Lebensexplosion

Herbert Blomstedt und Leif Ove Andsnes mit Werken von Mozart und Bruckner zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Ein Abend in Es-Dur – und in rot-weiß-rot. Und ein nordischer: 92 Jahre alt ist Herbert Blomstedt mittlerweile, ein Alter, dass man dem ewig lächelnden Schweden nicht ansieht, vor allem dann nicht, wenn er mit der Energie eines viel Jüngeren seiner Leidenschaft nachgeht: seinen Teil zu leisten, das Besondere zu erzeugen, Musik, die Lebt, den Raum füllt, nachklingt. An seiner Seite diesmal ein Norweger, Leif Ove Andsnes, ein Pianist, bei dem man, hört man ihn, nie versteht, warum er nicht zu den medial hochgelobten Superstars seiner Zunft gehört. Wohl weil er, wie Blomstedt, auch ein Meister des Understatements ist. Er schwitzt und schüttelt und tanzt sich nicht durch die Tastatur, ihm ohne Ton zuzuschauen, muss zum Langweiligsten gehören, das man sich antun jkann. Aber was er seinem Instrument entlockt, ist atemberaubend – nicht in virtuoser Überwältigung, aber in analytischer Schärfe und intellektueller wie emotionaler Wirkung. Das gilt auch für Wolfgang Amadeus Mozarts Es-Dur-Klavierkonzert, das eigentlich wegen seiner Bedeutungsverschiebung der Holzbläser als musikgeschichtlicher Meilenstein gilt.

Herbert Blomstedt und Leif Ove Andsnes zu Gast bei den Berliner Philharmonikern (Bild: Frederike van der Straeten)

Die lässt sich natürlich auch an diesem Abend hören, im Mittelpunkt steht sie nicht. Andsnes und Blomstedt gehen das Werk mit viel Zug an, rasch, sachlich, ohne altertümelnde Schnörkel. Ein erdiger Grundton erfüllt den Saal, eine beinahe Beethovensche Strenge das Orchester. Andsnes‘ Spiel ist klar, detailscharf, analytisch, ohne Schnörkel, aber nie trocken. Er findet die Emotion weniger in der Interpretation als in der Partitur. Der erste Satz kämpft mit Anlaufschwierigkeiten, die dialogischen Passagen sind ein wenig überbetont, das Orchester spielt ein bisschen zu schwer, Solist und Klangkörper tasten sich erst ein wenig hinein. Um im langsamen Satz vollends anzukommen: Blomstedt findet die Klangschichten und stellt sie neben- und miteinander in den Raum: die lichten Holzbläser, die erdigen Streicher, dazu das sachlich klare Perlen von Andsnes‘ Spiel, der in der Kadenz gar ein wenig nach Bach klingt.

Aus dem mikroskopischen Blick entsteht eine klangliche Einheit im Unterschiedlichen, ein Ganzes im Vielgesichtigen, eine Weitung des Klangraums, in dem die Musik atmet. melancholisch, sehnend, hoffend. Schön die Kontraste zwischen orchestraler Dichte und lichtem, leicht tänzerischem und doch ungemein geradlinigem und zielstrebigem Solospiel im Finalsatz. Das Orchester geht extra energisch vor, Andsnes dagegen betont behutsam, fast schwelgerisch der lyrische Mittelteil, von berührend zurückgenommener Intimität das Zusammenspiel von Solist und Konzertmeister, wunderschön der Lichteinlass durch das Hinzutreten des Holzes. Der Solist ist stets hellwach, agiert detailscharf, beachtet jede Note und findet in der Präzision emotionalen Gehalt. Keine makellose Interpretation, aber eine voller Energie, Leben, klanglicher Spannung und emotionaler Wirkung.

Der Klang steht auch anschließend bei Anton Bruckners vierter Symphonie im Mittelpunkt, der „romantischen“, der mysteriösen, das erste und das Letzte zusammendenkenden, in einer Bruckner-typischen einzigen Wellenbewegung non-linearer Lebensfülle. Bei Blomstedt kommt das Überirdische recht körperlich daher, erdverwurzelt, mit festem Fundament versehen. Das Spektrum ist atemberaubend: von maximaler Verdichtung und dynamischen Hächstwerten samt schreiendem Blech bis zu zartester, fragmentierter Stille am Rande des Verschwindens. Dabei ist das Gegeneinander nie schroff, sondern stets organisch, eben eine Wellenbewegung mit höchsten Bergen und tiefsten Tälern. Hell leuchten die Streicher, erdig spenden Holz und Hörner Wärme, scheu probt die Soloflöte den Sonnenaufgang. Ein Weltwerden zwischen der Zeit, aber in diesem Raum. Ein Spiel der Klangfarben in höchster physischer Präsenz.

Der zweite Satz ist atemberaubend, eine tieftraurige, melancholische Meditation über leben und Tod, ein Anfangen und Abbrechen mit inselartig mäandernden Solostimmen, verloren im leeren Universum und ihrem Zusammenfinden in einer Weltvision, die so brüchig ist wie das, aus dem sie entstand. Bewegt das Satzende, der erste Versuch einer Apotheose, ein Hoffnungsaufbäumen voller Zweifel. Affirmativ und körperlich die Fanfarenrufe des Scherzos kraftvoll die VerdichtungenSelbstbewusst die Blechrufe am Satzschluss, der den des Andante affirmiert. Dazwischen ein lichtes, helles Trio, lyrisch tänzerisch, vorsichtig, am Rande der Angst hüpfend. Der Schlusssatz dann voller Bewegung, ein brodelnder Ozean voller unterschiedlicher, nicht zusammenzupassen scheinender Klangwelten. Blomstedt scheut das Große nicht, sucht die Weite, mal im Blech, mal im ganzen Orchester. Die wellen wogen, das ende ein lebendiges Strahlen auf höchster innerer Bewegung. Eine Lebensexplosion, dann Stille. Lange. Konzentriert. Ohne Huster. Das vielleicht größte Kompliment.

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