Im rosa Nebel

Katja Brunner: Die Hand ist ein einsamer Jäger, Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Pinar Karabulut)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist Katja Brunners Die Hand ist ein einsamer Jäger ein wütendes Stück. In an Elfriede Jelinek gemahnendem an Kalauern reichen sprachlichen Furor, arbeitet es sich an den Zumutungen ab, die „wir“ als Gesellschaft lange – und vielleicht noch immer – als selbstverständlich erachte(te)n, wenn es um den weiblichen Teil unserer Bevölkerung ging. Die Reduktion auf „weibliche“ Rollenmuster, die Sexualisierung und Objektifizierung, das „Mitspielen“ beim patriarchal sexistischen „Spiel“. Bei Brunner treten sie auf: die Bulimikerinnen, die im Wortsinn auf Vaterland und Gesellschaft kotzen, die die „Göttin der Entleerung“ als Unabhängigkeit Bringende anbeten, während sie in Wirklichkeit nur die eigene Unterwerfung unter gesellschaftliche Normierungen verkörpert – Selbstentäußerung als Rebellion und Kapitulation zugleich; die Teenagerinnen, die sich ungebetene Hände in der Hose ebenso wie die Unterordnung unter Männerphantasien gefallen lassen müssen; die gerade Geborene, die im Schnelldurchlauf erwachsen geworden, sich bedankt dafür, gelernt zu haben, nicht Nein sagen zu können, und dass sie das Glück haben würde, sich durch ihre Potenz beweisen zu können.

Bild: Vincenzo Laera

Das rumst ordentlich im #MeToo-Diskurs und tut es auch in Pinar Karabuluts Uraufführung. Gerade ist Paula Kober in einer Art Schlammcatch-Routine unter reichlich Lust- oder Schmerzensschreien „zur Welt gekommen“, da steht sich blutverschmiert auf der Bühne und feuert diese Worte gen Publikum. Zunächst dozil freundlich, später mit reichlich Wut, dann wieder püppchenhaft. Es ist einer der wenigen Momente, in denen sich diese Inszenierung auf Augenhöhe mit dem Text befindet, seine Wut teilt, seine Direktheit umsetzt, seine Sprache zur Waffe macht und in die Zuschauer*innen-Reihen schleudert. Ansonsten vergräbt Karabulut Brunners Text meist unter meterdicken schichten aus rosafarbener Künstlichkeit, Nebel, sexuell aufgeladenen Choreografien und farcenhafter Überzeichnung. Der Abend beginnt mit einer Art sexuellem Anbetungsritual, bei dem die fünf Spieler*innen mit stoßenden Beckenbewegungen und rot blinkenden Vagina-Attrappen eine Art Stele anhimmeln, die sich später als Spiel enthaltend erweist. Das weibliche Spiegelbild wird da zum Unterdrückungsinstrument, zum Ausdruck ständiger Unzulänglichkeit. Die Leuchtvagina kehrt noch einmal zurück, in einer wahnwitzigen Abendmahlszene, Umkehrung patriarchaler Rituale, vielleicht ein kurzer Moment emanzipatorischer Vision.

Da gelingt es mal kurz, Katja Brunners Suada in satirisch scharfe Bilder zu übertragen, eine komödiantische Sprache zu finden, die ähnlich scharfe Spitzen aufweist wie der dramatische Text. Anderes verpufft eher in Effekthascherei, etwa die lustvoll ausgewalzte bulimische Burger-Orgie, die mit reichlich Ekelpotenzial auftrumpft. Sonst ist viel Lehrlauf, eine Nummernrevue normierter und fremdbestimmter weiblicher Körperbilder in schnell ermüdender teils chorischer Choreografieseligkeit. Der Text soll übersetzt werden in Körpersprache und erschöpft sich doch schnell in zeremonienartigen Wiederholungen, die obsessiv sexuelle Ikonografie zitieren. So schwankt der Abend zwischen greller Komik, esoterisch wabernderm Ritualnebel und deklamatorischem Chaos, betonter Künstlichkeit und satirischem Anspruch, ein wirrer Mix aus Ernst und Karikatur, Direktheit und Symbolismus, Sprachkaskaden und visueller Abstraktion. So verliert sich die Inszenierung in ihrer nicht selten verkrampften Bilderwut, nicht ohne manches spielwütige Highlight zu bieten aber eben leider keinen konsistenten Zugang zum Text, der sich so ein wenig im Belanglosen versendet. Und das ist dann schon ärgerlich.

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