Immer weiter, doch wohin?

Johann Wolfgang von Goethe: Faust, Burgtheater, Wien / Residenztheater, München (Regie: Martin Kušej)

Von Sascha Krieger

Goethes Faust galt lange Zeit als der nach Wissen Dürstende, der vom Weg abkommt, sein Impuls als Fortschrittsglaube, als Streben nach dem Vorankommen des Menschen und der Menschheit, nach dem Höher, Schneller, weiter, als das der moderne Mensch den Fortgang der Geschichte begreifen wollte. Mit Goethes Geschichte vom manisch seinen eigenen Trieben Folgenden, der seinen Wissensdrang schnell aufgibt und sich in einen hedonistischen Rausch wirft, der mordet, verführt und wegwirft nach belieben, hatte das nie viel zu tun, der Osterspaziergang bleibt auch bei ihm nur Episode. Im Zuge der (nicht nur) nationalsozialistischen Faust-Verehrung hat dieses Bild längst Risse bekommen, so ganz hat sich die Idee des „Faustischen“ aber noch nicht aus dem kollektiven Bewusstsein verabschiedet. In Martin Kušejs Inszenierung, die 2014 am Münchner Residenztheater Premiere feierte und nun nach Wien an Kušejs neue Wirkungsstätte gewechselt ist, ist von der Möglichkeit des Fortschritts von Beginn an nichts zu sehen oder zu spüren. Aleksandar Denićs Bühne ist Weltuntergang pur: Ein dunkles Gerüst mit Zivilisationsresten, unten ein Waschbecken mit Spiegel an schwarzer Wand, oben eine Art Gefägnishof mit Maschendrahtzaun, eine Gittertreppe hinaufführend, drüber ein Stahlkran, der das Ganze zu einer postapokalyptischen Industrieruine macht.

Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die fast durchgängig in geisterhaft fahlen, oft in ewiger Dämmerung verharrendes Licht getaucht ist. Hier ist kaum Farbe und erst recht kein Leben. Werner Wölberns Faus schlurft in grau und weiß durch die Szenerie, ein zur Cholerik Neigender, zwischen Resignation und Zynismus gefangener Narzisst mit Hang zum Selbstmitleid. Noch schlechter ergeht es Mephisto: Bibiana Beglau spielt ihn (?) als Depressive*n, als eine*n, die* nichts mehr zerstören muss, weil alles schon zerstört is, als raue Beobachterin, die mitnimmt, was geht und sicht- wie hörbar am Niedergang – eigenen und dem der Welt – leidet. Den Teufel braucht es nicht mehr, der mensch reicht aus. Wenn sie erstmals auftritt, umhangen mit blutverschmierter Metzgerschürze, spielt dieser Mephisto nurmehr sein Rolle, nichts weiter. Wahrgenommen wird er/sie in selbiger eh nicht mehr. Kušejs Faust ist kein Sinnsucher, eher ein (post)postmoderner Lebenshinterherhechler, einer, die Ideologie des Immer-Mehr, des Nie-Genug lebt, der vielleicht auch die Leere füllen muss, der der die der Profitdrang  aufreißt oder zumindest stehen lässt. Faust ist hier nicht zum ersten Mal Erzkapitalist, wie vor allem in den etwas krampfhaft angepappten Szenen aus dem zweiten Teil recht plakativ deutlich gemacht wird.

Und so dreht der Regisseur alles Positive ins Endzeitlich-Destruktive – und überspitzt das Negative auf brutalstmögliche Weise. Um überhaupt noch etwas zu spüren, lässt sich Faust in einer art Fight Club vermöbeln, der Abend beginnt mit einer Explosion (der Hütte von Philemon und Baucis), und endet (fast) in einem Massaker. Der Preis von Gier und „Fortschritt“ ist der Genozid. Zu den Worten „und jedes Kind ein Held“, die sich Mephisto einverleibt, schickt Beglau ein solches als Selbstmordattentäter los und der Osterspaziergang wird zur ungezügelten Massenorgie. Was bei Goethe noch Hoffnung spendete, ist in den Horror gekippt, was er als Vision von einer besseren Menschheit imaginierte, kippt hier ins lustvoll ins Extrem gesteigerte Gegenteil. Hier walten Ambition und Schöpferdrang als die Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft. Eine anti-Faust, aber eben auch ein Faust.

Das gerät mal eindringlich unerbittlich, mal etwas plakativ. Der Fall Gretchens (mit stillem Pathos und leider etwas unterkomplex geraten: Andrea Wenzl) ist so ein Fall: Da wandeln unten Gretchen und Faust vermeintlich unschuldig, während sich oben Marthe (Hanna Scheibe) und Mephisto in wildem Sex ergehen – dem sich zuletzt die Spazierenden anschließen. Das ist dann doch ein bisschen viel, zumal die Inszenierung ohnehin stark aufs  sexuelle setzt. Die Hexenszene ist voller Schamhaar und Sperma, die „Verführung“ Fausts durch Mephisto ähnelt einer Vergewaltigung. Das Extreme, das Provokante, das Widerwärtige verfehlt seine Wirkung nicht – und fremdelt doch mit Ton und Tempo des abends, der dann doch über weite Strecken recht stilles, eben auch gespenstisches Deklamationstheater ist. Immer wieder gelingt es Regie und Darsteller*innen, Spannung aus dem verzweifelten Kampf gegen das Vergehen zu schaffen, den inneren Kämpfen gegen die eigene Leere, der Sehnsucht, dass da doch mehr sein müsse. Insbesondere Wölberns Faust erhält dadurch einige Risse, die sich nicht recht kitten lassen. In seinen innigeren Momenten wirkt er heutig menschlich – was nicht recht zum beinahe karikaturesken Menschen- und Weltenausbeuter passen will, der er sonst oft ist. Beglaus Mephisto ist da konsistenter, auch weil die Schauspielerin den gefallenen Engel – die Flügelnarben sind sichtbar – bereits als zerstückelte Figur anlegt, als jeglichen Sinns Beraubte, die sich mal tiefster Langeweile und Lebensmüdigkeit hingibt, um dann wieder wütend auszuschlagen, den Hedonisten Faust herauszufordern und die Nutzlosigkeit der Lage aufzuzeigen, von der sie weiß, dass der Mensch Faust sie weder erkennen kann noch will.

Die Zerrissenheit erfasst auch den ganzen Abend: Er tastet sich recht langsam dahin, nimmt selten Fahrt auf, wirkt hochkonzentriert und fokussiert stark auf den Text, auch wenn dieser nicht immer in bekannter Ordnung und Zuordnung erscheint. Und zugleich setzt Kušej immer wieder spektakuläre Highlieght, überzeichnet, brutalisiert, streut Extreme ein, die den Fluss stören – oder anders herum. Konzentriertes Texttheater beißt sich wiederholt mit lautstark symbolischem Bilderspektakel. Das kann – der Osterspaziergang ist ein Beispiel – zu überaus spannenden Reibungen führen, in anderen Fällen den Abend zur durch lange Blacks geteilten Nummernrevue zerreißen. Zwei Seelen wohnen, ach, in der Brust dieses Abends und lassen ihn immer wieder zerfasern. In seinen besten Momenten – und davon gibt es einige, ist er eine – mal atmosphärisch dichte und textgetriebene, mal bildgewaltige – Auseinandersetzung mit den Irrwegen, die der Mensch genommen hat um voranzukommen, dem Preis des „Fortschritts“, der Leere, die das streben nach immer mehr hinterlässt. Am Ende bleiben Faust wie Mephisto ratlo zurück und greifen verloren ins letzte Licht. Verlaufen haben sich beide – wie auch streckenweise der Abend – jetzt stehen sie hier, vor dem nächsten Weiter, und wissen nicht wohin. Das gilt auch für die Inszenierung und das ist anhand des Stoffs und seiner Geschichte auch kein Wunder.

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