Die Leere ertragen

Nach dem Roman von Albert Camus: Die Pest (Open Air), Deutsches Theater (Vorplatz), Berlin (Regie: András Dömötör)

Von Sascha Krieger

Als András Dömötörs Adaption von Albert Camus‘ Roman Die Pest im vergangenen November Premiere in der Box des Deutschen Theaters hatte, war nicht abzusehen, dass der Stoff ein halbes Jahr später plötzlich vor Tagesaktualität triefen würde. Camus‘ existenzialistische Umkreisung des Bösen, von Dömötör auf die Thematik des menschlichen Drangs zu töten zugespitzt, sieht sich plötzlich zurückgeworfen auf ihr Setting, eine Pestepidemie in einer nordafrikanischen Stadt, die zwischen politschen Intrigenspielen, taktischer Handlungsverweigerung und populistischem Aktionismus eine tödliche Dynamik entfaltet, die weit über das Sterben am unbahrmherzigen Bazillus hinausgeht. Und die gleichzeitig doch genau dieses leiden, ein persönliches, hilfloses, herzbrechendes wieder in den Mittelpunkt rückt. Wenn die Inszenierung nun auf schwarzer Bühne auf dem DT-Vorplatz gespielt wird, ist sie eine andere geworden, weil nicht nur ihr physisches Umfeld sich verändert hat, sondern auch die Wirklichkeit, in der sie gelandet ist. Zum zweiten Mal: Bereits vor einigen Wochen, mitten im Lockdown, war sie adaptiert worden, als auf unter eine Stunde zusammengeschnurrte Online-Variante im leeren theater. Jetzt also Open Air. Mit Publikum, luftig verteilt, die Abstandsregeln wahrend.

Thater in Zeiten von Corona: Der DT-Vorplatz wird zur Bühne (Bild: Sascha Krieger)

Weit weg die Enge, die Konzentration der Box, das Schwarz des Zuschauerraums, mit dem das Schwarz der Bühne korrelierte. Weit ist der Raum nun und doch Exil. Geschlossen die Bühnen, verwaist das Haus. Das Theater steht draußen, vor seiner eigenen Tür, eine Enklave, nur notdürftig abgeschnitten von der Realität, die es hierhin verbannt hat. Nun zwitschern über ihm die Vögel, taucht die Abendsonne Platz und Haus in sanftes Licht, weht Gelächter heran. Und mittendrin ein Stück Schwarz. Dieses erobert sich Božidar Kocevski, dessen Stimme zunächst allein den Platz füllt, er selbst noch irrlichternd im halb geschlossenen Haus. Doch die Bühne will bespielt werden, von Kocevski und neun einsamen Stühlen. Wie in der Box spricht er alle Rollen, wechselt behände Platz, Stimme, Duktus, wie ein Geisterbeschwörer, der gegen die Abwesenheit ankämpft. Verschwunden der Ventilator, die verbrannten Papierfetzen, diese Symbole der Flüchtigkeit, des Sterbens, des Opferns, welche die Ursprungsinszenierung visuell dominierten. Stattdessen Leere: auf den Stühlen, die umkippen, wenn ein Mensch stirbt, auf der Bühne, die Kocevski fragend durchmisst und zweifelnd verwirft, zwischen den Zuschauer*innen, die Gemeinschaft, Grundkonsens der Theatererfahrung, zerrissen.

Es ist ein Abend der Lücken, einer, der sich um das kreist, was nicht da ist. Der lange Monolog des Revolutionärs Tarrou, Kern der Box-Inszenierung, wird hier zum Fremdkörper, die gesellschaftsphilosophische Erhöhung, für welche die titelgebende Pest nur Metapher ist, klingt hohl angesichts einer Wirklichkeit, die selbige Metapher ganz real und tödlich ausfüllt. Kocevskis Spiel ist ernst, variabel, still, die Wut unterdrückt, die Trauer allgegenwertig. Aus einem Abend, der sich schlechter als recht an Camus‘ Gedankenkosmos abarbeitete, ohne ihn annähern durchmessen zu können, wird eine Meditation. Über den Tod, über die Trauer, den Schmerz, das, was fehlt und jene, die Fehlen. Diese Pest, die den schwarzen Kasten auf den Vorplatz verwehte, tötet, lässt verschwinden. Menschen, aber auch die Selbstverständlichkeiten ihres Zusammenlebens, die sinnstiftenden Requisiten, zu den auch und gerade die Kultur, die Kunst, das Theater gehören.

Metaphorische Visualisierungen braucht es nicht mehr, hier wird sichtbar, hörbar, was fehlt. Jeder fallende Stuhl, jedes dräuende Crescendo, aber auch jeder Windhauch, jedes Vogelzwitschern sprechend vom Dasein, von seiner Resilienz, von seinem Preis. Die Vergesslichkeit des Menschen, seine zynische Selbstbehauptung, die Instrumentierung des Bösen – sie verzwergen zu Worten, zu Schrift auf bröselndem Papier. Die Wirklichkeit durchkämmt den Text, durchforstet die Inszenierung und pickt sich heraus, was ihr wichtig erscheint. Leben und Tod und ihrer persönlichen, individuellen, zutiefst privaten Unmittelbarkeit, der Verzicht als Preis des Überlebens, die schreiende Stille des Verlorenen nehmen den Platz existenzialistischer Überlegungen ein. Sie stülpen Text, Inszenierung, Spiel nach außen, folgendem den neuen Spielfeld, treten in Dialog mit dem, was da zu leben sucht. Kocevski sinniert, während die Vögel singen. Theater als verlorener, winziger Fleck im Universum, ein anspielen gegen das eigene Verschwinden, ein Anrennen gegen die Bedeutungslosigkeit. Wo sich die Inszenierung verliert, gewinnt sie – an Wirklichkeit, an Bedeutung, an Relevanz, an Berechtigung. Und an Raum, der irgendwann wieder mit dem zu füllen ist, was Dömötör und auch Camus umtrieben. jetzt gilt es zu trauern, zu vermissen, zu klagen und zu bewahren. Die Sonne geht unter, der Applaus ruft das Fehlende zurück, bekräftigt seine Ansprüche. Das Theater, es ist wieder da, anders, fragmentiert, abwesend und präsent zugleich. Es stellt seinen Fuß in die Tür. Die Leere, die hier gähnt, sie wird einst wieder befüllt werden. Doch jetzt ist sie zu ertragen. Auch wenn es schwerfällt.

Ein Gedanke zu „Die Leere ertragen

  1. corinnaweber sagt:

    Wunderbar geschrieben! Danke. Schade, dass ich nicht in Berlin wohne. Beste Grüße!

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