Eingebrannte Bilder

Nach dem Roman von José Saramago (Fassung von Kay Voges, Bastian Lomsché und Matthias Seier): Die Stadt der Blinden, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg (Regie: Kay Voges)

Von Sascha Krieger

Um das Sehen geht es in den Arbeiten des Regisseurs Kay Voges eigentlich immer. Um unseren Blick auf und in die Welt, seine Beschränktheit, seine Beliebigkeit, seine Konditioniertheit, seine Unmöglichkeit. Was sehen wir, wenn wir in die Welt blicken und vor allem was nicht. Was sich unserem Blick darbietet und was sich verbirgt. Und die Entscheidungen, die wir treffen, wenn wir unseren Blick auf etwas richten, um den Preis, anderes zu ignorieren. Spätestens seit der schon längst legendären Borderline Prozession stellen Voges’ Inszenierungen immer wieder solche Fragen nach der Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit der Welt, des Lebens, des Menschlichen. Da ist es vielleicht wenig überraschend, dass der Dortmunder Noch-Intendant irgendwann bei José Saramagos Roman Die Stadt der Blinden landen würde, jenem Buch, in dem eine rätselhafte Epidemie Menschen reihenweise mit Blindheit schlägt, die Welt also buchstäblich schrittweise und zunehmend unsichtbar wird. Dabei ist das Sehen und Nicht-Sehen nicht zuletzt Anlass für eine Untersuchung, die Literat*innen, Philosoph*innen und Leser*innen seit Jahrhunderten umtreibt: Was passiert, wenn gesellschaftliche Verabredungen plötzlich an Bedeutung verlieren, sich die Menschen auf sich und die Notwendigkeit bloßen Überlebens zurückgeworfen sehen? Oder anders gefragt: Wie kommt das Böse in die Welt und wie dünn ist der Firnis der Zivilisation. Und vor allem: Was liegt darunter?

Bild: Marcel Urlaub

Einer Frage, die sich Voges zunächst auf überraschend naturalistische Weise nähert. Zweistöckig ist der imposante Bühnenbau, den Pia Maria Mackert auf die Bühne des Hamburger Schauspielhauses gestellt hat. Hohe Fenster, grün-weiß getünchte Wände und deprimierende Krankenhauskorridore erwecken die ehemalige psychiatrische Klinik, die nun der Isolation der „Erkrankten“ dient, zu dystopischem Leben. Hier hinein taumeln die Erblindeten, weggesperrt, abgeschottet von der Welt. Gruppe für Gruppe kommt hinzu, Konflikte entstehen, doch noch versuchen sie die erlernten Regeln zivilisierten Zusammenlebens aufrecht zu erhalten. Das hält nicht lange. Als die Essensrationen knapper werden, die Wasserversorgung versiegt, sich das Haus mit Kotgestank füllt, Wände, Böden und Menschen gleichermaßen sich mit Fäkalien, Blut und so manch anderem beschmiert finden, erweisen sich die Regeln schnell als dehn- und bald brechbar. Nach bewährter Herr-der-Fliegen-Art bilden sich Gruppen, von denen eine, im oben Stockwerk beheimatet, die Kontrolle übernimmt, die untere ausbeutet und am Ende, im Tausch für das von ihnen gehortete Essen, die Frauen zu einer Gruppenvergewaltigung zwingt.

Hunde, die sich am Bellen erkennen, seien sie, sagt Sandra Gerling einmal, als die einzig Sehende, eine Frau, die ihren erblindeten Mann, vorgebend, sie sei ebenfalls blind, begleitet hat. Sie dient als eine Art Erzählerin oder Kommentatorin, wendet sich immer wieder ans Publikum, übersetzt das nicht teilbare Erleben der im ewigen Weiß gefangenen. Je weiter sich die abgeschlossene Welt von der erinnerten – die, wie ein Neuankömmling berichtet, schon längst ebenfalls nicht mehr existiert – entfernt, desto mehr kippt der nüchterne Naturalismus ins Albtraumhafte. Was auch für die permanent übertragenen und zunächst auf mehrere Videowände an verschiedenen Punkten der Drehbühne projizierten Live-Bilder aus dem Inneren gilt. Denn Voges’ Bilderwelt ist auch diesmal eine gleichzeitig fragmentierte und multiplizierte. Und so beginnen sie sich zu verzerren und zu überlagern, atomisieren sich in Projektionen auf die Hausfront, verlieren ihre Ganzheit und Eindeutigkeit, wie sich das Geschehen ins gespenstisch Albtraumhafte wenden.

Denn auch der Rausch der Gewalt, der Macht, der Unterdrückung ist eben nur ein Rausch, der vielleicht stärkste, den die Menschheit kennt – der traditionsreichste ist er allemal. Die Schnitte werden abrupter, schärfer, fragmentierender, die Einblicke in die vor die Hunde gehende Welt bruckstückhafter, bis zum großen Vergewaltigungsexzess, den Voges mit einer Mischung aus drastischen Großaufnahmen und verschwimmenden Zerrbildern zu einer Gewaltorgie hochschraubt, die kaum noch zu ertragen ist. Es ist der Höhe-, Tief- und Fluchtpunkt eines Abends, der seine Sogwirkung aus einem für Voges’ Verhältnisse ungewöhnlich linearen Crescendo schöpft, das sich aus einer Geschichte zunehmender Entmenschlichung und dem graduellen Abgleiten aus dem Naturalismus in ein albtraumhaftes Horrordrama speist. Dabei reduziert er diesmal die sonst so reichlich vorhandenen, miteinander assoziierenden und aufeinander prallenden Narrationsebenen auf ein Minimum. Die geradlinig erzählte und vom vielköpfigen Ensemble bis zur Verausgabung gespielte Geschichte korrespondiert mit Bildkompositionen menschgemachter Verelendung, Verwahrlosung und Verzweiflung, ein dystopischer Rausch konsequent zu Ende gedachter Verrohung.

Bild: Marcel Urlaub

Der abrupt endet: Ein phantasmagorischer Brand treibt die Blinden hinaus in eine postapokalyptische Welt, die Voges nun auf neuartige Weise erzählt. Aufgereiht vor einer Videowand bilden die Spieler*innen Tableaux Sinn suchender Untoter, nur kurz illuminiert von grell aufblitzenden Hintergründen, Bilder kreierend, die sich schmerzhaft in die Netzhaut der Zuschauer*innen einbrennen, bis sie sich an das Licht- und Schattengewitter gewöhnen, bis sie – ebenso wie die plötzlich genesenden Blinden – neu zu sehen lernen. Denn auch das ist dieser Abend: eine Übung im neu, im hin und im weg Schauen. Die Blindheit der Protagonist*innen spiegelt sich in ihrem Gegenteil, der Vervielfachung der Bilder, der Multiplizierung des Zuschauerblicks. Und am Ende eben in seiner Auslöschung und Neuentstehung. Die Welt, die hier entsteht, ist eine, zu der jeder Zuschauer seinen eigenen Zugang, seinen Blick, seine Perspektive suchen und finden muss. Wo sieht man hin, wo weg, was sind die Grenzen des Zumutbaren, wo endet das Sichtbare, wo beginnt der (Alb)Traum? Und so transformiert Kay Voges am Ende die so einfach erscheinende Parabel über die Alltäglichkeit und so leichte Herstellbarkeit des Bösen in eine Reflexion über die Anschauung der Welt, ihre Formung durch den Blick auf sie, ihr Verlöschen, wenn er versagt. Am Schluss erblindet die einzig sehende, während alle Anderen ihr Augenlicht wiederfinden. Wie sehen wir und was, wenn wir in die Welt blicken? Und kann das Theater diesen Blick schärfen, hinterfragen, bewusst machen? Kay Voges wird nicht müde, es zu versuchen. Mit Die Stadt der Blinden gelingt ihm ein weiterer fesselnder und sich – buchstäblich – in die – visuelle – Erinnerung des Publikums einbrennender Versuch.

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