#MeToo auf dem Nierentisch

Laura Wade: Zuhause bin ich Darling, Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater (Regie: Philippe Besson)

Von Sascha Krieger

Der erzwungene  temporäre Umzug der Kudamm-Bühnen ins Schiller-Theater hat seine Vorteile. Vor den alten Standort hätte das halbe Dutzend US-Oldtimer kaum gepasst, das vor der deutschsprachigen Premiere auf Laura Wades im April mit dem renommierten Olivier Award als „Beste neue Komödie“ ausgezeichnetes Stück Zuhause bin ich Darling einstimmen sollte. Darin geht es nämlich um die Fünfzigerjahre. Oder besser: um ein Paar, das sich nicht nur von Petticoat und Rock and Roll inspirieren lässt, sondern gleich versucht, die Werte dieses vermeintlich friedvollen und geordneten Jahrzehnts zu leben versucht. Judy hat ihren Job aufgegeben, um ganz klassisch die Hausfrau für Johnny zu geben, ihn zu bekochen, Hausschuhe und Dring bereitzuhalten, wenn er nach Hause kommt. Damit rebelliert sie (natürlich) auch gegen die Mutter, mit der sich in einer Kommune aufwuchs, antiautoritär, feministisch, selbstbestimmt, immer politisch bewusst. Ohne Rahmen, ohne Vorgaben, wie sie sie jetzt etwa in einem Wälzer über „die perfekte Hausfrau“ sucht.

Bild: Franziska Strauss

Wie in den Fünfzigern leben, aber im Hier und Jetzt? Da sind die Konfliktlinien vorprogrammiert und die Saat für eine vergnügliche Komödie angelegt. Die Autorin Wade und Regisseur Philippe Besson, dessen Vater einst hier am alten Schiller-Theater inszeniert hatte, mit überraschend viel Subtilität angehen. Der Fokus von Stück und Inszenierung liegt nicht auf brachialer Boulevard-Komik, sondern auf einer nuancierten Ausbreitung von Themen und Charakteren. Das überzeugt zu Beginn durchaus: indem Judy und Johnny (Judith Richter und Niklas Kohrt) ihre Dialoge mit der leblos künstlichen Pseudo-Authentizität altbackener Heile-Welt-Werbespots absolvieren, in Alfred Peters verspielt pastellfarbener Bühne, die überall die geschwungenen Formen des berüchtigten Nierentischs aufnimmt, in den in blaues Nostalgielicht getauchten Zwischenszenen, in denen Katrin Hauptmann und Bürger Lars Dietrich als befreundetes, die Fünfziger ebenso verehrendes, aber weniger verbissen nachstellendes Paar, ausgelassen tanzen und damit einen Gegenpol zur verkrampft reaktionären Nachstellung vergangener Lebensentwürfe bilden. Das ist stimmungsvoll und zugleich satirisch scharf, eine starke Themensetzung, die mit den Mitteln des Unterhaltungstheaters ernsthaftere Töne verspielt erklingen lässt.

Doch bleibt es erst einmal dabei, tut sich der mit fast drei Stunden viel zu lange Abend schwer damit, in einen Spiel- und/oder Erzählduktus zu wechseln. Bemüht, sein Thema – die Bereitschaft zur Aufgabe liberaler Werte aus Sehnsucht nach einem Gefühl vermeintlicher Sicherheit in einfachen Wahrheiten, kein ganz unbekanntes Phänomen in unserer Zeit – ernst zu nehmen und nicht einer Lachsalve nach der anderen zu opfern, vernachlässigt der Abend zunehmend das komödiantische Potenzial dieser, nun ja, Komödie. Die Absurdität des anachronistischen Lebensentwurfs in Zeiten von Smartphone und Internet lässt sich im zunehmend verkrampfenden und verzweifelnden Enthusiasmus von Judith Richters Mimik und Gestik noch eher ablesen als in der allzu vorsichtigen Regie Bessons, die oft jeglichen Sinn für Timing vermissen lässt und den Zuschauer bald einlullt in einem harmlosen Geplätscher, das zuweilen humorvolle Stachel setzt, aber wenig Dynamik versprüht. Was auch die Konfliktlinien einebnet. Die vor allem dann hereinkommen, wenn Sketchup-Ikone Beatrice Richter, die nicht nur Judys Mutter spielt, sondern im „echten Leben“ auch di der Judy-Darstellerin ist, auftritt. Trocken reißt sie Judys Fassaden herunter, verteidigt in einer ehrlich sachlichen Rede die Errungenschaften weiblicher Befreiung und ist der authentisch ruhende Gegenpol all dieser Künstlichkeit. Damit erreicht sie auch deutlich mehr komödiantisches Potenzial als all der sich schnell totlaufenden Fünfziger-Mummenschanz – und eine Gegenreaktion der zerrissenen Judy, die Judith Richter mindestens auf Augenhöhe mit ihrer Mutter spielt.

Leider vertrauen weder Stück noch Inszenierung auf diesen Kernkonflikt, den Spalt zwischen den Generationen, so oft Grund oder zumindest Auslöser gesellschaftlicher Verwerfungen, spielen, spülen ihn schnell weg zugunsten anderer. Den zwischen den Eheleuten, denn es ist natürlich der Mann, der lange vor der Frau die Vernunftfeindlichkeit des Arrangements erkennt, der Patriarch als Befreier. Oder die spät eingezogene #MeToo-Ebene, um den sexistisch übergriffigen „netten Freund“ Marcus (Dietrich), die in ärgerlichster Weise aufgesetzt und damit regelrecht missbräuchlich der wichtigsten Gesellschaftlichen Debatte der letzten zwei Jahre gegenüber wirkt. Vollends plakativ dann die Diskrepanz zwischen Nostalgie und wertefreier (Post)Moderne, verkörpert von Johnnys Chefin Alex (Natalie Mukherjee), auch dies ein gern genommenes Erklärungsmuster für aktuelle Populismen, hier jedoch mit der Lebendigkeit und Subtilität einer Vorabend-Seifenoper – ohne deren Hang zur Dramatisierung – vorgeführt. So plätschert der Abend vor allem nach der Pause zunehmend mechanisch vor sich hin, wirken die Handlungsumschwünge mit jedem Mal weniger aus Geschichte und Figuren heraus motiviert, sondern einzig und allein darauf ausgerichtet, ein irgendwie gutes, aufbauendes Ende zu finden. Der Abend profitiert vom nuancierten, dreidimensionalen Spiel aller Darsteller*innen, zu dem Regie und letztlich auch der text zu wenig hinzufügen. So entsteht ein netter Abend, der keinem wehtut, aber es weder wagt, Boulevardkomödie noch tiefergehende Gesellschaftssatire zu sein und sich als viel zu langer Sketch (im Sinne von Skizze) verliert.

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