Unter Erben

Lear nach William Shakespeare und: „Die Politiker“ von Wolfram Lotz, Deutsches Theater (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Das hölzerne Windrad, einziges permanentes Element auf Sebastian Hartmanns ansonsten leerer, weißer Bühne, steht still. Das Rad der Zeit dreht sich nicht, sie ist gefangen ist Erinnerungsschleifen, die nirgendwohin führen. König Lear und sein Getreuer Gloucester irren nicht mehr verloren, getrieben, blind durch die Welt, sie liegen in Krankenhausbetten, röchelnd, um Worte ringend, die nicht kommen. Und die andere aussprechen. Lind Pöppel vor allem, die in der Reminiszenz an die berühmte Schlüsselszene, in der Lear sein Reich an die schmeichelnden Töchter aufteilt und die ehrliche verstößt, alle Rollen spricht, während sie ziellos um die Bühne kreist. Auch gegen Ende des Lear-Teils wird sie dies wieder tun. Die Macht ist hilflos geworden, ohnmächtig, und bleibt doch präsent. Weil sie sich vererbt, übergeht auf die nächste Generation, wie ein Mühlstein am Hals der Lebenden, untot wie die, die sie vererbten, weitergaben, die Zukunft zu vergiften, wie sie es schon mit der Vergangenheit tat.

Bild: Arno Declair

So kann, so sollte man vielleicht lesen, war Hartmann in knapp zwei Stunden aus dem SAhakespeare-Stoff macht. Der text des Autors erscheint bestenfalls fragmentarisch, manisch wiederholt als Fetzen nicht sterben wollender, sich nicht abschütteln lassender Erinnerung, in abstrakt zerstückelten Chor-Passagen, die die Worte ihrer Bedeutung entledigt haben und diese als Selbstzweck in der welt lassen. Sinn ist eh verflogen in dieser Geisterwelt, in der Elias Arens die Intrigen Edmunds in grotesken Zuckungen verslapstickt – hier lässt sich keine Macht mehr gewinnen, weil sie längst absolut ist, ein Gespensternebel, der sich über alles legt. Da kann Manuel Harder noch noch verzweifelt brüllen, eine Welt ohne Menschen herbeiimaginieren, nackt über die Bühne hetzen und den Bogen der Vererbung menschlicher Selbstzerstörung in die Jetztzeit herbeizuschreien versuchen – die Sinnsuche ist in dieser Welt längst abgeschlossen. Vermummte, albtraumhafte Fantasiegestalten suchen die Dementen der Macht heim, die Nachgekommenen hetzen manisch zwanghaft im Kreis herum, die dringt nichts mehr durch, das erbe ist so absolut, so in sich geschlossen, so sich Lumannesk selbst als System befeuernd, dass es nichts mehr zu sagen hat.

Und so mäandert dieser Abend mit einer Spannungsfreiheit dahin, lässt er Figuren-, Text-, Motivfragmente in den Raum purzeln, ohne dass sie irgendeine Spur hinterlassen, dass das Murmeln in Zuschauerraum zunimmt, manche*r die Flucht ergreift, Gedanken schweifen und der Theaterabend zum Absitzen wird. Dass sich die Sünden der Väter vererben, wenn man es nicht schafft, sie abzuschütteln, dass menschliche Gesellschaften so konstruiert sind, dass sie ein solches Abschütteln verhindern, ist keine ganz neue Erkenntnis. Nur fällt Sebastian Hartmann leider wenig mehr ein – außer sein Publikum die pessimistische, hoffnungslose Wahrheit von der Notwendigkeit der Wiederholung des Immergleichen auf unerträgliche Weise erdulden zu lassen. Samuel Wiese liefert dazu den dräuenden, auch mal pumpenden, aber nie vorwärtsdrängenden Soundtrack, Elektro-Depression vom feinsten.

Vielleicht hat er das selber gemerkt, weswegen er der Shakespeare-Dekonstruktion noch einen Nachtrag verpasst, der am Ende wie der Hauptgang wirkt. Hartmann, seit In Stanniolpapier der Schrecken aller Uraufführungen, zimmert mal eben nebenbei eine hin, die sich gewaschen hat. Während die Lear-Geister, fahl und substanzlos, die Bühne verlassen, tritt Cordelia Wege auf, Eleganz im schwarzen Cocktail-Kleid, setzt sich an die Rampe und beginnt zu sprechen. Schnell, rhythmisch, fast manisch brettert sie Wolfram Lotz‘ Monolog Die Politiker in den längst ermatteten Saal. Lautmalerisch, voller Wiederholungen, ein punkartiges Dauerstakkato rütteln Wege (deren Vornamens-Gleichheit mit der verstoßenen Lear-Tochter natürlich für einen überflüssigen Scherz ausgenutzt wird) und Lotz die Erschlafften wieder auf, pumpen sie Energie und die schmerzlich vermisste Gegenwart in die späten Teile des Abends.

Der Text mischt Politiker- und Demokratie-feindliche Wutbürger-Klischees mit der Ratlosigkeit eines Autors in einer zunehmend undurchschaubaren Zeit und der stillen Verzweiflung des postmodern einsamen nach menschlicher Nähe, nach einer Gemeinsamkeit, in der es sich vielleicht durch die Welt gehen ließe. Er ist Anklage und ratlose Suche, rastlos-manische Verzweiflung und Ermächtigung der Sprache, sich ihre eigene Welt, ihre eigene Realität, eine Alternative zu erschaffen, vielleicht gar auszubrechen aus dem Kreislauf, den Hartmann zuvor versucht hatte zu vermitteln. Plötzlich wird das Rad zur gelb leuchtende Sonne, beginnt sich zu drehen, etwas setzt sich in Bewegung, aus dem lähmenden Stillstand ist ein weiterdenken, weitersuchen geworden. Das rettet den Abend nicht, aber gibt ihm einen Energieschub, der alles Darüberhinausdenken zumindest nicht unmöglich macht.

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