Verzweifeln als Chance

Heiner Müller: Herzstück, Maxim Gorki Theater (Container), Berlin (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

Grau steht er da, der „Container“, neue Ausweicvh- und zusätzliche temporäre Nebenspielstätte des Maxim Gorki Theaters, in wenigen Wochen aufgebaut, nachhaltig, die Technik geliehen, die Baustoffe recyclebar. Ein Muster an Effizienz. Das Sebastian Nübling zur Eröffnung mit einer kleinen, unterhaltsamen, radikalen Ode an die Nicht-Effizienz bespielt, an die Verweigerung des Zielführenden. Eine solche ist auch Heiner Müllers kürzestes Stück, das Herzstück, 14 Zeilen gegen den Strich gebürstetes Liebesklischee. Das mit einer schönen Volte endet: Das Herz, das der erste Clown dem zweiten zu Füßen legen will, ist ein Ziegelstein, Symbol von Arbeit, Aufbauen, Produktivität. Und weil auch noch der  Satz „Arbeiten und nicht verzweifeln“ im kurzen Text steht, nimmt Nübling ihn als Ausgangspunkt für eine poetische Clownerie über die Arbeit und ihre Verweigerung. Statt zwei stehen nun sieben Clowns auf der leeren Bühne. oder eigentlich erst einmal einer. Dominic Hartmann versucht die Unterhaltunsmaschine in Gang zu bringen, bewegt sich breit grinsend zu zirzensisch jazzigen Musikfetzen, versucht die Mitstreiter*innen dazu zu bewegen, es ihm gleichzutun. Dabei ist er als Bühnen-Arbeiter „nur“ Imitator, was er später in einer Feedback-Runde auch zugibt. Einer, der den anderen ihre Posen und Bewegungen abschaut und sie spiegelt. Theater als Imitationsarbeit, als immer wieder scheiterndes Als-Ob.

Bild: Esra Rotthoff

Die anderen sechs versuchen sich derweil im Dreieck zwischen Bemühen, Scheitern und Verweigerung. Vidina Popov steht für ersteres: Manisch steigert sie sich in einen Rechtfertigungsmonolog hinein über das Theater als Gemachtes, Erarbeitetes, jahrelang Antrainiertes, als Raum der Selbstausbeutung und Selbstaufgabe – und reißt in ihrer zunehmen panischen Ankündigungsrede den gesamten Stücktext schon mal ab, im Versuch des Funktionierens das Scheitern zementierend. Dieses verkörpert Kenda Hmeidan als pinker, angstschlotternder Clown, der nicht in die Gruppen-Routinen passt, sich immer wieder in prekären Situationen wiederfindet, die Nicht-Effizienz verkörpert und an ihr verzweifelt. Und dann ist da noch Mazen Aljubbeh, der Verweigerer. Der nicht spielt, nicht performt, nicht spricht. Der sich den Mund verklebt und das Gesicht bandagiert. Der Künstler als Nicht-Arbeiter. Dazwischen hasten noch Maryam Abu Khaled als immer wieder versagende Dauerlächlerin, Elena Schmidt als selbsternannte Alles-Vermasslerin und Karim Daoud als leere kontextfreie Lebenshilfe- und -erklärungs-Sentenzen absondernder Textschwamm umher, ihrer Funktion beraubte und auf die Mechaniken des Funktionierens reduzierte Effizienzfragmente.

Bald wird aus dem Müller-Satz, auf die Rückwand projiziert, seine Umkehrung: Verzweifeln und nicht arbeiten. Und so scheitert man minutenlang erst am Aufbau eines Gerüsts, dann am Aufhängen eines Holzherzens, dann an der Entsorgung von ersterem. Schnell wird besagtes Herz von Bühnenarbeitern abgenommen und durch ein blinkendes Show-Herz ersetzt. The Show Must Go On. Nur die Clowns wollen nicht funktionieren. Faszinierend, wie es der Inszenierung gelingt, jede*r einen eigenen unverwechselbaren Charakter angedeihen zu lassen, sie in ihrem Bemühen, Scheitern und Verweigern unverwechselbar zu machen, sie nicht zu Chiffren zu reduzieren, sondern darunter Menschen anzudeuten, Individuen, Alleingelassene, die sich jeden Tag auf die Laufbänder einer effizienzgetriebenen und Arbeit verherrlichenden Welt stellen und um ihren Markt- und gesellschaftlichen wert anrennen. Dabei ist der Abend gar nicht politisch oder kommt zumindest so nicht daher.  Stattdessen spielt er – mit Erwartungen an Stringenz, an theatrale Mechaniken, an Darstellung und Repräsentation, aber auch die Bedeutung und den Wert von Arbeit, an die Vergötterung des Erfolgs und des Hineinpassens. Er probiert und verwirft, zitiert, parodiert und erweist sich als witzig leichter Stachel im Fleisch der Produktivität.

Das unspielbare und von Popov mit vollstem Körpereinsatz immer und immer wieder angepriesene Stück wird natürlich nicht gespielt, nur am Ende nochmals zitiert. Die Stimme ist die Heiner Müllers, der die vierzehn Zeilen trocken ironisch aus dem Off spricht, während auf der Bühne die übernommen haben, welche die Effizienzreligion unserer Zeit wirklich leben: zwei Saugroboter, ausgesetzt von Aljubbeh, die über die Bühne gleiten und die Worte Müllers mittels aufgebauter Mini-Lautsprecher mit sich tragen – sogar nach draußen, wie bei der Premiere von einem der beiden vorgeführt. Bei ihnen ist auch das Scheitern effektiv, Teil des Funktionierens, sie sich nicht ablenkbar, nicht ermüdbar, fokussiert. Während der Mensch verzweifelt, arbeitet der Roboter. Doch die Poesie, die weiter verfolgbaren, weiter denk- und fühlbaren Wege liegen bei ersterem, im nicht auf eine Aufgabe reduzierbaren Menschsein, im Scheiter als Chance und Denk- und Lebensraum. Dies feiert der Abend in seiner Langsamkeit, seiner Unwilligkeit, vom Fleck zu kommen. Ein Spielzeitauftakt, der kein Anfang sein will, sondern diesen verweigert. Das ist auch ein Statement.

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