„Kinder, macht Neues!“

Robin Ticciati dirigiert das DSO mit Werken von Walton und Mahler

Von Sascha Krieger

Vielleicht haben das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin und sein Chefdirigent Robin Ticciati an Richard Wagner gedacht, als sie ihr aktuelles Konzertprogramm konzipierten. Getreu dem Motto „Kinder, macht Neues!“ probieren sie etwas, wofür zumindestest dieser Rezensent noch keinen Beleg fand, dass es schon einmal probiert wurde: eine freie Orchesterimprovisation: Da stehen die Musiker*innen locker verteilt auf der Bühne und warten. Erste Geräusche entstehen, jemand probiert eine Melodie, man stimt ein, antwortet auf einander, versucht sich zusammenzufindet, strebt auseinander. Es ist durchaus spannend zu beobachten, wie die Musiker*innen einander beäugen, neugierig auf die anderen lauschen, scheu Eigenes vorschlagen.  Musikalisch ergibig ist das nicht, auch wenn die Idee, dieses freie Suchen direkt in William Waltons mit dem Eindruck des Improvisatorischen spielenden Violoncellokonzert übergehen zu lassen – noch während improvisiert wird, betreten Ticciati, Solist Nicolas altstaedt und die restlichen Musiker*innen die Bühne und sortiert man sich in herkömmlicher Sitzordnung – durchaus Charme hat. Aber auch schnell vergessen ist.

Robin Ticciati dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (Bild: Kai Bienert)

Los geht es eigentlich erst jetzt. Altstaedt erweist sich als brillanter Interpret, er nimmt sich zurück, lässt sei Instrument fast scheu, gar ängstlich singen, findet einen klaren, beinahe kargen Klang, der in den innigen Passagen berührt, in den schnelleren rhythmische Schärfe ausstrahlt. Er agiert im Dialog mit dem Orchester, scheint in der ersten Solovariation des Schlusssatzes tatsächlich fast zu improvisieren, während die zweite eher einer klassischen Kadenz ähnelt, nie kraftmeierisch, eher ernsthaft virtuos. Das DSO webt darum einrn glitzernden Klangteppich von luftigem Glanz, zuweilen irisierend funkelnd, dann von der eleganen Klangfülle der Filmmusik, die Walton ja auch komponierter, getragen. Die Klangfarben wechseln subtil und detailgenau – die sachte, aber unnachgiebige Verdunklung am Ende ist hier zu nennen – im Finale wagen Solist und Orchester Fragmentierungen und heben doch das alles verbindende farbenreiche Klanggewebe nie auf. Im Mittelsatz wirkt das Geschehen mitunter fast aggressiv, enthüllt der lichterfüllte Klangreichtung einen dunkleren Untergrund. Mal steht der Solist im Mittelpunkt, mal das Orchester, wie sich die Farben ändern, schwappen auch Vorder- und Hintergrund hin und her wie Meereswellen. Die aus der Zeit gefallene Spätestromantik hat dabei nichts Altbackenes, sie vergeht am Ende, wie sie kam und behauptet dazwischen trotzig ihr Daseinsrecht zwischen Erinnerung und Wissen um das Kommende. Zwischen Lrik, Gesang und Dramatik durchschreitet das Werk Überkommenes und behauptet zugleich den Eindruck des gerade erst Entstehenden, der Suche nach Klang und Zusammenhalt und Ausdruck. Hier erscheint die einleitende Improvisation zumindest in ihrer Idee wieder sinnig.

Aus dem Nichts ins Nichts strebt anschließend auch Gustav Mahlers erste Symphonie, die Ticciati vom ersten Takt an mit Lebensenergie aufzupumpen sucht. Spannung steckt im kosmischen Schweben des Beginns, aus dem sich erste Lebenszeichen emporkämpfen, bevor das Orchester es mit einem behutsamen, frühlingshaften Aufblühen versucht. Klangfarben hellen sich auf, mischen, verdüstern sich, aus dem Schweben wird ein trügerisches Fundament, eine gespenstische Parallelwelt, die Blechbläser schreien sich ins Weite, Offene hinein. Ein unentschiedener Kopfsatz, der ins Lichte will, aber scheu hat, den Abgrund zu vergessen. Der zweite versucht es mit einem Dreh ins Groteske und viel, zuweilen zu viel Bewegung. Ticciati sucht die Flucht ins Rhythmische und kippt mitunter in die Karikatur. Es ist, als wehrten er und das Orchester sich, das Dunkle in Mahlers Musik anzuerkennen. Zum Lohn wandelt ihr Optimismus am Rande der Farce.

Im dritten Satz, dem mit dem nach Moll gewendeten „Bruder-Jakob“-Thema, wird das zum Problem. Ticciati versucht es mit Verletzlichkeit. Sehr sacht gelingt ihm die Themeneinführung, überraschend luzide die Zusammenführung der Instrumentengruppen und Klangfarben. So verliert das Thema seine Schwere, was bleibt, ist eine zarte, innige Melancholie. So kippt das zweite Thema nicht zu sehr ins Schiefe, bleibt der Eindruck eines echten inneren Ringens um Halt, wird die spätere Vwerarbeitung des Materials zu einer lichten, zarten, lyrischen Angelegenheit. Der Klang wandert durch die Phasen des Farbspektrums, wie auf der Suche nach dem Licht, das sie alle zusammenführt. Rasante Ausdrucks-. und Tempiwechsel folgen, wollen etwas zu viel Dramatik, als traue der satz seiner eigenen Innenschau nicht. So bleibt er Versuch, aber ein ehrlicher, verletzlicher, wie es die beiden vorangegangenen nicht waren.

Sehr viel Bewegung herrscht dann im Finale, der ansetzt als wolle er die Introspektion des dritte exorzieren. Zuweilen lärmt das ordentlich, tönt das schärfer, als es müsste, kippt das Geschehen ins Groteske. Ticciati dramatisiert, vermeidet weite Bögen, verknappt stattdessen, verhärtet die Rhythmik, presst den apotheotischen Jubel des Endes in ein enges Korsett. Kontraste in Dynamik, Tempi, Klangfarben driften ins Überdeutliche, alles ist ein wenig zu viel, Behauptung, Stückwerk. Ticciati kämpft mit dem Werk, möchte es in die nachdenkliche Leichtigkeit führen, die das Walton-Konzert auszeichnete, den Aufbruch, den Mut zum Ausprobieren – und scheitert immer wieder daran, dass sich schon Mahlers symphonischer Erstling nicht in einer eindeutige Interpretation zwängen lässt. So endet er fast in einem Schrei, einem letzten aggressiven Ausbruch, einer fast verzweifelten Suchbewegung nach einem Ankommen. Dieser Abend versucht viel, Neues, Individuelles, nicht immer zu Definierendes. Ihm gelingt manches und er scheitert mindestens ebenso oft. Eines tut er nicht: langweilen, sich in eine Komfortzone zurückziehen. Mindestens dafür gebührt Robin Ticciati und dem DSO Anerkennung.

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Ein Gedanke zu „„Kinder, macht Neues!“

  1. Schlatz sagt:

    Schöne Charakterisierung von Waltons Konzert und interessante Beobachtungen zu Mahler, besonders im Finale.

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