Theater Theater Theater

René Pollesch: Probleme Probleme Probleme, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Wer hier doppelt sieht, sollte sich nicht zu sehr wundern. Wer René Polleschs neuen Hamburger Abend besucht, bekommt es nicht nur mir dreifachen Problemen, sondern auch mit einer zweifachen Bühne zu tun. Eine Wand in Holzoptik enthält gleich zwei Bühnenportal (Bühne: Barbara Steiner), durch die insgesamt fünf Spielerinnen treten, die gerade eine Doppelvorstellung hinter sich haben. Gleichzeitig? Auf verschiedenen Bühnen, aber am gleichen Ort? Existenzielle Verunsicherung schleicht immer um Polleschs Diskursgewitter herum, nistet sich ein, verschiebt Denkachsen und Schwerpunkte. Hier ist sie der Ausgangspunkt. Sofort erstarrt der Diskurs in Wiederholungsschleifen, lässt sich so etwas wie Realität nicht mehr feststellen. wenn es hier eine Doppelvorstellung gab, zur gleichen Zeit, am gleichen Ort, wie ist das möglich? Und überhaupt, was wurde eigentlich gespielt? Das Käthchen von Heilbronn oder Ein Sommernachtstraum? Die Hemdchen, die sie tragen, geben keine Antwort. Und doch spricht zunächst viel  für ersteres, bevor der Blick hinter die Portale, auf einen zugewachsenen Märchenwald, eher in zweite Richtung deutet. Dann tritt am Ende Bettina Stucky auch noch als eine Mischung aus Robin Hood und Wilhelm Tell auf die Bühne, während Angelika Richter sich mit einer wieder auf Kleist hinweisenden Ritterrüstung über die Bretter quält. Nichts ist sicher, der „Knacks“ in der Wirklichkeit, derzeit Polleschs Schlüsselbegriff, ist in der Welt.

Bild: Sascha Krieger

Und führt schnurstracks in die Physik, ins Doppelspaltexperiment, das in der Quantenphysik als Beweis für den Welle-Teilchen-Dualismus gilt, dafür, dass etwas einmal Teilchen-, dann Wellen-Eigenschaften aufweisen kann, je nachdem, ob und wie man es beobachtet. Die Paradoxie der Wirklichkeit ist denn auch Polleschs großes Thema an diesem Abend und es führt direkt ins Reich des abwesend Anwesenden, des fiktional Realen, kurz: ins Theater. Dessen Repräsentationsanspruch, das hat René Pollesch erst unter der Woche bei seiner Vorstellung als zukünftiger Volksbühnen-Intendant bekräftigt, steht Polleschs Theater-Idee diametral entgegen, er hält ihn für totalitär, normativ, ein Instrument der Unterdrückung. Und so spielt er mit der Repräsentation, auch hier, streut Klassiker-texte ein, setzt visuelle Referenzen, arbeitet sich ab am Regietheater auch seines Mentors Frank Castorf. Beider Stammschauspielerin Sophie Rois, die auch zu Polleschs Volksbühnen-Ensemble gehören wird, zieht ordentlich gegen „Kamerastücke“ vom Leder, gegen „diese Videokacke“, gegen die Leinwände, die aufgestellt werden, um sichtbar zu machen, was nicht zu sehen ist, weil eben die Leinwand den Blick verstellt, und sie tut es im Duell mit riesenhaft vergrößerten Kolleginnen, die auf die wand, vor der sie steht, projiziert werden. Später verortet sie die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen auch in einem weiteren Pollesch-Thema, der Liebe, in der Unmöglichkeit und gleichzeitigen Notwendigkeit menschlicher paarweiser Beziehungen.

Der Abend ist denn auch ein lustvolles Spiel der Paradoxien, der Gleichzeitigkeit von An- und Abwesenheit, der um die Frage kreist, ob eine Schauspielerin auch dann da ist, wenn man sie nicht anblickt, wie der Blick Dinge verändert oder gar entstehen lässt, der vermeintlich freie Zuschauerblick und der offensichtlicher manipulative der Kamera. was dann wieder zum Doppelspaltexperiment führt, dessen Ausgang ebenso von der Art des darauf gerichteten Blicks abhängt. Es geht wie stets um Realitätswahrnehmung und die Verzweiflung an ihrer Instabilität. Deren Ort das Theater ist, in dem die Fiktion Realität wird und zugleich Fiktion bleibt, alles immer Doppeltes ist oder eben gar nichts, die Doppelvorstellung Regel, nicht Ausnahme. Wo nichts sicher ist, entfallen Ursache und Wirkung. „Du bist vielleicht da und weg“, heißt es an einer Stelle. Da ist die vernünftige Ruhe Marie Rosa Tietjens vielleicht verstörender als die verzweifelte Aufgeregtheit von Sophie Rois. Und wenn dann Sachiko Hara immer wieder ins Japanische fällt, wird aus der Dopplung eine Vielzahl sprachlicher, kultureller, geografischer, physikalischer und sonstiger Paralleluniversen. Durch welches Portal man da auf welche Bühne tritt, ist Zufall, Sicherheit und Liebe praktisch unmöglich. Und doch muss frau sie versuchen, besteht die Möglichkeit des Gelingens eben in der Akzeptanz des Scheiterns.

Also wird gescheitert, 75 kurze Minuten lang. Rois deklamiert, Tietjen kontert mit aufreizender Nüchternheit, Stucky verbreitet aufgeregten Optimismus, Richter nervöse Unsicherheit, Hara lächelt, grinst und grimassiert die Repräsentation ein für allemal aus dem Haus. Der Blick, so sagen sie einmal, das Publikum anstarrend, verändere alles. Und um den geht es im Theater – und bei Pollesch sowieso. Darum, wohin dieser Blick geht, wer ihn steuert und was er erwartet. Und damit auch: Was er (er)schafft. Welche Realitätsversion, welches Verhältnis von an- und Anwesenheit. Wiederholt wird Tschechow zitiert, der den Kern des Theaters in der „richtigen Präsentation eines Problems“ verortete. Probleme gibt es hier zuhauf, die richtige Präsentation entzieht sich. Und liegt doch womöglich in der Suche nach ihr und in deren Scheitern. René Polleschs Theater war vielleicht noch nie so selbstreflektiv wie hier – und es ist immer selbstreflektiv – so nach am sich abarbeiten an sich selbst, seiner Aufgabe, seinem Wesen. Das sie Suche ist, mäandern, assoziativ, sich in Sackgassen, gedanklichen, diskursiven, spielerischen, theatralen, verlierend. Da braucht es vielleicht eine Doppelvorstellung, gleichzeitig, am gleichen Ort, konfrontativ, denn eine solche ist Polleschs Theater der Paradoxien ohnehin immer. Probleme Probleme Probleme? Ja, klar, auch das. Spiel Spiel Spiel? Theater Theater Theater? Auf jeden Fall!

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