Auf dem Boden der Tatsachen

Kirill Petrenko eröffnet seine Amtszeit als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker mit Beethovens Neunter – und Alban Berg

Von Sascha Krieger

Nein, das ist kein „normales“ Saisoneröffnungskonzert. Die Spannung ist mit den sprichwörtlichen Händen zu greifen und der versammelten Presse wird schon vor Beginn Sekt gereicht, vielleicht, um sie milder zu stimmen. Endlich ist der da, der neue Chefdirigent, vier Jahre nach seiner Wahl, eine neue Ära beginnt bei den Berliner Philharmonikern. Und auch wenn Kirill Petrenko als einer der bescheidensten Vertreter*innen seiner Zunft gilt – zum Antritt wagt auch er zu klotzen, nicht zu kleckern. Nicht weniger als Beethovens Neunte darf es sein, das universellste aller universellen Werke, das beste wie das schlechteste der Menschheit umfassend, wie Petrenko vor ein paar Monaten bei seiner Vorstellungspressekonferenz sinngemäß sagte. Doch er wäre nicht er, wenn er gleich mit der Tür ins Haus fiele und so beginnt der Abend widersprüchlicher, sperriger, herausfordernder, nämlich mit Alban Bergs Symphonischen Stücken aus der Oper Lulu, kein Material für stehende Ovationen oder Jubelchöre.

Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker beim Saisoneröffnungskonzert 2019/20 (Bild: Stephan Rabold)

Vor allem nicht bei Petrenko, dem Partiturschürfer, der gerade an diesem seinem Visitenkarten-Abend alles aus dem Detail heraus entwickelt. Höchste Transparenz – das Metier des Orchesters schon in Sir Simon Rattles besten Momenten – erschließt jede winzige musikalische Zelle, jede einzelne Klangfarbe, jede motivische Andeutung, die es trotz Zwölftonprinzip hier reichlich gibt. Der Beginn klingt denn auch fast tonal, wie eine leicht albtraumhaft verdrehte, wie sepiafarben schimmernde schwebende Filmmusik. Überhaupt interessiert den Dirigenten die Struktur des Werks weniger als seine klangliche Ebene, das Spiel der Farben und der daraus resultierende Ausdruck. Das hat zur Folge, dass sich die Unterschiede der verschiedenen Teile ein wenig verwischen, mit der Ausnahme der mit erschütternder Trockenheit, mit unerbittlicher Sachlichkeit ausgelieferten Todesszene im letzten Stück, bewegt sich das Ausdrucksspektrum mit mehr oder weniger großen Ausschlägen um eine stabile Mittelachse herum. Hier bewegt sich auch das Lied der Lulu, das Sopranistin Marlis Petersen, frisch gebackene „Artist in Residence“ mit kühler Klarheit, mit wissender Schärfe, kontrolliert und ohne dramatischen Firlefanz vorträgt. In der Folge kommt Unruhe hinein, die Streicher werden dichter und zugleich fahler, der Erinnerung an Liebeswerben vom Anfang folgt ein subtiler abstieg in dunklere Regionen, in denen Geister wohnen. Die Register kippen stärker ins Extreme, der Schluss ist von einer fast beamtenhaften Nüchternheit, die erschreckt. Das Spiel der Farben glitzert lang wie Selbstzweck vor sich hin und offenbart am Ende seine Bedeutung: Ausweglosigkeit, kein Licht nirgends.

Und so kommt denn auch die „Neunte“, jenes Glanzstück des „per aspera ad astra“ zunächst überraschen dunkel daher, beinahe feindselig. Hier darf nichts singen, so sehr verknappt Petrenko alles melodische Material im Kopfsatz, zwingt es in ein regelrecht martialisch wirkendes rhythmisches Korsett, mit schnellen Tempi und einem dichten, zuweilen fast abweisenden, erdigen Grundton. Hier herrscht die Düsternis, regiert die Gewalt. Nichts zieht ins Breite, aggressiv geht das Orchester zu Werke, alles ist so scharfkantig, dass man fürchtet, jemand würde sich schneiden. Zwischendurch viel Detailschärfe: schön das Frage-Antwort-Spiel zwischen ersten und zweiten Geigen, flirrend der Wechsel zwischen Brodeln und höchster Transparenz, die Marsch-Miniatur gestört von nicht passen wollenden Tönen. Hier ist alles Unruhe, Bedrohung, Instabilität. Weltumspannende Freude lässt sich nicht einmal erahnen. Das bleibt auch im zweiten Satz so. Auch hier lässt Petrenko immer wieder klangliche Störfeuer setzen, wollen die musikalischen Ebenen nicht immer zusammenpassen. Bloß keine Harmonie, lautet das Motto. Schnörkellos und sachlich hebt das an und steigert sich zu bedrohlicher Schärfe. Die Fallhöhe ist gesetzt, auch um den Preis, dass die ersten beiden Sätze etwas weniger unterscheidbar sind als nötig. Da ist das Adagio eine wahre Erholung. Auch hieran ist kein Gramm Fett, doch darf das orchester jetzt auch singen. Petrenko setzt auf primäre Klangfarben statt Mischtöne, der berühmte „klassische“ Beethovenklang auch Streichern und Holzbläser ist in sine Einzelteile zerlegt und so viel wirkungsvoller, frischer. Das Holz wirkt zuweilen brüchig, die Lyrik recht körperlich. Die Bedrohung der vorangehenden Sätze bleibt stets im Hinterkopf, für Pathos ist hier kein Platz, für Bewegung und Lebendigkeit schon.

So ist der Boden bereitet für das große Finale, einer, auf dem es sich nicht übermäßig stabil steht. Petrenko probiert es erstmal mit einer Rückkehr zu Geschwindigkeit und trockener Nüchternheit. Hier staubt es beim Zwiegespräch mit Celli und Bässen regelrecht, Angebot und Ablehnung sind auf Augenhöhe, beide wirken eher papiern. Auch das Freudenthema hebt vollkommen unemotional an, wie ein bürokratischer Vorgang, statt den weg ins Licht zu weisen, die Holzbläser wirken affirmativ bis kämpferisch – hier ist noch nichts gewonnen. Welch eine spannende Deutung hätte das werden können, hätte Petrenko die Herleitung der finalen Wendung aus der Gewalttätigkeit der welt durchgezogen. Doch mit dem anheben des Gesangs fällt die Spannung spürbar ab. Kwangchul Youns sehr dunklem Ton fehlt jeder Biss, der Rundfunkchor ist brillant wie immer, meidet aber jedes Extrem, das Solist*innen-Quartett wird einzig von Petersen getragen. Die vielen Motiv und Ausdruckswechsel werden zunehmend zur Nummernrevue, dem Dirigenten gehen die Übergänge immer wieder verloren. Er versucht das mit reichlich dynamischen Kontrasten aufzufangen, zieht das Tempo immer wieder an und findet doch nicht wieder hinein ins Geschehen. Da gibt es bisschen Erschütterung („vor Gott“), viel kämpferische Hektik, seltsam verwaschen kraftloser Streicherklang und ein arg getriebener Schluss. Der aufbau ist dem „Neuen“ gelungen, zu Ende zu bringen vermag er es nicht. Das ist für den Auftakt einer hoffentlich langen künstlerischen Beziehung nichts per se Schlechtes. Auch dass der zuweilen im Vorfeld fast als Messias Verehrte hier auf dem Boden der Tatsachen landet. Stehende Ovationen bekommt Kirill Petrenko trotzdem – es besteht wenig Zweifel, dass er sich diese schon bald noch mehr verdient als mit diesem ersten Abend.

2 Gedanken zu „Auf dem Boden der Tatsachen

  1. […] Größeres empfehlen wollen oder – wie im Fall Kirill Petrenkos, der in der vergangenen Woche endlich sein Amt bei den Berliner Philharmonikern antrat – eine lange künstlerische Beziehung anstreben, geht man im Konzerthaus einen anderen Weg. Hier, […]

  2. Schlatz sagt:

    Find ich gut, dass Sie in den allgemeinen Jubelchor ein paar Tropfen Kritiker-Essig gießen.

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