Der Lärm der Gegenwart

Andris Nelsons und Daniil Trifonov mit Werken von Skrjabin und Schostakowitsch zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Das ist ja noch einmal ein veritables Gipfeltreffen zum Ende der Philharmoniker-Spielzeit. Das letzte Konzertprogramm in der Philharmonie vor dem Beginn der Ära Petrenko (das Waldbühnen-Konzert läuft ja ein wenig außer Konkurrenz) glänzt zumindest mit Star-Power. Mit Daniil Trifonov ist nicht nur der diesjährige „Artist in Residence“ zu Gast, sondern ein Pianist, den manche, zumindest was die technischen Fähigkeiten betrifft, längst mit den ganz Großen der Geschichte in einem Atemzug nennen. Und am Pult steht – knapp neun Jahre nach seinem Philharmoniker-Debüt – Andris Nelsons, einer der größten Namen der Szene, einer der zu den Favoriten auf die Nachfolge Sir Simon Rattles zählte und jetzt zwei anderen der wichtigsten Orchester der Welt vorsteht, jenen in Boston und Leipzig. Da ist ein großer Abend vorprogrammiert – und doch muss der Rezensent zur Pause eingestehen, dass ein solcher Star-Überschuss – das vielleicht weltbeste Orchester ist ja auch noch da – mitunter auch kontraproduktiv sein kann. Alexander Skrjabins selten gespieltes einziges Klavierkonzert – bei diesem Klangkörper zuletzt vor 109 Jahren zu hören – fällt dem zum Opfer, was in solchen Fällen zuweilen passiert: Weil jeder (die männliche Form ist Absicht) seine Fähigkeiten demonstrieren will, wird aus der gemeinsamen musikalischen Arbeit eine art Wettstreit, bei dem nur eines gewinnt: das Zuviel. Das mag daran liegen, dass beide Protagonisten sich noch im ersten Drittel, vielleicht gar im ersten Viertel, ihrer Karrieren befinden: Trifonov ist 28 und Nelsons gilt mit seinen 40 Jahren auch noch als „junger Dirigent“.

Andris Nelsons (Bild: Monika Rittershaus)

Die Ecksätze von Skrjabins überraschend lyrischem Frühwerk geraten denn zu lärmendeÜbungen im Immer-mehr. Weckt der Beginn mit verträumt perlendem Spiel des Solisten noch Hoffnung, vergräbt sich der Russe bald in seinem Markenzeichen: hochpathetisches Virtuosentum der ekstatischen Sorte, dem späterem Skrjabin durchaus angemessen, diesem jugendlicheren Stück weniger. Nelsons und das Orchester reagieren mit höchster Unruhe, vielen dynamischen Steigerungen und einem Klangbild, das wohl lebendig und energisch wirken soll, aber viel zu oft nur unscharf, zuweilen seltsam verwaschen klingt. Ein Miteinander findet eh nicht statt: Während das Orchester die thematische Arbeit mit Muskelspiel wegwischt, umspült Trifonov mit mäandernden Läufen und rhythmisch überzeichnetem Anschlag, der streckenweise um das Wohlergehen des Steinway bangen lässt. Das merkt Nelsons offenbar, weshalb er am Beginn des Finales mehr Subtilität, mehr Klangschärfe versucht und die geerdete Helligkeit des Streicher-dominierten Orchesterspiels kurz überzeugen können. Trifonov ficht das nicht an, er zeigt reichlich selbstreferenzielles Virtuosentum – wie Skrjabin versucht er sich längst auch als klavierspielender Komponist – und schein höchst bemüht, aus dem Schlusssatz einen veritablen Tschaikosky zumachen, wohin ihm Dirigent und Orchester am Schluss auch folgen. Mit dem hier gespielten Werk hat das wenig zu tun, Jubel gibt es ob der Anstrengung trotzdem.

Da ist der Hoffnungsschimmer der ersten Konzertteil fast vergessen, der langsame zweite Satz, der andeutet, was in diesem Werk stecken könnte. Der einleitende Streichergesang ist in seiner Wärme, Zartheit und dem vielschichtigen Klang ausgenommen berührend, das Weiterreichen des Themas berückend, eine vorsichtige Feier der Kraft des Gesangs. Wie sich das Klangbild schrittweise füllt, das Orchester dialogisch agiert, Register hinzutreten, sich aus dem zarten Gesang ein orchestraler Sonnenaufgang schält, die Philharmonilker nachzulauschen, am Ende nachzuatmen scheinen, lässt diesen Rezensenten nicht unberührt. Den Solisten schert leider auch das wenig, er spielt seine Bögen und Läufe und kantablen Melodien, als wäre er allein auf der Bühne, mäandert sich mit höchster Präzision und reichlich Beliebigkeit durch sein Material, ein Hochbegabter, der langsam aufpassen muss, nicht zur Karikatur eines Klaviervirtuosen zu mutieren.

Nach der Pause ist Andris Nelsons dann ganz in seinem Element. Die Musik Dmitri Schostakowitschs liegt ihm besonders am Herzen, er spielt derzeit einen Zyklus seiner Symphonien ein, die ihm bereits drei Grammys eingebracht hat, zuletzt für die Aufnahme der vierten und elften Symphonien mit dem Boston Symphony Orchestra. Letztere steht jetzt auch mit den Berliner Philharmonikern auf dem Programm. In ihr verarbeitet der Komponist die Ereignisse des Jahres 1905, als der Zar auf unbewaffnete Demonstranten schießen ließ, was die sowjetische Geschichtsschreibung zum Ausgangspunkt der 12 Jahre späteren Revolution überhöhte. Der Symphonie gelingt es meisterhaft, Stimmungsbilder zu schaffen, die Atmosphäre wiederzugeben einer Gesellschaft in Angst und Auflösung, angereichert mit lautmalerischer Beschreibung brutalster Gewalt. Hierauf legt Nelsons sein Augenmerk. Gespenstisch ist die Atmosphäre von Beginn an, Klangflächen schweben irisierend, brüchig, inselhaft, isoliert versuchen sich thematische Bruchstücke zu etablieren, der Eindruck ist einer des Stillstands, der Erstarrung, der Bedrohung. Hoffnungsfetzen singen sich an die Oberfläche und wissen doch um ihre Vergeblichkeit. Wenn etwa Emmanuel Pahuds Flöte zart klagt, die Streicher nebelverhangenes Dämmerlicht produzieren und die Pauken ominös pulsieren, zwischen ängstlichem Herzschlag und dem folgenden Gewehrfeuer, ist die Spannung kaum auszuhalten. Klar heraus gearbeitet die subtilen Übergänge zwischen melancholischem Gesang zu dessen dissonanter Entfremdung von sich selbst. Hier ist alles schon im Kopfsatz aus den Fugen. Ein Stimmungsbild von geradezu physischer Wirkung.

Ohne Pause zieht im zweiten Satz die Bedrohung herauf, aus subkutaner Spannung wird greif- und fühlbare, aus den zum Zerreißen gespannten Flächen eine immer weiter zunehmende Unruhe und Gegenläufigkeit im Orchester, ein inneres Brodeln und Streiten und Zittern, das unaufhaltsam in die Katastrophe steuert. Wie das immer weiter anschwillt, in den Blechbläsern Schärfe entsteht, die schrittweise auf das gesamte Orchester übergreift, Pizzicati die Stille vor der Katastrophe unerträglich machen, Holzbläser in archaischem Gesang aus der Zeit zu fallen scheinen, in ein Zwielicht, das immer schon die Welt erfüllte, das Massaker sich dann in erschütternd trockener Sachlichkeit erfüllt, die große Trommel marschiert, die Orchestermassen rennen und taumeln, alles plötzlich abbricht in ein fahles Schweben des Todes, das zu Zerreißen droht – das ist atemberaubend, markerschütternd, das geht so tief, wie es dieses Werk nur vermag.

Sein Grundproblem liegt darin, dass die beiden folgenden Sätze Nachbetrachtung sind, Trauer und Blick in die Zukunft. Nelsons gelingt es auch in ihnen, die Spannung zu halten. Der variierte sowjetische Trauermarsch des dritten Satzes kommt ohne Pathos daher, still, von existenzieller Tiefe. Starke Kontraste scheiden in der Folge Helligkeit vom Dunkel, langsam ballt sich das Orchester zusammen, wühlt es sich wieder auf, tritt Wut zur Trauer. Nelsons arbeitet diese musikalischen und klanglichen Entwicklungen mit höchster Klarheit heraus, bevor zartestes Streicher-Pianissimo die Erinnerung an das Verlorene zurückholt. Treibend dann der Schlusssatz, die Streicher stürmen, Fanfarenrufe sind militärisch verknappt, erneut schwillt das Orchesterspiel an, entstehen innere Unruhe und Spannung, schon Nelsons die Ohren des Publikums nicht.

Wie schon zuvor wird mehrfaches Fortissimo erreicht, das Flüstern der Geschichte, von dem das Programmheft spricht, wird zum Lärmen, ohrenbetäubend, schmerzhaft, unentrinnbar, der Lärm der Vergangenheit verwandelt sich in den der Gegenwart. Eindringlich die Wiederholungsschleifen aus Voranschreiten und rhythmischem Stillstand, die der Fortschrittsrhetorik der Sowjetzeit Hohn sprechen. Hier geht nichts voran, Geschichte, Gewalt, Unterdrückung wiederholen sing. Kurz vor Ende nochmals, klarer, fahler noch, das bedrohlich erstarrte Schweben des anfangs, darüber Dominik Wollenwebers sachlich wissende Klage des Englischhorns, eine letzte abrupte Verdüsterung, der Nachschall des brutalstmöglichen Glockengeläuts. Keine Erlösung, kein Aufbruch, keine Überwindung. Man kann diesen Schostakowitsch sicher subtiler spielen, nuancierter, weniger überwältigend. Oder genauso, voll der Gewalt, von der er spricht, und voll der Zartheit, über die sie hinwegzufegen anstrebt. Kein versöhnlicher Anschluss, ein mahnender. Nicht falsch in dieser Zeit.

2 Gedanken zu „Der Lärm der Gegenwart

  1. […] Kritiken: „Der Lärm der Gegenwart“ (S. Krieger), „Eiskalt im Zwiespalt“ (U. […]

  2. Schlatz sagt:

    Stimmt schon alles, was Sie Trifonow vorwerfen, aber trotzdem war es wunderschön.

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