Am Boden geblieben

Musikfest Berlin 2020 – Die Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim spielt Mozarts letzte drei Symphonien

Von Sascha Krieger

Eigentlich hätte an diesem Abend das Amsterdamer Concertgebouw-Orchester das diesjährige Musikfest Berlin eröffnen sollen – standesgemäß im Beethoven-Jahr unter anderem mit dessen „Eroica“. Dank Corona müssen Orchestergastspiele in diesem Jahr leider entfallen. Dass das Festival überhaupt stattfinden kann und die Philharmonie nach sechs Monaten wieder geöffnet ist, ist wohl das wichtigste an der diesjährigen Ausgabe. Zumal mit Daniel Barenboims Staatskapelle ein Klangkörper das nun inoffizielle Eröffnungskonzert bestreitet, dass diese Aufgabe in den vergangenen Jahren regelmäßig innehatte. Manches ist anders: Nur gut 50 Musiker*innen nehmen mit Abstand auf dem Podium Platt, vielleicht ein Fünftel der Zuschauersitze sind besetzt, Es herrscht Maskenpflicht (außer während des Konzerts) und es gibt keine Pause. Aber es wird wieder gespielt und es kann wieder live Musik gehört werden. Wie diese in die Leere hineinklingt, ist eine andere Frage.

Daniel Barenboim (Bild: Christian Mang)

Barenboim versucht es mit Wolfgang Amadeus Mozart, seinen letzten drei Symphonien, um genau zu sein, die, so weiß es die Forschung, schon auf Beethoven verweisen. Und vielleicht liegt es an dem, was Festvalleiter Winrich Hopp zu Beginn sagt, an der Schwierigkeit des Zusammenspielens mit Abstand, dass an diesem Abend alles überdeutlich akzentuiert ist. Jede Phrase, jedes rhythmische Moment, jeder dynamische Kontrast, jeder Stimm- oder Tempiwechsel. Auch klanglich ist Subtilität des Orchesters und Dirigenten Sache an diesem Abend nicht. Erdig ist der Klangeindruck, massiv, gewichtig, oft schwer. Pauken und Bässe dominieren immer wieder das Klangbild, helleren Farben schaffen es oft kaum durchzudringen. Das ist bei allen drei Werken der Fall, womit wir schon beim Grundproblem sind: Die drei letzten Symphonien werden gern als Einheit gesehen und zusammen gespielt. Das birgt die Gefahr, dass Unterschiede verwischen und die individuellen Charaktere zu kurz kommen. Das ist an diesem Abend der Fall. Hier klingt alles gleich: der getragene Beginn der Es-Dur-Symphonie und der Jubel im Finale der „Jupiter“, die tragisch angehauchte Melancholie des Andantes im g-Moll-Werk und das körperlich plastische Menuett im dritten Satz der letzten.

Eine Einzelrezension erübrigt sich da leider, zu ereignisarm und kraftlos plätschert der pausenlose 90-Minüter dahin. Die Satz- und Werkschlüsse sind von fast beamtenhafter Energiearmut, sie klingen wie abgehakt, keine Statements, keine Aufschwünge, keine Energieentladungen. Exemplarisch der triumphale Schluss der Jupiter-Symphonie: Da ist nur Schwere, da fährt nichts auf, da ist keinerlei Begeisterung oder Leidenschaft zu hören, alles bleibt am Boden. Das gilt auch für die zarteren, lyrischen Passagem, die meist in die Breite gezogen wirken, rhythmisch abgehackt, in Korsette gepresst, enge Bahnen, in denen sie nur zäh fließen können. Einziger Lichtblick ist der langsame Satz der C-Dur-Symphonie: Da deutet sich in den Holzbläsern kurz ein wenig Licht an, ein sachter Sonnenaufgang, begleitet von zarten Streichern. Doch sonst ist auch hier alles eher mattglänzend, kontrolliert, harmlos. Das will nirgendwohin und wirkt ums verkrampfter, als es in die Stille des so leeren Raums fällt.

So fließt alles ineinander und wird zu einem einzigen Konglomerat falscher Abbiegungen und sicherer, ausgetretener Pfade. Ein Abend, der nichts wagt und zugleich ständig bemüht zu sein scheint sich zu beweisen. Da wird überbetont und geklotzt statt gekleckert, wirkt das musikalische Geschehen oft hektisch, übertrieben streng, zuweilen aggressiv, ohne jedoch je gefährlich zu werden. Vieles ist einen Tick zu weit gedreht, in zu grellen Farben gemalt und mit zu dickem Pinsel. Als vertraute Barenboim der Musik nicht, dem Raum, der Besetzung. Als müsste er etwas kompensieren und wüsste nicht wie. Dabei könnte die Stille auch Zwischentöne aufnehmen, Zweifel, Verletztliches, Subtiles. Stattdessen stampft der Abend gegen das Nichts an und auf, getragen, pathetisch, nicht selten schleppend. Er geht schweren Schrittes, wo Mozart stets tänzelt, hüpft, schwebt. Als glaubte er nicht an die dieser Musik inhärente Kraft. Und das wäre unendlich schade.

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