Ideenlose Götter

Ronald M. Schernikau: Legende, Volksbühne Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Ein Titel als Programm: Legende ist das opus magnum Ronald M. Schernikaus, des Grenzgängers zwischen Ost und West, des Kommunisten im Westen und des fremdelnden Westlers im Osten, des stets Widerständigen, des offen Schwulen, des zwischen alle Schubladen Gefallenen, der nie dazu gehörte und es vielleicht nicht wollte. Erscheinen durfte das 1100 Seiten starke Mammutwerk nur – und erst nach dem viel zu frühen Tod des Autors –, weil es zahlreiche prominente DDR-Kolleg*innen vorab subskribierten, schnell war es vergriffen, seit mittlerweile bald 30 Jahren. Jetzt scheint die zeit reif zu sein für eine Renaissance: Der Verbrecher Verlag besorgte eine kommentierte Neuauflage und die Volksbühne bringt den Wälzer in einer Dreieinhalbstunden-Adaption auf ihre große (Dreh-)Bühne. Mit Stefan Pucher kümmert sich auch gleich ein Regie-Schwergewicht um das sperrige Konglomerat – in besseren Hände könnte diese Neubelebung also kaum sein. Und doch drängt sich schnell der Gedanke auf, dass hier vor allem eines herrscht: tiefe Ratlosigkeit. Denn aus der Zeit gefallen ist dieses Werk ohne Zweifel: Der postulierte Streit zwischen Kommunismus und Kapitalismus auf Augenhöhe, das Schwanken zwischen Verzweiflung an der Welt und fast naiver Rettungsvision – das alles wirkt anachronistisch und weit weg, die Schlachten längst geschlagen – und nun wieder aufgewärmt?

Bild: Thomas Aurin

Es sind genau diese Aspekte, die sich Pucher heraussucht aus dem Riesenwerk und um die er seine Inszenierung baut: die Geschichte um den Industriellen Anton Tattergreis, wunderbar leicht neben sich und seiner Figur stehend gespielt von Marthaler-Urgestein Ueli Jäggi, seinen sich selbst abschaffen wollenden Nachfolger Janfilip Geldsack (hibbelig seine Figur veralbernd: Sebastian Grünewald), der kommunistischen Aktivistin Lydia Königin (Katharina Schubert, die vielleicht noch mehr in einer Krankenschwester-Rolle überzeugt) und den Staatschef Lange (vom völlig unterforderten Robert Kuchenbuch auf Honecker-Double getrimmt). Ein Gegeneinander der Systeme und Ideologien zwischen Satire und Gesellschaftsanalyse, von Pucher als statisches Herumsteht-Theater auf die Bühne gezimmert, ohne dass eine wirkliche Richtung je erkennbar wäre. Da wird mal karikiert, die Sozialdemokratie wohlfeil demontiert, Demagogie ausgestellt und gern auch farcenhaft überzogen. Dann wieder wird es todernst, vor allem, wenn der linke Teil der Personnange spricht, ist kurz eine ehrliche Verzweiflung am Entschwundensein einer wie auch immer erfolgreichen Alternative zu spüren, doch bleibt auch das nur kurzes Schlaglicht, Episode. Jede*r Spieler*in hat ihre eigene Spielhaltung, jede „Szene“ steht für sich.

Dazwischen schweben (im Eingang im Wortsinne) die Götter, Ikonen wie Klaus Mann oder Ulrike Meinhof, aus denen eigentlich nur Dieter Rita scholl mit seiner hart erkämpften würdevollen Widerständigkeit heraussticht, die ansonsten aber auch reichlich hilflos über die Szenerie mäandern. Denn was gibt es hier zu retten, wo alles in 60er-/70er-Jahre-Ästhetik (das Plastik-Bühnenbild stammt von Barbara Ehnes) erstarrt ist. Die Kapitalismuskritik ist altbacken und und so hölzern wie Spiel und Bewegungen, die Rettungsvision ein hübscher Effekt, dem der Abend jenseits des Originalitätswerts aber nichts abzugewinnen weiß. Das Geschehen ist so sehr grellbunte Parabel und augenzwinkernde Lehrstück-Parodie, dass auch die irdisch-überirdische Instanz nicht mehr ist als belächelnswert ironisierte Staffage. Zudem bleibt wirkliche Interaktion zwischen den Charakteren Fehlanzeige, auch will sich Pucher nicht zwischen Narration und Spiel entscheiden will oder kann. Schernikausche Regieanweisungen grätschen immer wieder ins Geschehen, ironisieren das ohnehin reichlich Distanzierte weiter, so dass selbst die Zuschauer*innen in der ersten Reihe sich fühlen müssen, als schauten sie durch ein Fernrohr auf etwas weit Entferntes.

Dabei beginnt der Abend so nah: Vor dem Eisernen Vorhang sitzt Sólveig Arnarsdóttir in einer angedeuteten Ost-Kneipe – das West-Pendant bleibt verwaist – und spricht einen Monolog von Irene Binz, dem alter Ego von Schernikaus Mutter. Sie spricht von Liebe und politischer Überzeugung, einer Republikflucht wider Willen, dem Hin- und Hergerissensein zwischen freier Entscheidung und dem gesellschaftlich induzierten Verlangen, „dem Herzen zu folgen“, was natürlich heißt: dem Mann. Mit leider Stimme und großer Ernsthaftigkeit reißt sie den Grundwwiderspruch an und auf zwischen Hoffnung und Pragmatismus, gesellschaftlicher Utopie und Realität, dem Politischen und dem Priaten – und erzählt davon, wie alles ineinander greift und den Menschen mitreißt. Leider bleibt der Anfang Episode, Fremdkörper, wird später beim grotesk absurden „Irene Binz Jubiläum“ persifliert. Den Ton findet der Abend erst ganz am Ende wieder: Da steht Nicolas van Diepen im schwarzen Kleid da, spricht von der Verlorenheit des homosexuellen Mannes zwischen Diskriminierung und AIDS, beginnt ein altes Lied zu singen und wird überblendet vom echten Schernikau, der in einer TV-Aufnahme selbiges anstimmt.

Da ist das politische wieder privat geworden, die menschliche wie die spezifisch deutsche Zerrissenheit im individuellen Geist und Körper angekommen, wo sie immer schon beheimatet waren. Und der Abend nach drei Stunden wieder bei sich. Doch da ist es längst zu spät. Weil Stefan Pucher jenseits einzelner Episoden keinen roten Faden findet, er sich theatrale Elemente zusammensucht und diese für sich behandelt, ohne Rücksicht auf das Ganze. Und so zerfällt der Abend zu einem Nebeneinander von Bruchstücken, vielleicht nicht willkürlich ausgewählt, aber nicht miteinander kompatibel. Pucher sucht das Plakative, das gesellschaftlich Parabelhafte und das Persönliche, aber er findet keine Brücke zwischen beiden, lässt die Pole unverbunden und bleibt zurück mit einer Inszenierung, die nicht mehr ist als eine Folge scheiternder Versuche. Hier sind letztlich nicht nur die Götter anwesend abwesend, sondern auch eine echte Idee. Das ist schade, auch weil es eine nicht ganz unwesentliche Aufgabe des Abends nicht erfüllt: Lust zu machen, in das überbordende Konvolut des Romans einzutauschen.

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