Der Glanz des Authentischen

Zelal Yesilyurt: GO Baby GO, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Zelal Yesilyurt)

Von Sascha Krieger

Die Geschichte von Jeremiah „Terminator“, kurz JT, LeRoy ist eine so abenteuerliche, dass sie sich nur im literarischen Umfeld abspielen konnte. Ein Shooting Star der US-Literaturszene der 1990er-Jahre sorgte der autor für Aufsehen mit semibiografischen Romanen und Kurzgeschichten über eine Jugend und Kindheit zwischen Armut, Verlassenwerden, Prostitiution, Gealt und Missbrauch. Sohn einer Prostituierten folgte der Teenager seiner Mutter schon sehr jung in ihrem Beruf, bevor er „gerettet“ wurde, sein Leben aufschrieb und zum Star wurde, der – was seinen Ruhm und seine Faszination nur noch verstärkte – Phantom blieb, nicht greifbar, sich lange der Öffentlichkeit entzog, bevor er zuweilen auftauchte, verkleidet mit Perücke und Sonnenbrille, zumeist das Wort abtretend an seine Sprecherin „Speedie“. Eine Geschichte, die unmöglich wahr sein konnte – und es auch nicht nicht war. LeRoy war eine Erfindung der eigentlichen Autorin, Laura Albert, die hinter Speedie steckte und deren Schreiben Resultat telefonischer Therapiesitzungen war und die das Alter Ego brauchte, um das zu Sagende aussprechen oder eben aufschreiben zu können. Und JT wurde gespielt von Alberts Schwägerin. Am Ende gab es Enthüllungsstories und einen Prozess, den Albert verlor. Für die Geschichte hat sie noch nicht die Folmrechte erteilt. Schade eigentlich.

Das Volksbühnen-Jugendtheater P14 hält das nicht davon ab, sie zumindest auf die Bühne im 3. Stock des Hauses zu bringen. Bildmächtig ist, was Zelal Yesilyurt aus dem Stoff macht und ein Spiel der Identitäten rund um die Frage, was denn diese Authentizität sei, die immer ersehnt wird. Genderfluid kommt die personnage daher, die auf der Bühne steht – ob die Bewunderer*innen in spacigen Kostümen mit Make-up und Strass im Gesuicht, der doppelte JT, der von einem Jungen und einem Mädchen verkörpert wird, der Enthüllungsjournaliist mit blaugefärbten Augenbrauchen – Identitäten, Zuschreibungen, Rollenmuster sind instabil, wandelbar, nie eindeutig zuzuordnen. Gespielt werden Handlungsfetzen aus den Geschichten, aber auch der „Realität“, der vielleicht besten Geschichten von allen. „JT“ ist mal der gespielte, die betrügerische Kunstfigur, das reale alter Ego, und mal der geschriebene, der jugendliche, der sich als Mädchen ausgibt, als seine Mutter gar, der erst Prostituierte ist und später Stricher.

Yesilyurt arbeitet viel mit Live-Videos, projiziert auf herunterhängende weiße Plastikplanen oder Wellblech-Wände bzw. -kästen, neutral beschreibbare Raumelemente, die Realitäten und Welten im Handumdrehen neu definieren. Wie auch die Figuren noch zu beschriften sind, ihre Identitäten wechseln oder neu bewerten. Alles ist fluide, das Authentische das Künstlichste überhaupt. Extreme Nahaufnahmen verzerren die Spieler*innen und ihr Rollen bis zur Kenntnlichkeit, machen sie zu Images, zu öffentlichen Vorstellungen, kollektiven Bildern, die sich so einbrennen, dass sie sich vor die „Wirklichkeit“ schieben, ja, diese ersten, zu selbiger werden. Das Bild ist dann authentisch, wenn es geglaubt werden will – was wirklich dahinter steht, ist irrelevant. Lustvoll spielt das Ensemble mit Echtheit und Fake, macht den erfundenen JT realer als den „echten“.

„Kannst du dir vorstellen, wie sich das anfühlt, nicht zu existieren?“, fragt er einmal. aber existiert ja, weil an ihn geglaubt wird, weil seine Geschichte „authentisch“ ist, besser, nicht glaubwürdiger aber glaubenswerter als die Realität, weil sie Bedeutung hat, von Läuterung spricht, Emanzipation, menschlichem Wachstum. Und weil man sich ans Image hängen kann, es abstrahlen lässt auf das eigene undefinierte Ich. Das Nicht-Existente existiert, das Reale ist ein Schattenspiel. Wer „Celbrity“, wer Star ist, entscheidet schon lange nicht mehr die Wirklichkeit, sondern der Schein. Authentizität braucht keine Realität, sie braucht Bilder und Geschichten. An diesem Abend ebenso wie draußen vor der Tür.

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