Wenn Tod und Leben sich die Hand reichen

Mit Verdis Requiem gibt Teodor Currentzis sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Bei den Berliner Philharmonikern debütieren zu dürfen ist für jede*n Dirigent*in etwas ganz Besonderes. Neben den Wiener Philharmonikern zählt das Orchester zum Höchsten, was sich erreichen lässt, wer hier am Pult steht, ist in der Spitzenklasse angekommen. Da ist es egal, wie sehr man vielleicht schon ein „Star“ sein mag – ohne ein Dirigat in der Philharmonie oder im Wiener Musikverein fehlt etwas. Ein Star ist Teodor Currentzis zweifellos. Der gebürtige Grieche hat sich in der russischen Provinz einen Namen gemacht, er gibt als extrovertierter Revolutionär, der – in Interpretation, Aufführungspraxis, auftreten – gern Dinge anders machen will als andere. Und der sich der Verantwortung, die Berliner Philharmoniker dirigieren zu dürfen, bei seinem Debüt durchaus bewusst ist. Die Stiefel mit den roten Schnürsenkeln bleiben denn auch zugunsten des schwarzen Lackschuhs im Schrank, die Musiker*innen dürfen sitzen, äußerlich passt sich Currentzis seinem Orchester an, nicht umgekehrt. Das ist auch ein Zeichen. Dafür, dass er diesen Einstand ernst nimmt – nicht dafür, dass er sich nicht treu bliebe.

Teodor Currentzis dirigiert Verdis Requiem bei den Berliner Philharmonikern (Bild: Stephan Rabold)

Denn auch wenn er ein Werk dirigiert, das er vielleicht so gut kennt wie kein zweites – seine Aufführungen von Giuseppe Verdis Messa da Requiem mit den von ihm in Perm gegründeten Orchester und Chor MusicAeterna sind ein nicht unwesentliches Fundament seines Ruhms – das verweilen in einer Komfortzone ist seine Sache nicht. Er riskiert immer viel, wenn nicht alles, und das gilt auch für sein Debüt auf der Bühne Karajans, Abbados, Rattles. Und scheint alles zu gewinnen, wenn man dem Jubel, den stehenden Ovationen am Ende glauben möchte. Nun ist es nicht die Aufgabe eine*r Rezensent*in, sich von der Publikumsbegeisterung anstecken zu lassen, sondern genauer hinzuhören und zu hinterfragen. Das Ergebnis ist zumindest bei diesem das Gleiche: ein außergewöhnlicher Einstand, eine atemberaubende Interpretation, die den Kern des Werks freilegt und gleichzeitig tiefer bewegt, als es jede „traditionelle“, opulent überwältigende jemals vermöge.

Schon wenn sich die ersten Töne aus der Stille hervorschälen, scheu, ängstlich in die Welt lugen, stets vorm Zerbrechen, zusammengehalten nur vom Schmerz, zieht dieses Dirigat in seinen Bann, schafft es eine Unmittelbar, die auf existenzielle weise anfasst. Der MusicAeterna Chor, den Currentzis sich mitgebracht hat, raunt und flüstert, das Orchester beleuchtet jede Schattierung, jede Stimme, jede Bruchstelle, jedes Detail. Besonders farbig das Kyrie, in warmes Licht getaucht, Seelentöne, angetrieben vom oft reduzierten Chor und vom außergewöhnlichen Solist*innenquartett. Sensationell die Einspringerin Annalisa Stroppa, die in letzter Minute für Clémentine Margaine übernahm. Ihr Mezzosopran brilliert durch Wärme und ein Spiel zwischen erdigem Ernst und riskant strahlender Höhe. Perfekt harmoniert sie mit der Sopranistin Zarina Abaeva, deren innige Lyrik immer wieder zu Tränen rührt, die die seelischen, emotionalen Tiefen auf eine so bescheidene, nachdenkliche weise auslotet, dass es klingt, als entstünden diese Klagegesänge in diesem Moment. Von brüchig verletzlicher Härte der Bass Evgeny Stavinsky, dessen oft karge Diktion jeden Schmerzpunkt des Zuhörers trifft. Einzig der junge Tenor Sergey Romanowsky wirkt mitunter überfordert, bevor er im „Hostias“-Abschnitt des Offertoriums zu einem so verletzlichen Flehen findet, dass er seinen Platz findet in der fragilen Intimität dieses Quartetts.

Currentzis vermeidet in seiner Lesart alles Überbordende, Opulente, Opernhafte. Und doch ist dioese Musik bei ihm pures Drama, erwachsend aus dem Grundwiderspriuch dieser Interpretation, der Reibung zwischen narrativer Sachlichkeit und emotionaler Unmittelbarkeit. Die sich etwas im berühmten Dies Irae findet. Bei Currentzis überwältigend, gerade weil sie keine Überwältigungsmusik ist. Hart und sachlich die Schläge zu Beginn, die Unerbittlichkeit von sprödester Trockenheit. Höchste Transparenz und Klarheit, kantenscharfer Detailblick, höchste Präzision und klangliche Verknappung legen den Schreckenskern dieser existenziellen abgrunderfahrung frei.Dier Pauken grollen, das Blech schreit, doch ist hier nichts spektakulär. Die Todesangst erscheint fast alltäglich – und erschüttert damit um so mehr.

Immer wieder sucht Currentzis Inseln der Stille, karge Einzelstimmen driftend über dem Schwarz des Nichts. Das ist zuweilen der die angesprochende Gegensätzlichkeit perfekt verkörpernd, der Chor, mal das Orchester, mal die Solist*innen, insbesondere Stavinsky. Besonders eindrucksvoll der Bruch vor dem „Salva Me“, ein Ansingen gegen das Vergessen, heiser, verzweifelt, schmerzerfüllt. Die Beziehung von Gesang und Orchester arbeitet der Dirigent fein heraus, das Gegeneinander evenso wie die zaghaften Versuche eines Zusammenklingens, die wirken, als klammerten sich Verlorene aneinander in einer letzten Illusion hoffnungspendender Nähe. Die Instrumentalgruppen sind stets durch klare, eindeutige Färbungen identifizierbar, die im Zusammenspiel eine Einheit schaffen, die ihre eigene Unmöglichkeit immer mitdenkt. Of ins Trockene tendierend korrespondieren sie mit der Wäörme der Sänger*innen, ihre Hoffnungslosigkeit das Flehen und Sehnen noch verstärkend.Die Abschnitte enden oft in Suchbewegungen, behutsam, zart, fragend.

Vielschichtig, mitunter fast keck hüpfend, die jedoch feierlich strahlend das Sanctus, vom Dialog des archaischen Chors mit den innig sehnenden Solist*innen lebend das Agnus Dei, im Lux Aeterna geht in den Streichern die Sonne auf, später finden sich gar pastorale Anklänge, im Libera Me raunt der Chor über der Stille, bevor sich das Dies Irae erneut erhebt, klar, kompromisslos und doch ein wenig weicher, sanglicher, nicht unberührt vom gerade erstorbenen Licht. Am Ende durchläuft das werk nochmals alle Nuancen: lyrische Innigkeit, dramatische Kontraste, tastend karge Chöre, rhythmische Bewegtheit, eine emotionale Apotheose von Chor und (im Schlussabschnitt dort platziertem) Sopran. Meditativ, ernst, fragmentiert der Schluss. Die menschliche Stimme bleibt als Insel in einem undurchdringlichen Kosmos zurück. Keine Auflösung, keine Erlösung. Der Widerspruch bleibt, muss bleiben, ist er doch die Quelle und das Ende allen (nicht nur musikalischen) Lebens. Tod und Leben reichen einander die Hand und gehen davon. Wir folgen.

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