Flickwerk Mensch

Nach Michel Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel, Berliner Ensemble (Regie: Robert: Borgmann)

Von Sascha Krieger

Antiseptisch ist sie, die Zukunft, die Robert Borgmann in Michel Houellebecqs Roman Die Möglichkeit einer Insel gefunden hat, antiseptisch und künstlich. wiße Wände, darunter gelegentlich auch eine physische vierte, definieren den Raum, fahren mitunter auf und ab und geben den Blick doch nur frei auf kitschig dilettantische Naturbilder, Erinnerungen aus fünfter, sechster Hand an eine einstige echte Welt. In Houellebecqs Buch ist die Menschheit längst ersetzt durch so genannte Neo-Menschen, Klone, die nach dem Tod durch den nächsten ersetzt werden. Den Komiker Daniel etwa, Hauptfigur des Romans, gibt es jetzt schon zum 25. Mal – und es tat ihm nicht gut. Wolfgang Michael spielt ihn zu Beginn als seltsames Hybrid-Wesen, halb Cyborg, halb Zombie, weniger perfektioniert als heruntergekommen in zerrissenem Hemd, eine „schöne neue Welt“ als amateurhaftes Flickwerk. Er etabliert den „neuen Menschen“ als liebesunfähiges, nicht fühlendes, nicht des Glücks fähiges Konstrukt, das seine Unsterblichkeit erkauft hat durch das Abstreifen des Menschlichen.

Bild: JR Berliner Ensemble

Das wiederum ist aber auch nicht so viel besser, wie Peter Moltzen bald demonstriert. Der ist – so weit sich das an diesem fragmentierten Abend sagen lässt – der Original-Daniel, das Hemd noch nicht zerrissen, die riesigen Clownsschuhe an den Füßen, doch auch er ein Getriebener, mechanistisch Zwangsgesteuerter zwischen manischem Lachen und obsessivem Auf- und Ab-Gehen. Der moderne Mensch, Houellebecqs ureigenstes Hassobjekt, ist bereits so heruntergekommen, dass seine De-Emotionalisierung und Entmenschlichung nur der nächste, konsequente Schritt ist. Und ein wirklicher Sympathieträger ist dieser Daniel, mal wieder ein eher unleidliches Alter Ego des Autors, nicht, ein Egoist, dessen Beziehungsversuche – mit einer Journalistin (Constanze Becker) und einer Jungschauspielerin (Cynthia Micas) scheitern, natürlich auch – Misogynie ist bei Houellebecq nie weit – weil diese ihn eher benutzen als lieben, er dagegen das triebgesteuerte Opfer seiner selbst ist. Ziellos ist er, richtungslos, weinerlich und ohne Sinn. Wie der Autor halt unsere Zeit sieht.

Borgmann zelebriert das durchaus, auch weil er mit Moltzen einen Vollblutschauspieler zur Verfügung hat, der von tiefstem Ernst bis zu grellstem Klamauk alle stufen meist mindestens leicht ironisierter Spielhaltungen drauf hat. Aber der Regisseur fühlt sich damit auch unwohl, weswegen er schnell versucht, andere thematische Stränge einzuführen. Die Perfektionisierungsvision, die in die Aufgabe all dessen, was einmal als menschlich galt führt und im Mittelpunkt des Romans steht, interessiert ihn dabei weniger. Eher noch die Frage, inwiefern man sich „anders leben“ könne, sich dem Druck des Gesellschaftlichen entziehen kann, ob ein wirklicher Reboot des menschen denkbar wäre. Das erledigt Michael in einem langen Monolog nach der Pause. er startet mit der Macht der Bilder, der Vorurteile und einer Demonstration, wie diese unsere Einstellung gegenüber der Welt prägen. Dazu beginnt er seine philosophisch aufgeladene Rede hinter einer weißen Wand, die dann hochgefahren wird, als es eben um die Macht des vorgefassten Bildes geht. Das sich natürlich als trügerisch erweist, denn Michael steht jetzt da in schwarzer SS-artiger Uniform, völlig dissoziiert von dem, was er sagt. Ein schöner Effekt, der nicht weiter verfolgt wird, wenn er sich immer weiter durch Visionen von der Befreiung des Denkens mäandert, immer wieder fragt, was denn dann bliebe, um festzuhalten: nichts. Ob dieses Nichts ein weg nach vorn, ein Ausweg gar, sein könnte, fragt der Abend dann nicht.

Überhaupt ist die Inszenierung so sehr Flickwerk wie der „neue Mensch“, von dem sie vermeintlich zu erzählen scheint. Einen großen Raum nimmt die Kunst ein, vor allem in einer aberwitzig amüsanten, halb improvisierten Dialog-Passage zwischen Moltzen und Gerrit Jansen, in dem beide auf freundlich provokante weise auch mit dem Publikum interagieren, die zuvor zuweilen gar sichtbare Vierte Wand einreißen oder dies zumindest vorgeben zu tun. Sie thematisieren die Theatersituation und ironisieren die Sinnhaftigkeit ihres Diskurses, kokettieren mit der Hermetik der Textbearbeitung („Ihr hättet das lieber lesen sollen, um es zu verstehen“) und kommen zur Schlussfolgerung, dass das einzige, was kein Kitsch ist, das Nichts sei. All die Kunsttheorie, all das hehre und sich ereifernde Debattieren – es führt letztlich in die Erkenntnis der eigenen Wertlosigkeit.

Womit der Abend wieder bei seinem eigentlichen Thema angelangt wäre: der Wahrheit. Ob es um die Optimierung des Menschen geht, um den Versuch, sich dem Anderen in Liebe oder Zuneigung anzunähern, um die Bedeutung von vorgefertigten Bildern und Urteilen oder eben die Authentizitäts- und Erkenntnbisbehauptung der Kunst: Am Ende steht stets die Frage im Raum, wo sich Wahrheit, echtes Verstehen und damit die Möglichkeit einer Insel, die ein Neuanfang sein könnte, verbergen könnten. Beim Zyniker Houellebecq eine Frage ohne die Möglichkeit einer positiven Antwort – und leider auch bei Robert Borgmann. angesichts des Aufwands, den er treibt, der visuell durchaus spannenden Welten, die er skizziert, der Diskurse, die er führen lässt, eine eher enttäuschende Conclusio. All diese Versuche erweisen sich als Täuschungen, als individueller oder kollektiver Selbstbetrug. Der Mensch bleibt Flickwerk wie der Abend, sinnfrei in die eigene Verblendung steuernd. Und selbst das ist nicht „gut so“, sondern nur einfach „so“. Im Versuch, über den Autor hinauszugehen, seinem text eine Bedeutung zu entlocken, die dieser dort nicht hinterlegt hat, zerfällt der Abend und geht seiner Vorlage und ihrem mitunter zynischen Nihilismus auf den Leim.

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