Feier der Neugier

Sir John Eliot Gardiner, das Orchestre Révolutionnaire et Romantique und der Monteverdi Choir eröffnen das Musikfest Berlin 2019 mit Berlioz‘ Oper Benvenuto Cellini

Von Sascha Krieger

Das Musikfest Berlin ist nicht dafür bekannt, es seinem Publikum besonders leicht zu machen. Sperrige Programme, die auch mal Überlänge haben können, ambitionierte Themen- und Komponisten-Schwerpunkte (das Gendersternchen ist hier leider nicht angebracht), die den Mainstream gern weit hinter sich lassen, in der Folge nicht selten halbleere Säle – im internationalen Festivalbetrieb ist Berlin das Arthouse-Fest, die unabhängige Alternative. Da passt es gut, mit einem echten außenseiter zu starten. Sir John Eliot Gardiner, Protagonist der historisch informierten Aufführungspraxis und als solcher nicht zuletzt Barockspezialist, hat vor ein paar Jahrzehnten begonnen, deren Prinzipien auf die Musik des 19. und 20. Jahrhunderts auszudehnen. Mit dem Orchestre Révolutionnaire et Romantique schuf er das Orchester Nummer ein in diesem Bereich – ein Ensemble exzellenter Musiker*innen, die auf historischen Instrumenten sich vor allem den vielen Facetten romantischer Musik widmet. Vor allem das Werk Hector Berlioz‘ hat es Gardiner angetan, jener idiosynkratischen Gestalt, die der Dirigent nach wie vor für unterschätzt hält. Das gilt insbesondere für dessen erste Oper Benvenuto Cellini, ein damals bei Kritik und Publikum durchgefallenes Werk, basierend auf der aberwitzigen Autobiografie des Renaissance-Bildhauers, eine Geschichte um Liebe, Intrigen und die Unbedingtheit echter Kunst. Ein Künstlerportrait, das wohl auch einiges mit dem Komponisten selbst gemeint hat.

Sir John Eliot Gardiner und das Orchestre Révolutionnaire et Romantique (Bild: Chris Christodoulou)

Gardiner will nicht weniger, als das Werk auf den Opernspielplänen zu etablieren, wie er anschließend beim Eröffnungsempfang sagt. dafür hat er aus den drei vorhandenen Werkfassungen eine eigene erstellt, das beste des Vorhandenen, wie er glaubt. Und wer diese halbszenische Aufführung, mit der er derzeit auf Tour ist, erlebt hat, würde dem Werk durchaus eine Chance geben, sich auf seine alten Tage doch noch zu etablieren. Was natürlich vor allem an Gardiner und seinen Ensembles – neben dem Orchester natürlich der längst legendäre Monteverdi Choir – liegt. Vom ersten Takt an herrscht Spannung in der Philharmonie. Mit sehr viel Zug, höchster klanglicher Konzentration und rhythmischer Prägnanz geht das Orchester die Ouvertüre an, arbeitet die unterschiedlichen Ausdrucksmodi heraus und etabliert zugleich einen energetischen Schub, der die nächsten dreieinhalb Stunden anhält. Das historische Instrumentarium sorgt zudem dafür, dass hier nichts zu schwer, zu massiv wird, dass diese Musik in jedem Moment atmet, dass auch das stärkste Fortissimo, die höchste Verdichtung, die härtesten Anschübe der Pauken nie die Leichtigkeit und Lebendigkeit aufgeben, die dieser Opéra-comique gebührt.

Doch der zentrale Faktor ist John Eliot Gardiner selbst, der stets das richtige Maß findet: Lebendigkeit ja, aber nie zirzensisch effekthascherisches Gewusel, Transparenz, aber ohne jeden Hang zur Vereinzelung, Energie, aber nie als Selbstzweck. So bleibt die Klangsprache stets klar, immer aufs Sinnhafte reduziert, kraftvoll durch seine Schlankheit, fokussierend auf die Vielfalt der Berliozschen Klangfarben, die stets im Dienste der Handlung stehen. Und perfekt mit den Vokalstimmen interagieren – im Dialog, als Verstärker, als auch mal skeptische Begleiter und in einigen Fällen als Widerspruch. Der Chor ist wie immer brilliant, klar, nuanciert, schauspielerisch in jedem Moment auf der Höhe, mühelos wechselnd zwischen komischer Übertreibung und feierlicher Kraft, auch den einen oder anderen tragischen Akzent setzend – gerade die dunkleren Momente arbeitet Gardiner in Orchester wie Chor perfekt heraus, das Publikum stets erinnernd, dass der Schritt zu einer tragischen Oper ein sehr kleiner ist.

Auch das Solist*innen-Ensemble ist von allerhöchster Qualität. Allen voran natürlich Michael Spyres, dessen strahlend kraftvoller Tenor auch höchste Höhenlagen scheinbar mühelos bewältigt und trotzdem nie angibt, weil Ausdruck in jeder Sekunde von maximaler Wichtigkeit ist. Sophia Burgos ist eine wunderbar lyrische, intime und zugleich komisch scharfe Teresa, Lionel Lhote ein Fieramosca, der Härte und komische Übertreibung mit sängerisch höchster Handwerkskunst zu verbinden vermag, Einspringer Maurizio Muraro ein tiefschwarzer perfekter Buffo-Bass und Tareq Nazmi als Papst Clemens eine komödiantische Offenbarung mit hohem Satire-Potenzial. Vor allem aber will niemand auf dieser Bühne selbige zur eigenen machen. Alles posieren und gockeln und strahlen fürs Ganze und hier hebt der Abend vollständig ab: Nicht nur gelingt es Gardiner, die zum Teil sehr unterschiedlichen und oft recht separaten Klangebenen des Orchesters zu einer Gemeinschaft zu formen, die nichts verwäscht oder übertüncht – gleiches vermag er unter Einbeziehung von Chor und Solist*innen. Das Ergebnis sind dreieinhalb Stunden höchster musikalischer und Lebensenergie, eine entfesselte Feier der Opernkunst auf basis eines wahrlich nicht fehlerfreien Werks. Hier jedoch geht es um Freude; am Miteinander, an der Musik, am Gelingen künstlerischen Ausdrucks, um grenzenlose Neugier und die Lust aufs kaum Bekannte. Damit wird dieses Gastspiel nicht nur in sich selbst zum Triumph, sondern auch zum perfekten Auftakt jener Feier der Neugier, die das Musikfest immer auch ist.

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