auf jede Note, jeden Anschlag achtend, sich aus der Trauer befreit.

Spielerischer, ironischer, schlitzohriger gar geraten dann die zwei benachbarten Werke op. 14,1 und 14,2, in der Sonatenzählung die Nummern 9 und 10. Leichtfüßig eilend hebt die erste an, wandert organisch in dunklere Gefilde, sucht mit reichlich Bewegungsenergie nach ihrem Wg. Der langsame Satz gerät bei Levit zum fragmentierten Walzer, das Finalestampft und rast, setzt rhythmische Akzente und nimmt sich selbst nicht ganz ernst. Der Anschlag ist stets ein wenig leichter als zu erwarten, als spielte die Musik mit sich selbst. Das ist auch bei der Nr. 10 so. Behende und festen Schrittes, hell und doch geerdet der Kopfsatz, nachdenklich, dann ein wenig dramatisch, eine wilde Mischung, die nicht zusammenfinden will und soll. Die Register driften auseinander, der Klang zerbricht in seine Teile. Streng schreitet der zweite Satz dahin, eine Karikatur fast seiner selbst, ein Narr, der heiligen Ernst persifliert. Dann im Finale wieder der eilend tänzerische Gestus des Vorgängers, ein spielerisches Augenzwinkern beim Sprung ins pralle musikalische Leben.

Dann der Höhepunkt, die Sonate Nr. 26, op. 81a, besser bekannt unter dem Beinamen „Les Adieux“. Eine musikalische Erzählung in drei Teilen, vom Lebewohl über die Abwesenheit bis zum Wiedersehen. Levit versagt dem Werk jede Sentimentalität. Er geht zurück zum Anfang: auch hier tropfen die Töne in den leeren Raum, fragend tastet sich das Spiel in jene Zone zwischen affirmativer Trauer und verletzlicher Verlorenheit. Läufe, harte Abbrüche treten hinzu, zum Trauern kommt ein Taumeln, ein Weggewehtwerden. Mal läuft das musikalische Geschehen zusammen, dann bricht es auseinander. Das Satzende ein Schlussstrich. Verirrung, Ratlosigkeit, Verlust. Der zweite Satz eine Wiederholung. Erneut wagt sich die Musik nur scheu hervor, aber sie findet einen anderen Weg: ein sanftes Singen, brüchig, scheu, nahe am Verstummen. Igor Levit erweist sich hier wieder einmal auch als Meister der leisesten Töne, der subtilsten Auslassungen. Rasant der Schlusssatz, ein Taumel, kein Taumeln mehr. Und doch keine Erlösung: Die Brüche werden härter, das Galoppmotiv wirkt seltsam unwirklich, die Stimmung wird aggressiver, das Ende wirkt leicht ironisch. Das Gegen- und Durcheinander der atmosphärischen Welten – hier ballt es sich ein letztes Mal zusammen.

Doch den Abschluss, den dieses ende bildet, gönnt Levit uns nicht. Eine Zugabe gibt es noch, ein brandneues, für ihn geschriebenes Stück seines Freundes Mateusz Kowalski. Eine Momentaufnahme, eine Zustandsbeschreibung, wie Levit sagt.  Mäandernd, schwebend, grollen, ein Sehnen, das ihm Raum steht, sich mit der Stille verwebt. Ein Moment, ein Ausblick, eine Hoffnung auf ein Wiedersehen. Morgen schon.

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