Keine Ruhe

Zubin Mehta dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Bruckners achter Symphonie

Von Sascha Krieger

Allein physisch ist dieser Abend ein Kraftakt: 85 Minuten ist Bruckners Achte lang, übertroffen in der Gattungsgeschichte nur durch ein paar von Gustav Mahlers Werken. 83 Jahre alt ist Zubin Mehta mittlerweile, benötigt einen Stuhl zur Unterstützung, und doch lässt ihn die Liebe zu diesem Werk nicht los. Auch als das Orchester es vor sieben Jahren zum letzten Mal spielte, dirigierte das Ehrenmitglied der Berliner Philharmoniker. Es ist ein Liebes-, ein Seelenwerk für den in Bombay geborenen und das spürt man auch an diesem Abend in fast jedem Moment. Mehta dirigiert ohne Partitur, doch von Routine oder abgeklärter Glättung keine Spur. Stattdessen stürzt er sich mit einer Neugier in diesen musikalischen Ozean, die sein Alter Lügen zu strafen scheint. Erdig klingt das, die Füße ganz auf dem Boden verhaftet, die durchaus ins Universelle strebende Musik des gläubigen Katholiken Bruckner tief im Irdischen wurzelnd. Überraschend der raue Klang, der sich über die fast eineinhalb Stunden hält und der die vielen Verschiebungen von Registern, Klangbild und Ausdruck zusammenhält.

Zubin Mehta und die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

Das ist schon im Kopfsatz auffällig, den Mehta wie das ganze Werk aus dem Klang und seiner Fluidität heraus denkt. Klar erkennbar die zahlreichen Wechsel im Klangbild, das in organischen Wellenbewegungen zwischen Schärfe und Glanz, Wärme und Aggression, Dichte und Fragilität wechselt. Obwohl oder vielleicht auch weil das Spiel durchaus zur Schwere neigt, die Streicherdecken massiv, die Zusammenballungen von einiger Dichte und erheblicher Lautstärke sind, wirken die stilleren Momente, etwa die zerbrechlich flirrenden Streicher, auf die andere meist solistisch eingesetzte Instrumente mit beinahe tröstend erscheinender Wärme reagieren, auf ungemein direkte Weise berührend. Hier ist nichts sicher, nicht die Stille, nicht die Gewalt. Es herrscht vom ersten bis zum letzten Takt Unruhe, Spannung, die klanglichen Schichtungen erzeugen Reibungen, sie driften auseinander, finden zusammen und bleiben doch stets in einem volatilen Spannungsverhältnis. Wenn Mehta das Werk vom Klang her denkt, dann nicht als einheitliches Ideal, wie es etwa Karajan tat, sondern als lebenden Organismus, mit sich selbst ringend, in jedem Moment sein Gegenteil mitdenkend. Das musikalische Geschehen entfaltet sich fast episodisch, in abgegrenzten Blöcken, mit starken Wechseln in Tempi und Dynamik. Und doch zerfällt hier nichts, bleibt zusammengehalten von der rauen Erdverbundenheit des Klangbilds. So gerät selbst der zur Dekonstruktion neigende Satzschluss überraschen zielstrebig, ist doch auch er nur eine weitere Etappe auf einem Weg, der nur sich selbst zum Ziel hat.

So denken Orchester und Dirigent auch die folgenden drei Sätze, was dem Werk den Eindruck einer Einheitlichkeit verleiht, der das in seinem Inneren Disparate zusammenhält. So gerät etwa das Trio im zweiten Satz trotz Harfeneinsatz ungewöhnlich erdig, büßt seine Leichtigkeit ein, korrespondiert dafür mit dem Rest des Scherzos, das sehr offen und lebendig klingt, voller Kraft und rhythmischer Energie, aber nie hart oder abweisend. Auch hier ist Raum für Lyrik, etwa den bewegenden Gesang von Emmanuel Pahuds Soloflöte, der in den Streichern aufgenommen zu einer berückend pastoralen Episode heranwächst, etablieren sich die kurzen Augenblicke des Innehaltens einmal mehr als Herz des oft so überwältigend klingenden Werks.

Sehr rau und regelrecht schroff dann der langsame Satz. Nichts zu spüren vom kosmischen Fließen, das beim späten Bruckner oftmals schon zu Mahler hinausweist. Auch hier liegt der Fokus auf Klangverschiebungen auf engstem Raum, etwa wenn erdig singende Celli die flirrenden Geigen ablösen. Lyrisches steht neben Verrätseltem, Kantables neben Pastoralem. Das Klangbild entbehrt nicht einer gewissen Unwucht, hier ist nichts ausgeglichen und noch weniger gelöst. Hohe Celli bringen das Band fast zum Zerreißen, die Spannung ist am höchsten, wenn die Musik hingeht, wo es wehtut, wo es zu zerbrechen droht, wo das Zarte letztes Bollwerk gegen das Nichts ist. zerklüftet ist dieses Adagio, ein sich stets hinterfragendes Klanggebirge voller Untiefen. Ein Kosmos des Grübelns.

Kaum anders das Finale. Auch hier der Dialog von rhythmisch treibender Strenge und lyrisch lichter Klangöffnung, unerbittlich stampfendem Rhythmus und seiner Milderung durch orchestrale, sanglich inspirierte Fülle. Uneinheitlich auch hier das Klangbild, rau, erfüllt von widerstrebenden Bewegungen, einem subkutanem Gegeneinander, das Energie erzeugt wie es sie fordert und aufbraucht. Selbst die strahlenden Blechbläser klingen wie Sandpapier, der weg zur finalen Apotheose ist ein wellenförmiger, zirkulärer, ohne jede Glätte, unruhig, unsicher. Das erdige Fundament übertönt fast die triumphalen Fanfarenrufe des Schlusses, hier ist kein Ende, bestenfalls das einer weiteren Episode. Das Ringen geht weiter, lange nach dem Schlussakkord, der keine Ruhe bringt. Zubin Mehta, das ist klar, ist noch lange nicht fertig. Nicht mit der Musik und nicht mit diesem Werk. Seiner Auseinandersetzung mit ihm beiwohnen zu dürfen, lässt sich schon als Privileg betrachten.

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