Ungelebtes Theater

Tom Kühnel und Jürgen Kuttner: Hast la Westler, Baby!, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner)

Von Sascha Krieger

Aus dem Kapitalismus haben sie schon eine Revue gemacht, aus dem Feminismus auch, jetzt ist also die Ost-West-Thematik dran, 30 Jahre nach der so genannten Wiedervereinigung. Passt ja. Und wie schon bei letzterem gelingt es dem kongenialen Duo aus mehr oder minder ernsthaftem Theatermacher und Theater-Radio-Videoschnipsel-Rampensau auch diesmal, ein hochkomplexes, wichtiges und höchst relevantes Thema zu wohlig humoresker Harmlosigkeit zusammenschnurren zu lassen. Dabei beginnt der Abend vor dem Eisernen Vorhang der Kammerspiele recht vielversprechend: Katrin Klein und Peter René Lüdicke sitzen sich als zwei Psychoanalytiker+innen – sie West, er Ost – gegenüber und tauschen ihre Einstellungen, Erfahrungen, Gefühle zur Trennung, die eine Einigung, die eine Trennung ist, aus. Er spricht über den Verlust von Machthabern, die über die Trauer angesichts 40 Jahre „ungelebter Leben“, beide vermuten, der jeweils andere Teil sei eine Art Komplementär des Eigenen, was nicht heißt, dass sie aus ihren Vor(gefertigten)urteilen und Klischees über den Anderen als das andere herauskämen. Auf die Ebene pseudoanalytischer Tiefe gehoben, wirken die Mauern in so manchem Kopf noch banaler und erschreckender.

Bild: Arno Declair

Was den Rest des zweistündigen Abends ganz gut beschreibt. Kuttner selbst schwebt ein als Astronaut mit Deutschlandfahne, gibt den Moderator, den Conférencier, den Zirkusdirektor und den eulenspiegelhaften Hofnarren. Und er sorgt für einen durchaus frösteln machenden Moment: Wenn er die Verteidigungsrede Erich Honeckers, die DDR als gescheitertes Experiment, vom Westen besiegt, aber in vielem besser, rechtfertigend, vorträgt – albern plakativ sich in einer extra dafür bereitgestellten Kabine federn lassend – bekommt er nicht nur am Ende, sondern etwa bei des Ex-Generalsekretärs Ausführungen zu angeblich in seinem Land existierenden Kunstfreiheit, Szenenapplaus. Da offenbart der Abend, ohne es zu wollen, wie tief die Wunden, um die es geht, offensichtlich noch – oder wieder – sind. Umso schmerzlicher, als er sie bestenfalls als Spielmateriel nutzt, aber nie wirklich verhandelt. Auf der von nichtssagenden Vorhängen umfassten Drehbühne (Bühne: Jo Schramm) entfesselt er allerlei klischeebefeuerte Albernheiten. Božidar Kocevski gibt einen Wessi-Coach, der die Ostler zu Verkäufern umschulen will und natürlich ordentlich scheitert. Dabei steckt er im Cowboy-Kostüm, die „Ossis“ in Indianer-Outfits, Assoziationen herausfordernd in Richtung amerikanischen Raubtierkapitalismus, dem Narrativ der Kolonialisierung des Ostens durch den Westen, aber auch der seltsamen Indianer-Romantik-Subkultur, die für machen DDR-Bürger Ventil für den graue Alltag war.

Das ganze ist so klischeehaft, wie es klingt. Beim Hütchenspiel werden dann O-Töne zur Währungsunion eingeblendet und abgewürgt, aus Frank Schöbels Ost-Schlager „Gold in deinen Augen“ wird „Schwarz-Rot-Gold“, das Duett zum Duell, denn Ost und west ist ja stets ein Gegeneinander. Klar. Das zu belegen, dazu dienen die Erinnerungen Michael Eberths, aus dem Westen stammnder DT-Chefdramaturg der unmittelbaren Nachwendezeit, in denen er seiner Frustration über die von ihm erfahrende Wagenburgmentalität von Ost-Ensemble und -Belegschaft Ausdruck verleiht, der Unfähigkeit einer Annäherung, die natürlich nur bei den anderen lag. Der Text wird mal ernsthaft vorgetragen, dann aufgeteilt als launischer Performance-Reigen auf der Drehbühne, am Ende als chorische Lesung, bei der eine*r nach der*m anderen die Bühne verlässt, und so entsorgt als vielfach ironisiertes Inhaltsmaterial, das eher von „Wessi“-Arroganz und -Ignoranz spricht als von Nicht-Verständnis auf Augenhöhe. Was Eberth, der bei der Premiere zugegen gewesen sein soll, davon hält, ist nicht bekannt.

Letztlich ist an diesem Abend ohnehin alles Verfügungsmasse. Becher/Eislers Lenin-Lied „Er rührte an den Schlaf der Welt“ mutiert zum relaxten Chanson, zu Funny van Dannens „Bundesadler“ fliegt Kocevski per Bluescreen und Live-Video durch die Welt, Lüdicke gibt den englischen Historiker James Hawes, der alles Übel der deutschen Geschichte, auf die Nichtintegrierbarkeit der Ostdeutschen, also jener jenseits der Elbe Lebenden, herunterbricht. Eine Provokation, die hier witziges Reinsprengsel bleibt, weiterer beleg für die Unterbutterung der „Ostler“, die natürlich – bei Kuttler kriegt jede*r ihr Fett weg – selbst doof genug waren, das zuzulassen. Schnell zerfällt der Abend zu einer Nummernrevue, zuweilen gute Ansätze verpuffen in der Abfolge gutgelaunter und pseudoscharfer Shownummern, die über das Wiederkäuen altbekannter Klischees nie hinausgehen und stets, wann immer sich das doch andeutet, schnell in die Beliegigkeit ironisiert werden.  So hätte sich etwas aus Hawes‘ Thesen mehr machen lassen als eine mit übergriffiger Live-Kamera abgefilmte Parodie, die endet mit einer Westernhagen-Umdichtung „Ich bin froh, dass ich kein Ostler bin, damit nicht noch jemand auf die Idee käme, sich mit dem Gesagten womöglich auseinanderzusetzen. Dass der Abend mit einer elendig langen nichts sagenden schlager- und sonstigen Musikparade in ABBA-Kostümen endet, erschließt sich nicht, ist aber irgendwie ein bisschen amüsant. Oder so. Die Schlussnummer, eine von Maren Eggert vorgetragene deutsche Version von „The Winner Takes It All“, ist dann wieder extra plakativ und fasst die schnipselhafte Beschäftigung mit Wendeverlierern, gierigen Westlern und kübelweise ausgekipptem Spott über die „doofen Ossis“ griffig zusammen. Der Westen hat gewonnen und alles plattgemacht. Gut, dann muss man ja nicht weiter nachdenken. Ziel erreicht. „Ungelebte Leben“? Ungelebtes Theater!

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