Nummernrevue der Deutungsversuche

Bertolt Brecht: Baal, Berliner Ensemble (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

Die Beziehung zwischen Regisseur und Theater ist eine seltsame und oft nicht rational zu erklärende: Warum gelingen dem gleichen Künstler an einigen Häusern reihenweise Meisterstücke der Regiekunst, während er an einem anderen immer wieder scheitert. Nach zwei Arbeiten am Berliner Ensemble ist es nun auch an Ersan Mondtag, dem Regie-„Wunderkind“ der vergangenen Jahre, dem dystopischen Albtraumschürfer betörender und verstörender menschlicher Unterwelten, diese Frage gestellt zu bekommen. Nun ist es an Bertolt Brechts Haus gemeinhin nicht ganz so einfach, Werke des einstigen Hausherrn zu inszenieren, schauen die Brechts und Weigels und Berghause und Peymanns quasi immer über die Schulter des Nachgekommenen. was den mit reichlich Selbstbewusstsein ausgestatteten Regisseur normalerweise nicht anficht. Und so sieht auch sein Baal erst einmal aus wie ein „echter Mondtag“. Seine Bühnenräume sind der Stoff, aus dem Albträume gemacht sind. Diesmal haben sie – Brecht zu Ehren – eine dezidiert expressionistische Anmutung: eine verzerrt klaustrophobische Stadtminiatur mit sich auftürmenden Häuserschläuchen in grellen Farben, ein Ba(a!)r-Intérieur mit bis zur Decke reichenden Flaschen-Wänden, eine gespenstische Gruft mit einer riesenhaften teufelsbehörnten zweitterhaften Barbiepuppe, ein kahler Wald mit Illuminatenhütte.

Bild: Birgit Hupfeld

Und die Gestalten: In Mondtags allbekannten Nackt-Suits stecken sie, allesamt weiblich konnotiert, später bekleidet mit wie gemalten Anzugs- und Kleiderparodien. Mechanisch wippen sie im Takt der Spieluhr-Musik, formen automatenhafte Choreografien und sprechen im Chor, erstarren gern mal mitten in der Bewegung und wirken beim ersten Auftreten wie ein satirisches Sittenbild von George Grosz. Die Gesellschaft, in die dieser Baal, dieser amoralische Künstler, dieser egomanische Grenzenverwischer und soziale Gepflogenheiten Zerstörer, hineinfällt, ist eine erstarrte, moralisch enge, selbstsüchtige, heuchlerische, ein menschlicher Totentanz grotesker Gestalten am Ende einer schon verflossenen Geschichte. So weit, so gut. Doch wer ist dieser Baal? Stefanie Reinsperger spielt ihn, wie Mondtag überhaupt die männlichen Hauptrollen, neben der Titelfigur Eckart und Johannes, mit Frauen besetzt. Sie sind nicht wie die anderen grotesk geschminkt und tragen auch keine Fake-Kostüme, sondern sind in mehr oder minder seriöses Schwarz-weiß gekleidet. Reinsperger gibt zunächst ganz klassisch die Ein-Frau-Blendgranate, die in die Gesellschaft fährt, sie auseinandertreibt und ihre Oberflächlichkeit exponiert. Das tut sie mit ätzendem Wiener Akzent, lauter Lache und einer verächtlichen Körperlichkeit, die keine Kompromisse duldet.

Das ist relativ klassischer Baal – und beginnt sich mit der Mondtagschen Ikonografie zu beißen. Denn so atmosphärisch düster, mit mystischer Rauheit durchzogen, der abend begann, ritualhaft, Baal als Prinzip etablierend, so sehr driftet er in der Folge in eine panoramenhafte Szenenreihung, deren Geschwätzigkeit wenig mit Mondtags ent-individualisierendem Theater gemein hat. Die mechanischen Choreopgrafien prallen auf psychologisierendes Theater, so stark, dass Meta-Momente die Bühnensituation immer wieder einblenden und ironisch kommentieren zu müssen glauben. Ja, das sei Kunst, werden wir versichert, während der Abend zunehmend in Ratlosigkeit abdriftet, das Neben- und gegeneinander von Künstlichkeit und expressionistisch eingefärbtem Realismus beide Aspekte einander negieren lässt. Darunter leidet die Figurenzeichnung: Kate Strongs Eckart etwa steht so weit neben jeglicher Handlung, dass man ihn auch nicht vermissen würde, Judith Engels Mutter und Johannes nähern einander so sehr in ihrer steifen Eindimensionalität als Mahner*innen an, dass sie beliebig austauschbar erscheinen.

Am schlimmsten aber trifft es die Titelfigur: Nachdem Reinsperger sie als subversive Kraft etabliert hat, als zirzensische Maskenherunterreißerin und konpromissloseste Weiterdenkerin und -handlerin ungebremsten Ich-Bezugs, als egomanische Künstler-Parodie und vulkanische Körperlichkeit, versucht Mondtag sie plötzlich umzudeuten. Gerade hat sie/er eine Frau missbraucht, schickt sie mit größter Verachtung weg, da heult Reinsperger wie ein Schlosshund. Solche Momente werden mit zunehmender Dauer des abends häufiger. Wiederholt verkrampft sich Reinspergers Körper, als wehrte sie sich gegen die ihr zugedachte Rolle, die doch zuvor als selbstgewählt und gesellschaftsunterminierend etabliert war. Die groteske Satire versucht überzugehen in eine Art existenzialistischen Kampf zwischen Gut und Böse im Innern des Menschen. Da wird die alle vor sich Hintreibende zur Getriebenen, die Selbst- zur Fremdbestimmten. Und da veerliert sich Reinspergers Ball in sich. weil sie vieles zu sein versucht, was nie recht zusammenpasst. Der Säufer und der Zyniker, der menschenverachtende Menschenbenutzer bleiben, aber da ist dann auch das Opfer, die Außgestoßene, der Pariah. Und die mit sich Ringende, die Skrupulöse, die existenzielle Gefechte Austragende.

Wie nach der Pause, einer gelungenen Albtraumanordnung in wechselndem stets geisterhaft fahlem Licht, eine Gespensterbeschwörung, eine Heimsuchung. Baal schleppt sich von Raum zu Raum, ein Gespenst gewordener albtraum, ein opfer seiner selbst oder der Welt oder einer universellen Todessehnsucht? Man weiß es nicht. Brecht ist da fern, Ersan Mondtag ganz nah. Und hier liegt das Grundproblem dieses Abends: Sie wollen nicht zusammenpassen, streiten sich um Perspektive und Deutungshoheit. mal hat der eine die Oberhand, mal der andere. Ein durchaus männlicher Machtkampf, der die Genderfluidität des Abends abschwächt, wie der weibliche Baal die Misogynie, die im Stück angelegt ist, verwässert. Dieser Baal will alles sein: gesellschaftliche Satire und Sittenbild, allgemeinmenschliche Tiefenschürfung und künstlicher Albtraum zum Tode strebender Existenz. Und ist dann letztlich vor allem eine Nummernrevue der Deutungsversuche. Um den Preis, dass der Titelgeber, pardon, die Titelgeber*in in nicht zueinander gehörende Bruchstücke zerfällt. Und mit ihr der Abend. Hier verhebt sich Ersan Mondtag ein wenig am Hausgeist des Berliner Ensembles. Oder vielleicht ist es andersherum. Vielleicht wäre mehr von einem der beiden besser gewesen.

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