Die alte Geschichte

Kay Voges und Ensemble, frei nach Tschechow: ►PLAY: Möwe | Abriss einer Reise, Schauspiel Dortmund (Regie: Kay Voges)

Von Sascha Krieger

Er hat die großen Fragen, die eine zunehmend digitalisierte Wirklichkeit stellt, ins Theater gebracht, sich und es und uns gefragt, wie wir Welt erleben, wahrnehmen, leben, wenn alles zu viel, alles nah, nichts mehr wirklich zu verarbeiten ist. Wenn sich die Bilder ebenso überlagern wie die Informationen, die Welterfahrungen, die Realitäten, virtuelle, „reale“, sonstige. Wenn traditionelles Erzählen mit der Erfahrung der Wirklichkeit nichts mehr zu tun hat, der Loop das Lineare ersetzt, weil er es „da draußen“ schon längst getan hat. Zehn Jahre lang haben sich Kay Voges, sein Team und Ensemble am Schauspiel Dortmund solchen Fragen gestellt, sie auf die Bühne gezerrt und in ganz einzigartige Erzähl- und Bilderwelten übersetzte, versucht, eine theatrale Sprache zu finden, in der sich über diese Realität(en) sprechen lässt. Und ganz nebenbei das Dortmunder Haus auf die Landkarte des deutschsprachigen Theaters gebracht, auf der es seine Nachfolgerin Julia Wissert hoffentlich belassen wird. Da kann man schon mal Bilanz ziehen, und Voges tut das am einzigen Ort, der ihm dafür sinnvoll erscheint: der großen Bühne (noch) seines Hauses.

Bild: Birgit Hupfeld

Zwei Ausgangspunkte hat der Abend, zu dem sich ein letztes Mal das gesamte Dortmunder Ensemble versammelt. Der eine ist Anton Tschechows Die Möwe, jenes Künstler- und Theaterdrama, das mit den Illusionen und Träumen spielt, sie hinterfragt und dekonstruiert, die den Illusionsort Theater seit jeher heimsuchen. Der andere ist Jean-Luc Godards Filmessay Histoire(s)du Cinéma, in dem er sich assoziativ durch Geschichte und Geschichten des Films, die Bildproduktion, die Reproduktion von Realität begibt. Und um Geschichte(n) geht es auch hier. Darum, wie wir sie erzählen und sie uns, was wir mit ihnen machen und sie mit uns. Godard-Widergänger*innen sitzen rechts an einer Schreibmaschine vor einem Bücherregal, während sich vor ihnen die Träume, die sie erschaffen und deren teil sie selbst sind, aufbauen und zuweilen aufbäumen. Es sind Fieber- und Albträume voller Figuren, die sich aus ikonischen Inszenierungen hierher verirrt haben, die Bühne, der sie ihre Existenz verdanken, nicht mehr verlassen können. Sie kommen aus der Borderline-ProzessionHell. Ein Augenblick  oder dem Goldenen Zeitalter, Verlorene, Untote, Theatergeister.

Ein Geisterspiel ist es denn auch, in dem sich die Tschechowsche Nina im knallgelben Kleid schon mal in einen Roboter verwandelt, manipuliert von den Alpha-Männchen, die auch hier im Theater den Ton angeben. Oder in Bettina Lieder, die die eigene Mittelmäßigkeit anklagt, die sie natürlich lediglich spielt, und die zu einer Tirade über das ständige Scheitern wird, das Theater eben auch ist und vielleicht sogar in erster Linie. Und das es auch hier und heute auf ganzer Linie tut. Ebenen schieben sich über- und auf- und durcheinander, Text und Bilder und Ton, divergierend, einander multiplizierend. Virtuelle treten zu den realen Bühnen, Vorhänge gehen auf und eröffmnen den Blick auf den nächsten. Im Loop-Prinzip wiederholen sich Szenen, erscheinen textabschniitte immer wieder. Die Figuren bleiben und tauschen ihre Darsteller*innen, die aus den und in die Rollen fallen. Der kreative Prozess reduziert sich selbstironisch auf geräuschvolle Toilettenbesuche, nicht nur das Spiel ist (angeblich) Scheiße, sondern das ganz Theater.

Hier greift ein Ensemble ein letztes Mal tief in die eigene Repertoirekiste, findet Figuren und Kostüme und Spielhaltungen, auch Bilder, wieder, remixt sie zu neuen, überraschenden, auch albernen Kombinationen. Die alten Geschichten und Figuren und Kostüme sind geblieben, sie suchen als Gespenster ihre einstige Heimat heim, irren über die Bühne, docken an das gerade zu Spielende an, werden neu ersonnen und erträumt. Das Theater als kollektiver Traum, der nicht selten ein Albtraum ist. Seine Geschichten als Untote, die nicht zur Ruhe kommen, die in diesem Raum geblieben sind, weil sie keinen anderen haben, keine andere Realität, in der sie existieren, die zu Hause sind in den Erinnerungen, der Spieler*innen, der Zuschauer*innen, den individuellen wie kollektiven. Sie sind gefangen in der Zeitschleife wie es auch Tschechows Figuren sind, die sich non-linear durch die Lebensalter hangeln, immer wieder in den gleichen Situationen und Dialogen landen und nicht voneinander fortkommen. Weil das Geschichtenerzählen nicht endet, nicht enden kann, weil die Frage im Raum bleibt, wie „richtig“ zu erzählen ist, auf welche Weise sich die „echte“ in die theatrale Realität übertragen lässt.

Kay Voges und seine Mitstreiter*innen haben solche Fragen zehn Jahre lang gestellt. Sie haben sich in Loops gedreht und per Glasfaserkabel über hunderte Kilometer hinweg verdoppelt. Sie haben sich wiederholt und variiert, haben die Zeit aufgehoben und sich in ihr verheddert, sind in Bilderfluten ertrunken und haben sehen gelernt. Sie haben aus uralten Geschichten neue gemacht, heutige, und sind immer wieder daran gescheitert. Dieser letzte Abend ist ein finales Mixtape, eine allerletzte Suche nach der Beziehung des Drinnen zum Draußen, des Theaters zur Wirklichkeit. Er zitiert und assoziiert, kommt (nicht im Handkeschen Sinne) von Tschechow und Godard, aber eben auch aus dem Internet, von Twitter und Netflix, von 24-Stunden-News und YouTube. Er schwankt und zittert und dreht sich voran und im Kreise und um sich selbst. Lolitas treffen auf Wum und Wendelin, Trigorin auf Roboterpuppen, Godard auf Fäkalhumor. Alles Geschichten, alles dieselbe, alles Theater. Die Geister, sie werden bleiben. In den Hirnen, den Herzen, den Ritzen zwischen den weltbedeutenden Brettern. Und sie werden sich neu verknüpfen, remixen zu neuen Geschichten, Erzählungen, Bildern. Die alle die eine sind: Theater. Dem Voges ein letztes Mal an diesem Hause huldigt. Mit Demut, Ratlosigkeit, Witz und Selbstironie. Zehn Jahre. Vorbei oder noch gar nicht begonnen?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: