Am Haken

Florentina Holzinger: TANZ. Eine sylphidische Performance in Stunts, Tanzquartier Wien / Sophiensaele, Berlin / Münchner Kammerspiele / Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt am Main u.a. (Konzept, Performance, Choreografie: Florentina Holzinger) – eingeladen zum Theatertreffen 2020

Von Sascha Krieger

Nein, leicht fällt es nicht hinzuschauen, wenn einer Performerin, dokumentiert in nichts verzeihender Nahaufnahme, drei Haken in den Rücken implantiert werden, das Blut fließt und sie sich später an selbigen in die Höhe ziehen lässt, lächelnd Pirouetten und Ballettfiguren vollführt, den Schmerz in erster Linie in der Vorstellung der Zuschauer*in platzierend. Es ist der drastische Höhepunkt dieses Abschlusses von Florentina Holzingers Körpertrilogie, in dem es um die Disziplinierung, die Abrichtung des menschlichen Körpers, ausgehend von jener Dressur-Tortur namens klassisches Ballett geht. Weit ist der Abend an diesem Punkt bereits gekommen, dessen erster Akt – wir erfahren später, dass hier die Struktur des romantischen Balletts mit einem ersten Akt in der Realität und einem zweiten in einer Fantasiewelt widerspiegelt – in einem Ballettstudio zu spielen scheint. Die legendäre Tänzerin Beatrice Cordua leitet eine Reihe jüngerer Kolleginnen an, freundlich streng, mit wachsender Begeisterung über die Dressur- und Leistungsfähigkeit des Körpers aber auch zunehmend übergriffig, bis hin zu sexueller Belästigung, wenn das Training der Ballettfiguren ansatzlos in „Vaginainspektionen“ übergeht.

Bild: Eva Würdinger

Der Abend sucht von Beginn an diese Grenze, an der das Zulässige ins Grenzverletzende, Misshandelnde kippt – und stellt die Frage nach dem Konsens, dem Mitmachen, dem freien Willen des potenziellen Opfers und dessen Grenzen. Das beginnt mit der Nacktheit, die Cordua ein- und vorführt und subtil als Druck auf die Anderen überträgt. Schutzlos exponiert müssen sie gut Miene zum fragwürdigen Spiel machen. Der weibliche Körper als Schauobjekt – eine Selbstverständlichkeit in der Schauwerteindustrie, die die Kunst und nicht zuletzt das Ballett immer schon war. TANZ arbeitet mit Irritationen, das Motiv der Hexe wird – zunächst zu Motorradgeräuschen auf einem Staubsauger reitend – bald eingeführt und durchzieht den Abend in der Folge. Unheimlich wird der Körperkult denn auch bald, da hilft auch der launige Erläuterungsmonolog, an dessen Ende Zuschauer um Geldscheine gebracht werden, weniger. Auch die hier angedeutete Zauberei fällt bald darauf ins Groteske, eine Performerin wird in ein schreiendes Baby zurückverwandelt, die Fremdkontrolle des Körpers, so humorvoll und spielerisch sie auch daherkommt, scheint grenzenlos zu sein. Holzinger mischt wie so oft die Genres, Ballett, Märchen, Aktionskunst bis hin zu Stunts (auf die sich gar der Titel bezieht) und Zirkus finden sich in Elementen wieder und werden munter vermischt. Die große Kunst der illusion, des dem Auge des Betrachters etwas Vormachens, der Manipulation (körperlicher) Realität, die an ihre (Schmerz)Grenzen gebracht wird, ist ihnen allen gemeinsam.

Das eskaliert im zweiten Akt, der vor einer Art Nachtmahr-Märchenwald-Kulisse spielt und die Ansätze des ersten ins Bizarr-Albtraumhafte kippen lässt, in eine Horrorshow geschundener Körperlichkeit. neben der Schwanensee zitierenden Hakenaktion ziehen sich Performerinnen gegenseitig an ihren Haaren in die Höhe, die Luftgeister von La Sylphide reiten hier auf hängenden Motorräsern, erschöpfende Stunts ergehen sich in Gewaltorgien, es fließt literweise Kunstblut, Vaginas werden vorgeführt, ein Schreckensmonstrum irgendwo zwischen Wolf und Fledermaus geboren. Am Ende stehen die blutüberströmten Leiber wieder an den Stangen, üben ihre Figuren, der Albtraum ist real, er ist Alltag, ihm ist nicht zu entrinnen. Der Abend ist ohne Zweifel drastisch, er schockiert, stößt ab, nimmt mit – aber er fängt auch ein, er umschmeichelt, er nutzt die Mittel, die er zugleich bloßstellt. Die Ausstellung des gequälten Körpers ist nicht nur eine anklage, sie ist auch ein sensationalistisches Umgarnungsmittel des Publikums. Man will wegschauen und schaut doch – sich dabei mehr wohlfühlend, als man möchte – gerade deshalb hin.

Gekommt spiel TANZ mit Unterhaltungs- wie Kunstformen, Genren, Kniffen, die Zuschauer*in bei der stange (!) zu halten. Ein Schreckenskabinett, eine Nummernrevue des Spektakulären, ein Horrorfilm und eine Ballettstunde, eine blutgetränkte Aktion und ein schauern machendes Märchen, eine eindrucksvolle Stuntshow und eine gelungene Kleinkunstdarbietung. Der Abvend führt vor, wie sich Körper für den Schauwert instrumentalisieren lassen – und zugleich, warum das so gut funktioniert. Und teil dieses Warum ist die willige Mitarbeit der performer*innen. Wo beginnt Zwang, wo hört er wieder auf, zu welchen Extremen ist man selbst bereit zu gehen und wofür? Für die Karriere oder die Kunst? Um Teil des Systems zu bleiben oder aus genuinem Forscherdrang, eigenem (Kunst)Willen, der Lust an der Auslotung eigener Grenzen? Fragen, die der Abend in seinem zirzensischen Eklektizismus stellt, aber nicht beantwortet. Vielleicht auch, weil es diese Antworten – zumindest in einer irgendwie verwertbaren Allgemeingültigkeit – gar nicht gibt. Am Ende hängen auch wir als Zuschauer*innen am Haken, zwischen voyeuristischer Begeisterung und rechtschaffenem Ekel. Ziel erreicht, Stunt gelungen.

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