Auflösung und Neuanfang

Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker spielen Mahlers sechste Symphonie

Von Sascha Krieger

Man kann Kirill Petrenko, seit dieser Spielzeit Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, wahrlich nicht vorwerfen, sich dem Erbe „seines“ Orchesters nicht zu stellen. Die Werke Gustav Mahlers gehören spätestens seit der Amtszeit Claudio Abbados zum Kern des Klangkörpers. Abbado, einer der größten Mahler-Dirigenten überhaupt, hat das Orchester auch zu einem der besten Interpreten des Spätromantikers geformt, und sein Nachfolger Sir Simon Rattle versuchte sein möglichstes, die Tradition fortsusetzen: Nicht nur bildete sein großer Mahler-Zyklus so etwas wie das Herzstück seiner Amtszeit, er gab einst seinen Einstand mit Mahlers Sechster und verabschiedete sich mit eben diesem Werk auch als „Chef“. Wenn Petrenko nun ausgerechnet dieses Werk in seiner Debüt-Saison auf den Spielplan hievt und damit seinen Mahler-Einstieg als Chefdirigent gibt, ist das sicher kein Zufall, sondern sagt: Ich führe die Tradition fort und scheue den Vergleich mit meinen Vorgängern nicht. Ein durchaus mutiger Schritt, der dem Selbstbewusstsein eines Dirigenten entspricht, der das vielleicht beste Orchester der Welt über Jahre oder gar Jahrzehnte hinaus leiten will.

Kirill Petrenko (Bild: Monika Rittershaus)

Und natürlich springen gleich Unterschiede zum Vorgänger ins Auge, pardon, ins Ohr. Wo Rattle den Ausgleich suchte, Hoffnungsklängen hinterherlauschte, die Verbindungslinien zwischen dem vermeintlich Disparaten erforschte, bricht Petrenko auf, legt die Widersprüche offen, zerschlägt eher, als das er zusammenfügt. Seine Methode ist die akribische, mikroskopische Partiturarbeit, er blickt minutiös auf Details, und fügt aus diesen ein Ganzes zusammen. In diesem Fall ist dies ein schroffes, zerklüftetes Konglomerat aus unterschiedlichsten musikalischen Welten, Ausdrucksformen, Wegen ins Gestern wie ins Morgen. Mit äußerster klanglicher Verknappung und rhythmischer Schärfung geht der Dirigent den Kopfsatz an, Äußerst hart, klanglich dicht und schlank, der Marsch, geisterhaft brüchig das Choralmotiv der kaum noch körperlich erscheinenden Holzbläser. Hier tun sich Abgründe auf, Lücken, die sich kaum noch überbrücken lassen. Die Illusion, es ließe sich hier irgendetwas einen, verfliegt früh. Stattdessen baut Petrenko den Satz und das ganze Werk auf wie ein Mosaik, in dem immer wieder Steine fehlen. Die lyrischen Momente wirken fast außerweltlich, die Stimmen vereinzeln sich, fliegen ohne Ziel durch ein dunkles, leeres Universum, verzweifelt sich an den Raum klammernd, der letzter Existenzhalt für sie ist. Die Spannung ist kaum auszuhalten, das Spektrum in Bezug auf Dynamik, Tempi, Ausdrucksmodi, Klangfarben so breit, wie es irgend geht und streckenweise kaum auszuhalten.

Ganz traditionell lässt Petrenko an zweiter Stelle den langsamen Satz spielen, dem er statt eines Mahlerschen Fließens eine Art Zellenstruktur verleiht. Die einzelnen Stimmgruppen und Klangfarben rivalisieren, dialogisieren, streiten gar, es herrscht ein spannungsvolles Neben- bis Gegeneinander lyrischer Einzelstimmen, oft von höchster, schmerzerfülltester Zartheit, Brüchigkeit, Verletzlichkeit. Die Streicher suchen die Breite, das Satzende ist von kaum erträglicher Sachlichkeit. Das Sehnen mäandert vielstimmig im Raum – doch es wird nie seinen Zielpunkt finden. Im Scherzo ist es dann endgültig vorbei mit jeglicher Ländlerseligkeit, das feine Spiel aus Marsch- und Ländlerrhythmus wird aufgegeben zu Gunsten einer perkussiven Rhythmik und einem dauerhaften Kollisionskurs der unterschiedlichen Ausdrucksmodi und Klangrichtungen. Die Klangfarben sind scharf herausgearbeitet und – etwa beim Verbund von Basstuba und Kontrafagott – gar ins Extreme gekehrt. Hier herrscht pure Spannung, will sich nichts versöhnen, wird die „Tragische“ zur kriegerischen Symphonie, zum Feld des Streits des Ungelösten und Unlösbaren.

Im Finale zerfällt dann jegliche Resthoffnung auf Einigung vollends. Schon die Harfenklänge zum Beginn erscheinen als Störgeräusche, als Stolperfallen, die alles Sehnen nach Harmonie obsolet machen. Die Gespenster marschieren, die Bläser schreien schrill, klangliche, dynamische welten prallen ungebremst aufeinander, klangliche Ebenen, Farben, Stimmen bleiben separiert, kommen nicht zusammen. Die Spannung steigert sich ins Extreme, gegen Ende driften die einzelnen Stimmen auseinander, brechen auf, lösen sich auf, erstarren. Hier geht es nicht mehr weiter – oder ohne Unterlass und ohne Hoffnung auf ein Ende. Die Hammerschläge lösen nichts, sie sind Teil der gewaltsamen Unruhe, die hier herrscht. Hier löst sich eine Welt auf, ohne dass klar ist, was nach ihr kommt oder ob es ein „nach ihr“ überhaupt geben kannte. So wird aus einem analytischen Ansatz eine unnachgiebige, fast pessimistische Lesart, aus dem Aufbrechen des Gewissen ein Neuanfang. Und zumindest das hat Kirill Petrenko womöglich auch intendiert.

Ein Gedanke zu „Auflösung und Neuanfang

  1. […] weitere Aufführungen am Freitag und Samstag. Weitere Kritiken: Schlatz, Krieger, […]

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