Wenn die Statistik versagt

Rimini Protokoll: 100% Berlin reloaded, Hebbel am Ufer (HAU 1), Berlin (Regie: Helgard Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel)

Von Sascha Krieger

Wie, wer, was ist Berlin? Wie tickt die Stadt, wie lebt sie, was will sie? Fragen, die Statistiken beantworten. Kalte Zahlen, Diagramme, Grafiken auf Papier. Vor 12 Jahren haben Rimini Protokoll, die Realitätsschürfer*innen und -simulierer*innen des deutschsprachigen Theaters versucht, diese Ziffern und Prozente lebendig zu machen. 100% Berlin hieß das und brachte 100 Berliner*innen auf die Bühne des Hebbel-Theaters. Statistisch ausgewählt nach Kategorien wie Alter, Geschlecht oder Stadtbezirk sollten sie gemeinsam für 100 Prozent dieser Stadt stehen. Eine Erfolgsinszenierung damals, ein Exportschlager bis heute: In 36 weiteren Städten weltweit wurde die Idee seitdem umgesetzt, 2020 sollen vier weitere hinzukommen. Jetzt, 12 Jahre später, anlässlich des Jubiläumsprogramms zu 20 Jahren Rimini Protokoll, kommen Rimini Protokoll zurück an den Ort, wo alles begann. Und  fragen, wie die Stadt heute aussieht, wie sich sich verändert hat, zum Guten wie zum Schlechten. 37 der damals Teilnehmenden sind wieder dabei, darunter Julian, damals gerade wenige Tage alt, das 100. Prozent. Diese Rolle hat jetzt seine Schwester eingenommen, die heute bei der Neuaflage die jüngste Teilnehmerin ist. Ein schönes Bild.

Bild: Sascha Krieger

Viel geht es an dem Abend, den wie damals Statistiker Thomas Gerlach eröffnet, darum, was in den letzten 12 Jahren mit dieser Stadt passiert ist. Schon bei der Vorstellungsrunde auf verlangsamter Drehbühne, bei der jede*r kurz etwas zu sich sagt und ein Erkennungszeichen präsentiert, bis sich am Ende der Kreis – der Stadt und der 12 Jahre – schließt, wird klar: Berlin ist diverser geworden, internationaler, offener. Damals ließen sich noch alle Teilnehmer*innen in die binäre Unterscheidung männlich/weiblich einpassen, heute gilt das nicht mehr. Geflüchtete sind hinzu gekommen, Männer, die mit Männern verheiratet sind. Wie damals ist der Abend primär ein Frage-und Antwort-Spiel, interessieren die 100 primär als Repräsentanten. Eine virtuelle Roulette-Kugel rollet, auf dem kreisrunden Bildschirm werden die 100 zu Diagrammen, formieren sie sich zu Altersringen oder Kuchengrafiken. Später postieren sie sich um „Ich“- oder Nicht-Ich“-Schilder, um zu zeigen, wie sie zu bestimmten Fragen stehen. Zwischendurch müssen alle, die bei der letzten Wahl nicht gewählt haben, in den Hintergrund, symbolisierend, wer letztlich, die Entscheidungen über die Zukunft aller trifft. Jede*r, so erfahren wir, steht für gut 37.000 Einwohner*innen – und bleibt doch Individuum. Das zeigt sich vor allem gegen Ende, wenn härtere Fragen kommen: Wer hat Gewalt ausgeübt? Wer ist für die Todesstrafe? Wer hat Steuern hinterzogen? Da gibt es schon mal Buhs, zu letzterer Frage wird gar das Licht ausgeschaltet und per Taschenlampe anonym abgestimmt. Auch wer die zwei sind, welche die Existenz der AfD gutheißen, erfährt man so nicht.

Eine Reihe Abstimmungsmechanismen werden ausprobiert, etwa Mappen mit farbigen Karten oder ein Regenschirm, um den herum man sich stellt. Dazu spielt „Die grine Kuzine“ stimmungsvolle auf osteuropäischen Einflüssen basierende Musik, um die Stimmung hochzuhalten. Das ist auch nötig, denn der Fragenmarathon ermüdet dann doch zusehends, auch weil Auflockerungen, die den Grundmodus verlassen, rar gesät sind. Ohne Zweifel erfährt man vieles: etwa, wie viele aufgrund der Mietenentwicklung umziehen mussten, Inlandsflüge verteuern möchten, von häuslicher Gewalt betroffen waren, beten oder diese Woche schon geweint haben. Auch die DDR-Vergangenheit spielt eine Rolle: Wer hat seine Stasi-Akte beantragt oder gar einen Informanten zur Rede gestellt, wer ging 1989 auf die Straße? Erschreckend viele Arme gehen hoch bei der Frage, wer glaube, dass unter ihnen Rassisten sind und einige wenige bejahen gar die Frage, zu befürchten, selbst Rassist*in zu sein. Der Abend ist dann am spannendsten, wenn er weh tut, wenn die Teilnehmer*innen heraus müssen aus ihrer Komfortzone. Dann werden aus Prozentzzahlen Menschen, Individuen, dann sind sie im Scheinwerferlicht auch und in erster Linie sie selbst und repräsentieren gleichzeitig. Denn die Gewalttätigen, die AfD-Fans und Todesstrafenbefürworter*innen, die Rassist*innen – auch sie sind Berlin.Hier sind sie nicht nur Prozente, sondern Gesichter, freundliche, sympathische, solche wie du und ich. Komplexe Menschen mit Fehlern,, nicht mehr reduzierbar auf Zahlen und Daten. Hier versagt die Statistik, hier wird sie unscharf. Und hier wird Berlin lebendig.

Gegen ende werden die Teilnehmer*innen befragt, wer von ihnen glaubt, in 12 Jahren nicht mehr zu leben. Erschreckend der junge Iraner, der sich in die erste Gruppe einreiht, witzig die Kinder, die erst bei „in 120 Jahren“ hinzutreten. Das repräsentiert diesen Abend, der auch eine halbherzige und schnell abgebrochene Publikumsbefragung einschließt: eine Mischung aus Ernst und Leichtigkeit, harmlosem Spiel und schmerzvoller Wahrheit. Ein Abend, der sich zu sehr in sein statistisches Konzept press, um wirklich abzuheben, dauerhaft zu berühren, durchgängig nahezugehen. Der Berlin sicher nicht repräsentiert, aber die Mischung, die diese Stadt ist andeutet, die Verwerfungen und Veränderungen spürbar macht. Auf die Frage, wie sich ihr eigenes Leben in den letzten 12 Jahren verändert habe, halten fast alle die Tafel hoch, die „positiv“ bedeutet. Gefragt, wie sie die Entwicklung Berlins im gleichen Zeitraum einschätzen, hält die Mehrheit die „Negativ“-Tafel hoch. 100 Prozent erreichen beide nicht und doch sind sie präsent in der Diversität, der Unterschiedlichkeit, dem Konsens, dass kein Konsens herrscht. Und das ist dann doch recht sympathisch und spendet zumindest ein wenig Hoffnung.

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