Perfekt weggespielt

Sally Potter: The Party, Burgtheater, Wien (Regie: Anne Lenk)

Von Sascha Krieger

Wenn ein Stück The Party heißt und es darin um eine solche geht, dann weiß der erfahrene Theatergänger, dass diese nicht in Wohlgefallen, sondern einer ausgewachsenen, meist komischen Katastrophe enden wird. Das ist auch in Sally Potters Adaption ihres eigenen gleichnamigen Films der Fall. Darin feiert die britische Oppositionspolitikerin Janet mit ein paar engen Freund*innen ihre Ernennung zur Schattenministerin. Im Laufe des Abends kommen Geheimnisse ans Tageslicht, ihre Ehe zerbricht, die Halbwertzeit anderer Beziehungen scheint ebenfalls erreicht, Stück und Film enden mit der Möglichkeit eines bevorstehenden Mordes. Im gerade einmal 71 Minuten langen Film taucht Potter die Geschichte in kaltes, gediegenes Schwarz-Weiß, arbeitet mit schnellen Schnitten, einer düsteren Künstlichkeit, die dem Film etwas Karges, fast Gespenstisches gibt, die boulevardeske Handlung ins Existenzielle kippen lässt. Das ist auch den Spieler*innen zu verdanken, allen voran Timothy Spall, der Janets Ehemann Bill mit einer gebrochenen Todeskälte und Lebensmüdigkeit auflädt, die jedem Lachen eine äußerst bittere Note verleihen. Hier, so sagt der Film, geht es um Größeres als um eine elegante Mittelstandssatire.

Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Und das tut es auch, bewegen wir uns doch in Kreisen, die einmal mit dem Anspruch losgezogen waren, die Welt zum Besseren zu verändern, ein Ehrgeiz, den Janet in wie auswendig gelernten Sentenzen bestenfalls zitiert, aber kaum noch glaubt. Das an einen Nachruf gemahnende Schwarz-Weiß des Films macht diese Ebene spürbar, auf der dreidimensionalen Theaterbühne mit ihren lebensechten Farben wird das schon schwieriger. Den Bruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit setzt zumindest Bühnenbildnerin Bettina Meyer eindrucksvoll in Szene. Sie hat die verschiedenen Räume neben- und untereinander gestapelt, einige gibt es in unterschiedlichen Varianten mehrfach. So klingeln die Gäste ganz oben an der Wohnungstür, während diese eine Etage tiefer geöffnet wird, ist das alters- und machtmäßig sehr auseinander strebende, Drillinge erwartende lesbische Paar Martha und Jinny bei ihrer großen Aussprache durch zwei Stockwerke getrennt. Das symbolisiert, gemeinsam mit den schnellen Schnitten, ausgeführt, indem immer nur der gerade relevante Raum beleuchtet wird, zum Eindruck einer Aufspaltung, einer Differenz, die die ganze hier versammelte Gesellschaft durchzieht.

Und doch stellt sich die existenzielle Dissonanz und Leere, von der der Film auch erzählt, nie ein. Das hat mehrere Gründe. Einige liegen wie angedeutet in der Natur der theatralen Sache, die sich aufgrund der physischen Präsenz von Geschehen und Figuren stets mit Distanz und Abstraktion schwertut. Vor allem aber such Regisseurin Anne Lenk diese auch nicht und setzt zugleich einen ganz anderen Ton als die Vorlage. Sie inszeniert das Stück als Edelboulevard, bei dem – natürlich, allein das Milieu fordert es heraus – immer Yasmina Reza als Referenzrahmen mitzuschwingen scheint. Natürlich hat sie im Burgtheater-Ensemble auch die passenden Schauspieler*innen dafür, allen voran Dörte Lyssewski, die ihre Janet, realistisch als wohlmeindende Politikerin mit Selbstzweifeln und einem Hang zur Realitätsverleugnung anlegt und dabei immer haarscharf an der Karikatur vorbeischießt. Regina Fritsch als dauersarkastische Freundin April und Markus Hering als ihr esoterisch lächerlicher (deutscher!) Noch-Partner Gottfried sind perfekte Entsprechungen ihrer Film-Vorbilder Patricia Clarkson und Bruno Ganz, während Barbara Petritsch als Martha glaubhaft zwischen professioneller Distanz und der Sehnsucht nach Nähe oszilliert und am Rande der Selbstaufgabe wandelt. Katharina Lorenz als Jinny wirkt dagegen etwas blass, während Christoph Lusers Tom viel zu stark in Richtung Farce kippt. Immerhin sorgen die wiederholten Kotzattacken beider immer wieder für komische Momente.

Das Problem des Abends verkörpert jedoch am besten Peter Simonischek als Bill. Während er zunächst die abweisende Einigelung von Spalls Spiel zumindest als etwas überzeichnete Persiflage zitiert, mutiert er ansatzlos später zum larmoyant überheblichen egoistischen Salonlöwen, der die Gebrochenheit des Alpha-Manns, der seine Karriere jener seiner Frau opferte und nun im Moment ihres Triumphs Rache übt, gekonnt wegspielt. Sein Bill leidet an keiner existenziellen Krise (unheilbar krank ist er laut Text ja auch noch), er ist einfach ein patriarchales Klischee, dessen Stunde gekommen ist. so gern man Simonischek zuschaut, ist die zentrale Rolle, die er auch räumlich an diesem Abend einnimmt, sinnhaft für den Abend. Wo Potters Film ein durchaus komisches und unterhaltsames Geisterspiel einer bankrotten Gesellschaftsschicht, die sich immer noch auf der Höhe der Zeit wähnt, entfaltet, ist Lenks Inszenierung lediglich ein x-ter Aufguss des allbekannten Lebenslügen-Boulevard-Schemas, bei dem die politische Ebene nurmehr als Pointenreservoir und Anstoßgeber dient, sich der Fokus stattdessen auf die übliche Vivisektion mittelständischer Fassaden verschiebt, deren Destruktion wie so oft nicht weiß, wo sie enden soll.

Die Kaskaden immer neuer Enthüllungen wirkt in dieser Umgebung denn auch wie die Klischeeparade, als die sie auch im Film schon angelegt ist. Und spätestens hier wirken auch die „Schnitte“ kontraproduktiv, zumal die Black-Phasen mit zunehmender Dauer an Länge gewinnen. Auch wenn der Abend nur 90 Minuten dauert, ist er doch 20 Minuten länger als die Vorlage, ohne dieser irgendetwas hinzuzufügen, was dazu führt, dass die spürbaren Längen den Fluss bremsen und am Ende aus dem satirischen Feuerwerk, als dass es wohl intendiert war, eine zähe Enthüllungs- und Gag-Revue wird. So kratzt diese Party an der Oberfläche, gerät sie um Längen harmloser als der Film, überzeugt sie eher als ein wenig voyeuristischer Blick hinter die Kulissen eines sich selbst betrügenden intellektuellen Bürgertums denn als Satire einer sich verlaufen habenden linksliberalen Gesellschaftsschicht, die nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Ziele längst betrogen hat. So bleibt perfekt gespielter Edel-Boulevard, nicht mehr.

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