Kreisen ohne Mitte

Nach Allen Ginsberg: HOWL, Volksbühne Berlin (Regie: David Marton)

Von Sascha Krieger

Howl, Allen Ginsbergs Langgedicht, gilt als Sternstunde, Höhepunkt, Essenz der Beat Poetry, jener wilden sprachlichen Befreiungsbewegung aus der Enge des Nachkriegs-Amerikas der 1950er-Jahre, der McCarthy-Zeit, der bleiernen Schwere des wohlstandseligen Stillstands. Drogengeschwängert, sexuell rebellisch, Regeln in den Wind blasend, den Bob Dylan, ohne die Beat Poets ohnehin nicht denkbar, nur wenige Jahre am Beginn des Jahrzehnts, das als das revolutionäre, gesellschaftsverändernde bekannt werden würde, beschwören sollte – Howl ist und enthält alles, das die Beat Generation ausmachte, alle Grenzüberschreitungen in einem einzigen langen, nicht zu unterbrechenden Sprachrausch kondensiert. Zu Beginn von David Martons Bearbeitung an der Volksbühne ist davon nichts übrig geblieben. Ruinen und Baustellenfragmente bevölkern Christian Friedländers Bühne, eine bonbonpastelliger Brunnen steht verloren herum, Sir Henry betritt in Fünfziger-Anzug-mit-Hut-Kluft die Bühne und verliest die „Holy“-Tirade Ginsbergs mit der Verve einer Tagesordnungsverlautbarung einer Behördensitzung. Hier ist kein Rausch mehr, nur noch trockene Worte auf vergilbtem Papier, die keine Welt mehr haben, keine Wirklichkeit mehr kennen, denen jeder Bezug abhanden gekommen ist.

Bild: David Baltzer

Es ist einer der wenigen Momente in diesen 90 Minuten, in denen Ginsbergs Text überhaupt erklingt. Hendrik Arnst wird in Polizisten-Uniform ein paar Zeilen sprechen, bevor er in eine homophobe und rassistische Tirade ausbricht, ein etwas plumpes Porträt der Gesellschaft, in der und gegen die Ginsberg und Co. rebellierten. Gegen Ende bekommt auch Silvia Rieger noch ein wenig Text und brüllt die „Moloch“-Passage im bewährten Volksbühne-Ton heraus, der zum Rest des Abends so gar nicht passen will und vielleicht der Erkenntnis des Regisseurs entspringt, dass sein Abend recht weit weg scheint von Ginsbergs opus magnum. Denn von Wut oder Rausch ist hier wenig zu spüren. Ganz auf den Spuren seines Lehrmeisters Christoph Marthaler wandelnd, sucht Marton eine elegische, musikbasierte Atmosphäre, die gern ins Barocke tendiert, zu Bach, am Ende gar zu Pergolesis Stabat mater. Ein Geisterspiel, ein Erinnerungsmosaik, voller Bruch- und Versatzstücke aus dem Beat-Kosmos. Ginsbergsche Figuren bevölkern die Bühne, ein Begehren weckender Seemann, eine Drifterin, eine frustrierte Hausfrau, die Frau im Keller, der Polizist und so weiter. Stereotype, Abziehbilder einer papiernen Vergangenheit, ohne Realitätsbezug nur noch vergilbte Vignetten vergessener Projektionen.

Sie driften, kreisen durch die postapokalyptische Welt, halb erinnerte Gespenster auf einer Erdscheibe, die – schönster Regieeinfall des Abends – sich scheinbar durch die Betätigung einer Kaffeemühle durch Rieger in Bewegung setzt. Sie begehren einander, masturbieren , tanzen sich an, verstecken sich unter papiernen Masken – und singen. Einzeln, gemeinsam, perfekt, schief. Sie spielen, Klavier meistens, auch mal Trompete, schräg oder jazzig. Und erschaffen einen Kosmos aus kreisender Bewegung und Musik und Klang und (meist dämmerfahlem) Licht. Ein kalter Rausch, ein ernüchterten Sich-an-ihn-Erinnern. Auch wenn es hektischer wird, man übereinander oder sich selbst herfällt, bleibt die Ekstase weit entfernt. Zuviel ist seitdem, seit jenem ersten Aufheulen passiert. Es gibt kein zurück in die vermeintlcihe Unschuld jener ersten Tabubrüche, jenes initialen Aufbegehrens gegen die Ordnung der Welt. Die Unordnung, das Chaos waren nicht heilsam, haben nichts gelöst, sie haben die Gewalt einer einengenden Gesellschaft reproduziert statt sie zu überwinden. Der Aufbruch scheiterte in und an sich selbst.

David Marton bebildert das Scheitern wie das verblassende Gedächtnis an die einstige Hoffnung. Er gibt ihnen Farben und Körper, vor allem aber Klang und Bewegung. Er kreist um das verlorene Zentrum, in einer eklektischen Mischung zwischen Barock und Moderne, Jazz und volkstümlicher Überlieferung. Er kommt nicht an, wie auch, wo er immer nur im Kreis zu laufen vermag. Eine Mediatation versucht er, verwandelt den Wutschrei in eine melancholische Elegie, eine Reflexion über die Möglichkeit des Andersseins, des Abwerfens von Etiketten, wenn – wie hier – aus der Verweigerung von Schubladen längst neue geworden sind, das Unangepasste selbst Etikett ist. Es ist ein liebevoller, aber auch ein skeptischer Blick, den dieser Abend auf seine Vorlage wirft. Ein distanzierter und zugleich überaus intimer. Der lang genug faszinieren kann, um den Abend nicht sofort vergessen werden zu lassen, der eine spezielle Atmosphäre erschafft, die den Zuschauer sich nahe fühlen lässt diesen Geistern, zu denen er gehört. Und der in seiner Natur zu ziellos ist, vielleicht sein muss, um die Spannung zu halten, der sich verliert im hilflosen Moloch-Gebrüll, der kein Ende findet und mehrere verpasst, der sich mit seinen 90 Minuten zieht, als wäre er einer der weniger gelungenen Castorf-Abende. Der am Ende seinen Fixpunkt, den Ginsbergschen Text, aus den Augen verliert, den er nie an sich heranließ, in seiner Distanzierung zu Beginn aber zumindest analytisch beleuchtete. Der Abend taumelt seinem Ende entgegen, wie die Epoche, aus der sein titelgebender Text stammt. Wie sie vergeht er, verschwindet und hinterlässt doch Spuren. Die man sehen muss. Und hören.

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