Menschen, Ratten, Götter

Nach Homer, neu erzählt von Thorleifur Örn Arnarsson und Mikael Torfason: Eine Odyssee, Volksbühne Berlin (Regie: Thorleifur Örn Arnarsson)

Von Sascha Krieger

Dem isländischen Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson, seit dieser Spielzeit für die kommenden zwei Jahre Schauspieldirektor der Berliner Volksbühne, haben es die Mythen, die großen Ursprungserzählungen unserer Welt angetan. Am Schauspiel Hannover hat er die seiner Heimat, Die Edda, zu einer vielschichtigen theatralen Reglexions-, Bilder- und Zeitmaschine transformiert, große Bögen über noch größere Menschheitsfragen geschlagen. An der Volksbühne ist es nun eine Erzählung, die zu den Kernnarrativen (auch mittel)europäischer Kultur gehört: jene von den Irrfahrten des Heerführers, der im Alleingang und mittels einer List den trojanischen Krieg gewann, jenen, der alle Kriege beenden sollte – ein an diesem Abend mehrfach fallender Satz, der bekanntlich einst auch den Weltkrieg beschreiben sollte, den wir heute den ersten nennen. Und der, wie wir heute wissen, nur der Anfang war. Auch bei Homer: Denn wo der Krieg endete, mit der Ilias, begann die Irrfahrt, das Verlaufen der Menschheit, die bis heute den Weg zurück in ihr friedliches Zuhause finden konnte.

Bild: Vincenzo Laera

Davon will dieser nach der Premiere auf etwas weniger als vier Stunden leicht geschrumpfte Abend erzählen. Und er beginnt mit zumindest ein wenig Verheißung. Irgendwo zwischen Unterwäsche und spartanischem (!!) Outfit gegleidet, bewegen sich die spieler*innen in militaristischen Exerzierposen, bevor sie sich an Mikrofoständern platzieren und mit militärischer Präzision beginnen, meist homerische Texte zu sprechen, oft chorisch, zum Teil einzelne Worte wie bruchstücke verlorenen Sinnzusammenhangs in den Raum stellend. Nebel wabert, die Bühne dreht sich unaufhörlich, das Musikertrio gibt den unerbittlichen Rhythmius vor, steigert sich zwischen Rammstein, Depeche Mode oder Radiohead zu wiederholten Crescendi, fahl verschwimmen die Gestalten im kalten Gegenlicht zu gesichtsloser Masse, die von Gräueln erzählt, Moden, Massakern, Grausamkeit, Entmenschlichung. Das erinnert die älteren an Einar Schleef, die jüngeren an Ulrich Rasche. Das illustriert eindrucksvoll, wenn auch nicht übermäßig originell, die Unentrinnbarkeit aus dem Kreislauf von Macht und Gewalt, in der sich die Menschheitsgeschichte gefangen zu finden scheint. Wie auch vor der Pause – mit ähnlichen theatralen Mitteln, gar gegen Schluss etwas Mut zur Stille – die nicht enden wollende (unvollständige) Litanei der seit Troja angezettelten Kriege samt Opferzahlen. Die spiegelt natürlich die Homerische Liste der Kriegsschiffe – die muskelspielende Maschinerie ersetzend durch ihre Folgen.

Das ist durchaus gelungenes und wirkungsvolles Überwältigungstheater, nicht übermäßig subtil, seine Ziele nie verhehlend, aber immerhin effektvoll. Das lässt sich vom Rest dieses langen und überraschend unterkomplexen Abends kaum sagen. Wo Die Edda assoziationsstark Bögen zu den großen Fragen des Menschseins spannte, Denkräume öffnete, ins Weite zielte, mäandert sich diese Odyssee zu einer einzigen, schnell akzeptierten Aussage: Krieg ist schlecht und das Narrativ vom Helden, von der heroischen Tat, eines der Gifte, die Krieg immer wieder unentrinnbar erscheinen lassen. Also demontiert der Abend heldische Narrative: etwa in der Figur des telemachos, den Nils Strunk als videospielsüchtiger Teenager gibt, der durch Kartons watet, die so leer sind wie die Heldenversprechen des Vaters, dessen unendlicher Erzählung er im zweiten Teil lautstark ins Wort fällt. Oder in den martialischen Posen etwa des Menelaos (Theo Trebs), der auf einem zerschossenen Konfetti-speienden Panzer stehend, die Lächerlichkeit militaristischer Inszenierungen verdeutlicht, bevor er, ganz moderner Selbstoptimierer, von seiner Rindfleisch-Diät schwärmt. Robert Kuchenbuchs Agamemnon spricht die narrative Konstruiertheit des Heldenbegriffes aus, während der sichtlich überforderte Filmstar und Theaterneuling Jella Haase die sexistisch patriarchale Ebene des Heldentopos auf viel zu karikatureske Weise verzwergt.

Immer wieder sucht der Abend Anschluss an die Gegenwart, am ärgerlichsten direkt nach der Pause, wenn Silvia Rieger sich vergeblich müht, aus einem Soldatenbericht aus Afghanistan irgendeine Form theatralen under erzählerischen Mehrwerts zu schlagen. Das Land am Hindukusch wird immer wieder erwähnt, Soldatenkörper werden mit Öl beschmiert – die Vergegenwärtigung stellt eine Hilflosigkeit aus, die betroffen macht. Zumal Arnarsson irgendwann aufgibt, Theater machen zu wollen. Klotzt er vor der Pause auf zuweilen effekthascherische Weise, mutiert der zweite Teil zur statischen Nummernrevue, bei der fast ausnahmslos Textmonstren von der Rampe deklamiert werden. Die Botschaft ist da längst im nach dem Intervall nicht einmal mehr halbvollen Saal angekommen, Mehrwert geriert dieser Teil keinen mehr. Sarah Frankes Auftritt als zynisch verspielter Weltenbrand-Entfacher und -Durchblicker Zeus – im Rattenkostum und Würstchen essend – lässt wenigstens kurz noch die komödiantischen Funken fliegen, während das Ölfässer-bewehrte Floß des Odysseus (Bühne: Daniel Angermayer) nicht nur den Helden, sondern auch die theatrale Kraft der Inszenierung in die Unterwelt führt. So geht der And den umgekehrte Weg der Edda: Er beginnt beim Universalen, nimmt sich eines der großen Menschheitsthemen und -traumata und verzwergt es, bis am Ende nichts mehr übrig ist als die Erleichterung, dass es – endlich – vorbei ist.

Ein Gedanke zu „Menschen, Ratten, Götter

  1. […] wenn ich ratlos bin“. Es fasst diesen zweiten Teil von Arnarssons Antiken-Trilogie (nach der Odyssee) trefflich zusammen, der sicher nicht zufällig auch der zweite Abend von drei zu Beginn dieser […]

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