Aus dem Glashaus

Anta Helena Recke: Die Kränkungen der Menschheit, Münchner Kammerspiele / Hebbel am Ufe (HAU 2), Berlin, Kampnagel, Hamburg / Mousonturm, Frankfurt am Main (Inszenierung: Anta Helena Recke) – eingeladen zum Theatertreffen 2020

Von Sascha Krieger

Vielleicht befindet sich die westliche Gesellschaft gerade in einer kollektiven Depression. Wie anders wäre es zu erklären, dass Siegmund Freud, der „Vater“ der Psychoanalyse, der „Entdecker“ des Unbewussten, der Hervorkramer des Verdrängten, gerade mal wieder Hochkonjunktur zu haben scheint. Theater inszenieren seine Traumdeutung, in Zeiten von Debatten darüber, wie sehr toxische Männlichkeit einen, wenn nicht den Kern der Sinnkrise der westlichen Zivilisation bildet, interessieren Freunds stark männlich fokussierte Verunsicherungsszenarien besonders. Auch Anta Helena Recke, eine Künstlerin, die weiße ethnozentrische Weltbilder hinterfragt – die immer auch männlich patriarchal geprägt sind – nimmt Freud in ihrer neuen Arbeit als Ausgangspunkt. Drei Kränkungen haben die Menschheit in der Moderne in die Krise gestürzt, war er überzeugt: die Erkenntnis, dass die Erde und damit der Mensch nicht Mittelpunkt des Universums seien, die Abstammung des Menschen vom Affen und eben die Entdeckung des Unbewussten durch ihn selbst. Drei Ereignisse, die den Glauben an die Allmacht des Menschen erschütterten. Die immer eine Allmacht des weißen männlichen Menschen bedeutete. Weshalb Recke nun eine vierte Kränkung hinzufügt: die Erkenntnis des weißen Mannes, dass die Menschheit nicht nur aus ihm besteht, es die von Freud postulierte „Menschheit“ als Einheit gar nicht gibt.

Bild: Gabriela Neeb

Bei recke wird die Serie dieser Kränkungen des weißen westlichen Mannes zum Bilderreigen. Zunächst sind nur Affenlaute zu hören, deren Verursacher*innen in Menschenaffen nachempfundenen Bewegungen nach und nach die Bühne betreten, sich umschauen, kratzen, tun, was Affen so tun, wenn sie sich orientieren. In der Mitte ein Glaskubus, Heimat der Zivilisation, stylish, antiseptisch, kalt. Die Affen umrunden ihn, bestaunen ihn, wundern sich. Das erinnert natürlich den Beginn von Stanley Kubricks Film 2002 – A Space Odyssey, auch ein Blick darauf, was übrig bleibt, wenn die zivilisatorische Illusion sich als ebensolche erweist. Sie besetzen den Raum, der ihrer ist, durchaus menschlich, aber scheuen den, der nicht ihnen zu gehören scheint – was weniger zum Menschen passt. Der sich, in Person eines Wissenschaftlers, bald die Kontrolle verschafft, indem er eben diesen Ort reklamiert und zum Mittelpunkt macht. Die „Affen“ werden unterworfen, untersucht, objektifiziert, der Mensch übernimmt

Zweiter Akt: Eine Gruppe touristisch wirkender Menschen stehen im Kubus und betrachten ein unsichtbares Bild. Zunächst handelt es sich um Garbriel von Max‘ „Affen als Kunstrichter“, in dem Primaten ein Gemälde begutachten. Später richtet sich der Blick auf Indigene, Nichteuropäer, Nicht-„Intellektuelle“ und deren Blick auf Kunst und Kultur, die stets natürlich weiße westliche meint. Man(n) sinniert über das Verhältnis zur Natur, faselt von der „Wildnis“, in der die betrachteten Betrachtenden lebten, über „bäuerliche Menschen“, ihren „unverfälschteren“ Blick, eine Parodie westlicher Überheblichkeit, welche die Welt als Tourismusobjekt, als Luxusgut, als zu Konsumierendes und vor allen zu Kontrollierendes begreift – eine Leerstunde in der Exekution weißer ethnozentrischer Deutungsmacht. Die, um die es zu gehen scheint, bleiben unsichtbar, existieren nur in der Projektion der Beobachtenden, die sie quasi erschaffen. Soch das erweist sich als Illusion, als Selbstbetrug. Die Kränkung geschieht, der Kasten nicht Fahrt auf, die Betrachtenden verlieren die Kontrollen.

Viele Menschen strömen auf die Bühne, in traditioneller afrikanischer Kleidung, Grüppen, die sich unterhalten, die den Raum besetzen. Den Kubus betrachten sie kurz, staunend, irritiert und gehen dann weiter. Doch kreisen sie weiter um ihn, langsam, ritualhaft, seine Zentralität anerkennend, das wofür er steht, jedoch herausfordernd. Die „Touristen“ sind längst an den Rand gedrängt, sehen sich schwarze Wände an, der kolonialisierende Blick seiner Funktion beraubt. Die Prozession stockt, die Wege werden individuell. Max‘ Bild wird herum- und herausgetragen, die Perspektive, die es erfüllte, verschwindet. Die Affen kehren zurück, die erste und die letzte der „Kränkungen“ übernehmen den Raum, ernsthaft still, bunt. Der weiße westliche Mann ist abserviert, steht an der Seitenlinie, kommt als Weltkontrollierer aufs Abstellgleis, muss akzeptieren, dass diese Welt nicht mehr ihm (allein) gehört.  Das abgetrennte Glashaus, Ort der Kontrolle und Dominanz, der Deutungshoheit und Selbstüberhebung, bleibt leer, die Welt füllt sich. Ein starkes, hoffnungsvolles, naives Tableau. Am Ende ist die Bühne leer. Zeit für einen Neuanfang.

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