Im falschen Film

Kirill Petrenko dirigiert sein erstes Silvesterkonzert bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Nein, Schubladen mag der neue Chefdirigent der Berliner Philharmoniker nicht. Klar, ist der in Russland Geborene auch im Repertoire der Heimat seiner Vorfahren firm, doch ein Spezialist fürs „russische Fach“ will Kirill Petrenko nicht sein. Und so ist es sicher auch ein Statement, wenn er für sein erstes Silvesterkonzert in Berlin einen weg wählt, der wie der genaue Gegenentwurf zum vielleicht Erwartbaren wirkt. es war der Brite Sir Simon Rattle, der zum Jahreswechsel mit Slawischen und Ungarischen Tänzen gen Osten Blickte – Petrenko schaut in die Gegenrichtung und landet am Broadway – bei Gershwin, Bernstein, Weill, Rodgers oder Sondheim. Ein „leichtes“ Programm ist das dabei keineswegs – Petrenko geht die schwungvolle Kost mit der gleichen Akribie und Ernsthaftigkeit an wie jedes andere Werk. Nur dass das diesen Stücken nicht recht gut tun will. Das zeigt sich schon in der Ouvertüre von George Gershwins Girl Crazy. Mit unnachgiebiger Transparenz und unerbittlicher rhythmischer Strenge entwickelt er eine Schärfe in Klang und Rhythmus, die weniger zum Mit-Swingen animiert als dass sie zuweilen zu schmerzen vermag. Die Holzbläser schmeicheln, das Blech schreit, angenehmes Entertainment klingt anders.

Diana Damrau, Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker beim Silvesterkonzert 2019 (Bild: Monika Rittershaus)

Das bleibt insbesondere in den instrumentalen Stücken auch so. Etwa in der Tanzsuite aus Leonard Bernsteins West Side Story. Hier pulsieren die tiefen Streicher wie ein urzeitlichen Grollen aus dunkelster Tiefe, schrillen Blech und Holz um die Wette. Petrenko setzt auf maximale Unruhe, extreme Kontraste in Klangbild, Tempi, Rhythmus und Dynamik, reizt das Fortissimo bis an die Schmerzgrenze aus, nimmt den „Mambo“ schon furchterregend aggressiv. Er lässt das Orchester die Klangschichten fragmentieren und sucht die Dissonanz, dass es zuweilen klingt, als wären wir tatsächlich im russischen fach, genauer gesagt bei Schostakowitsch. Das pulst und knarrt und rumpelt sich in groteske Höhe, dass es eine spannende Lust ist, aber sicher kein Tanz. Verlierer sind die stilleren Passagen, vor allem das „Somewhere“ schleppt sich zäh dahin und nur das Finale findet zu ein wenig Zartheit, vor allem in den brüchigen Holzbläsern.

Ähnlich sieht es später bei Kurt Weills „Symphonic Nocturne“ aus Lady in the Dark und Gershwins An American in Paris aus. Erstere zeichnet sich an diesem Abgend durch immer wieder forciert wirkende Rhythmik aus, ein Kippen ins fast Groteske, das eher Geisterbahn ist als Broadway. Ein erdiger Puls gibt den Takt vor, ein satter, bläserlastiger Mischklang entschädigt für manches. Bei Gershwin dann eine extrem schroffe, mitunter leicht fragmentierte Rhythmik mit sehr harten Kanten und den bereits bei Bernstein zu beobachtenden extremen Kontrasten. Klanglich kann das mehr überzeugen, etwa wenn die Tuba auf sanft flirrenden Streichern mäandert oder das Orchester sich organisch zu wärm vielschichtiger und vielfarbiger Fülle zusammenfindet. Im Verlauf findet dem Orchester zu etwas organischerem musikalischem Geschehen, auch wenn der Schluss wieder ein wenig effekthascherisch wirkt.

Davor gefeit ist auch Diana Damrau nicht. Die Sopranistin ist die Solistin des Abends und mag das Dramatische in Auftritt wie Gesang. In Richard Rodgers „If I Loved You“ überzeugt sie mit warmem Ton und viel Variabilität im Ausdruck, überzieht aber ein wenig beim Versuch, Innigkeit zu erzeugen. Bernsteins „I Feel Pretty“ dirigiert sie ein wenig in Richtung Karikatur, rettet es aber mit sattem Ton und lustvoller Expressivität. Weills „Foolish Heart“, vom Orchester ein wenig langweilig umspült, belebt sie mit humoresker bis dramatischer Energie, in Stephen Sondheims „Send in the Clowns“ korrespondiert ihre Zartheit schön mit dem reduzierten, fast kargen Klangbild des Orchesters, auch wenn damrau das Dramatische nicht ganz zu lassen vermag. Sehr expressiv dann Harold Arlens „Over the Rainbow“, fast in Richtung Sprechgesang kippend die Strophen, schwelgerisch der Refrain, ein wenig zu hell die Orchesterbegleitung. Als erste Zugabe gibt es noch „Ich hätt‘ getanzt heut‘ Nacht“ von Frederick Loewe aus My Fair Lady, sehr ausdrucksstark, aber auch ein wenig eintönig. Ganz am Schluss noch als finale Zugae ein echter Energieschub: Fred Waxmans „Kosakenritt“ verschiebt die geografische Anordnung nach Hollywood und überzeugt durch transparenz, Energie und filmisch vollen Klang. Da ist der Abend endlich im richtigen Film angekommen. Spät, aber immerhin.

Ein Gedanke zu „Im falschen Film

  1. Hallo und vielen Dank für den wertvollen Post! Lesenswert Blog.

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