Liebe in Plastikfolie

Julius Kirchner: Verlorene Könige – Ein dramatisches Gedicht, Theater unterm Dach, Berlin (Regie: Jan-Hendrik Hermann)

Von Sascha Krieger

Am Ende werden sie sie sich finden: die Könige, die einst die Erde verließen und auf dem Mond vermutet wurden. Jene, welche die Ordnung zusammenhielten, die sich seitdem auflöste, die Ordnung menschlicher Gemeinschaft im Großen wie im Kleinen, zu zweit oder zu vielen. Und die Chaos hinterließen, Verwirrung, Konkurrenz. Liebe ist zum Wettkampf geworden: Wer ist der Held, der das leben des anderen erfüllen kann, der Ritter in weißer Rüstung, der alle Sorgen verfliegen lässt? Zwischenmenschliches wird zur Casting-Show, in der klare Regeln gelten und das Recht des Stärkeren, des Selbstsicheren, des besten Heldendarstellers. Fünf junge Männer stellen sich diesem Spiel des Lebens, der Liebe und der Macht. im Theater unterm Dach. Sie umschmeicheln, umwandeln, umgarnen, umtanzen einander, stets versuchend, das Gegenüber davon zu überzeugen, dass man selbst derjenige sei, in den es sich lohne zu investieren.

Bild: Sven Serkis

Denn darum geht es ja: Um das kapitalistische Spiel von Wert und Gegenwert, Angebot und Nachfrage, Liebe als Marketing, Nähe als Werbebild. Also wirft man sich in Pose, wird vom anderen ausgestochen, stichelt gegen ihn, mordet am Ende gar. Vier Texte sind Grundlage des Abends, fiktive wie reale Tagebücher – von Jean Genet, Nikolai Gogol, Maria Dabrowska und Luis Sepúlveda. Zu Beginn des Schreibprozesses wurden Textschnipsel gesammelt, gemischt, kombiniert. Entsprechend collagenhaft wirkt der Abend, eine Ansammlung von Fragmenten, von Zitaten, zusammengeklebt, um den bestmöglichen Effekt zu erzielen. So wie es auch den Protagonisten geht, die nach den überzeugendsten Liebesschwüren, den wirksamsten Posen, dem selbstbewusstesten Auftreten suchen. Dabei herrscht zuweilen etwas viel Hektik: Es wird gerannt, ein wenig obsessiv mit unerklärlichen Bauklötzern gespielt und mit weißen Rosen geworfen. Man trägt ätmellose Hemden, aus der Zeit gefallene Rüschenkragen oder Plastiksack-Outfits, in weiß oder schwarz, Traum-, Albtraumfiguren, die durch eine Wirklichkeitssimulation torkeln, die Zitatmaschine ist und die wir als Publikum wohl besser verstehen als sie.

Dabei kreist man immer wieder ums Begehren als Ware und Währung. Wunderbar dieser eine Moment, in dem Marcel von Brasche und Leon Blohm weiße Zollstöcke entfalten und in weltvergessen verkicherter Zweisamkeit in einem imaginären Teich angeln. Ein Augenblick nur, denn der Markt wartet nicht. Und so ist das Duo bald aufgespalten, Justin Otto als neuer, besserer Held bricht die Zweisamkeit auf, Emil Kollmann irrt, mäandert sehnsüchtig Anschluss suchend über die Bühne, die erst seine wird als Opfer, und Ehab Eissa, der schwarzgekleidete Plastikmensch, ist Opportunist der Liebesökonomie, Manipulator, Strippenzieher, Nutznießer der Verwirrung der anderen. Regisseur Jan-Hendrik Hermann choreografiert das Werbespiel als ebenso rauschhaften wie durchgeplanten Tanz um eine Mitte, die es nicht gibt, die es vielleicht nie gegeben hat. Das ist durchaus überzeugend, auch weil die fünf Spieler jeweils eigene Körpersprachen für das Verbiegen, Verzerren, das Schwanken und Irren finden, mit dem sie sich auf dem Markt zurechtzufinden suchen, die Echtheit und Unmittelbarkeit des Fühlens aufgeben zu Gunsten einer Mechanik des Eigenmarketings, das alles andere ersetzt. Die „Könige“ sind Ideal, die „Helden“ Abziehbild. Mediale Projektionen einer Rollenvorgabe, der sich zu entziehen unmöglich scheint.

Und die potenziert wird dadurch, dass hier alles – zuweilen sehr sexuell explizit – in einem schwulen, nicht heteronormativen Umfeld geschieht, das Rollenvorgaben und -erwartungen mit einer weiteren Ebene, jener der Differenz zur so genannten Mehrheitsgesellschaft, auflädt, den Preis in die Höhe treibt, Angst und Nervosität steigert, weil auch das Risiko wächst, vom Markt abgestraft zu werden. Das Ensemble verkörpert diese Angespanntheit, diese erzwungene Verkünstlichung, die mechanische Dauerverkrampftheit auf höchst intensive wie individuelle Weise. Sie sind Akteure wie Puppen, Spielende und Gespielte. In oft gespenstischem Licht ist ihr Fühlen überlagert von Zitaten, verhüllt wie unter der Plastikfolie, die hier (fast) alles verdeckt. Wie der Text ist die Realität Collage, Stückwerk, aus Projektionen zusammengeflickt. Das überzeugt, auch wenn der Abend mitunter ein wenig entspannter daherkommen dürfte und die finale Mond-Odyssee nicht bräuchte. Assoziationsmaterial bietet er genug und in seiner Abstraktion ein nicht unkenntliches Abbild einer Wirklichkeit, in der auch wir Zuschauer*innen gefangen sind.

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