Wider die Eindeutigkeit

Marta Górnicka unter Verwendung neuer Texte von Katja Brunner: Jedem das Seine, Maxim Gorki Theater, Berlin / Münchner Kammerspiele (Regie: Marta Górnicka)

Von Sascha Krieger

Natürlich, der Titel. Einst ein Motto, ein Aufruf, für Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Solidarität, lässt er sich heute nicht ohne Buchenwald denken, ohne die Perversion der zynischen Umdeutung durch die Nationalsozialisten, die ihn befleckten und umdrehten zu einem zynischen Slogan ihrer Vernichtungsideologie. Und selbstverständlich hängt diese Umdeutung wie ein Damoklesschwert über diesem Abend, ist sie seine Schwäche, auch weil sich Regisseurin Marta Górnicka weigert, den Diskurs über ihren Titel wirklich zu führen. Ja, der Name Dachau fällt, der Hinweis, dass das KZ ein Ort war, an dem Frauen nicht „nur“ eingesperrt und vernichtet, sondern auch sexuell ausgebeutet wurden, dass sexistische Unterdrückung eben auch ein Aspekt totalitärer Systeme und ausgrenzender Ideologien ist, doch es bleibt nur ein Exkurs, ein kurzer etwas erzwungen wirkender Ausflug – wie die Trump-Episode, in der Anne Ratte-Polle mit entsprechender Perücke die Freauenfeindlichkeit des US-Präsidenten mit ein wenig zu viel Unterhaltungswert parodiert. Je konkreter der Abend wird, desto eindeutiger ist er, und das tut ihm weniger gut.

Bild: David Baltzer

Górnickas Arbeiten sind Solitäre in der (nicht nur) deutschsprachigen Theaterlandschaft, ihre Chöre definieren die Grenzen von Text und Spiel, von Figur und Darstellung, von Kollektiv und Individuum neu, sie sind lebendige Wesen, atmende, sich bewegende Organismen, die sich aufspalten, verbinden, gemeinsam oder gegeneinander agieren. Abende der polnischen Theatermacherin funktionieren dann am besten, wenn sie den Chor agieren lassen – verlassen sie seinen Boden, meist in satirischer oder parodistischer Sicht, verlieren sie ihre Spannung, ihre Kraft. Górnicka ist eine Seismografin der Masse, eine Analytikerin des Kollektivs, keine Satirikerin. Wenn Jedem das Seine nicht ihre stärkste Arbeit ist, liegt das daran, dass sie sich wiederholt im Parodistischen versucht, ihre angestammten Wege verlässt, ihren Kraftquell aufgibt. Der dennoch so stark sprudelt, wie bei kaum einer anderen zeitgenössischen Regisseurin. Auch bei Jedem das Seine.

Hier geht es um Feminismus, Sexismus, Misogynie, die patriarchale Gesellschaft und ihre Mechanismen. Die Gleichschaltung der Frau vor dem männlich dominierten Blick drückt Górnicka über Roboterästhetik aus. Die meist in hautenge Bodies gekleideten Frauen (zwei Männer sind auch dabei) werden zu die sexistische Perspektive reflektierenden Puppen, lächeln kalt und stampfen im Gleichschritt, die eigene Wut unterdrückend. Die dann doch herausbricht. In Sätzen wie: „Der Reichtum des Volkes stammt von der Arbeit der Vaginen, nicht der Hände.“ In Wortverschiebungen, etwa wenn aus dem vielfach skandierten „Fleisch“, zu dem die Frau in Werbung und gesellschaftlichem Diskurs reduziert sei, der Begriff „Mensch“ wird, zaghaft anrennend gegen die lautere Gegnerschaft. Oder wenn sich die Wut andere Ziele sucht, aus der Frau als „Fremder“, als Fremdkörper, langsam ein Mob erwächst, der sich andere, noch weniger privilegierte „Fremde“ als Zielscheibe aussucht, der gerechte ärger zu Hass wird, rassistische Auswüchse spezieller vor allem in älteren Kreisen zunehmend populärer Spielformen des Rassismus aufgreifend.

Es ist der irritierende Höhepunkt des Abends, will er dessen vorherrschende Eindeutigkeit aufgreift, nicht erzählt sondern vorführt, zeigt, wie gerechtfertigte Wut, die notwendige Auflehnung gegen Unterdrückung zur Reproduktion von Ausschließungs- und Ausgrenzugsmechanismen führen kann, wie das Aufbegehren das, wogegen es sich erhebt, nur verschiebt und damit seine vermeintliche Legitimation stärkt. Da wird sie sichtbar, die direkte Linie von der Objektifizierung, der Entmenschlichung der Frau und des weiblichen Körpers hin zu einer von selbiger Gesellschaft zu nutzenden Stellvertreterdebatte, einer Schein-Rebellion, die das zu Bekämpfende nur befestigt, von den Roboterpüppchen der Werbung zu den geifernden Pegida-Keifern, die sexualisierte Gewalt missbrauchen für ihre menschenverachtenden Ziele und zunehmend Unterstützung bei einigen (noch wenigen) fehlgeleiteten Altfeminist*innen finden.

Hier ist die elementare Kraft von Górnickas Chor-Theater spürbar, geht es tief unter die Haut, verunsichert, ja, verstört es. Das gelingt ihm immer wieder in den monoton stampfenden Rhythmen, den mechanistischen Formationen der Sex-Roboter-Armee, den ständig wechselnden Aufstellungen, die mal präzise einstudiert, dann zufällig wirken, die zwanghaften Drill und vermeintliche Freiheit vorgaukeln und doch immer wieder in maschinenhaftem Einklang enden. Die Stimmen driften auseinander, vereinzeln sich, der Chor wird zum Kanon, dann zur Kakophonie individueller Rede und ballt sich am Ende doch immer wieder zur Einstimmigkeit zusammen. Freiheit, Gleichstellung und Freizügigkeit – sie bleiben Illusionen in einen festen Rahmen, der nicht gesprengt werden woill. Hier finden Thema und Form zusammen, nähert sich die patriarchale Gleichschaltung der Rollenzuweisungen und Körperbilder, die Górnicka zeigt und von der ihr Abend spricht, irritierend an die eigene Arbeitsweise, an das Grundprinzip ihres genau getakteten, mechanistischen Chor-Theaters an, eine Spannung generierend, die spürbar ist, eine verstörende Kumpanei von Ausdruck und Thematisiertem. Dieses Theater funktioniert nach ähnlichen Prinzipien wie das, von dem sie spricht. Das macht es so wirkungsvoll – und es selbst zum Problem. Eine weitere Uneindeutigkeit, ein innerer Widerstreit, eine Auflösung des Klaren. Auch und gerade davon lebt die Kunst der Marta Górnicka.

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