Unterkühlte Gespenster

Frank Wedekind: Lulu, Volksbühne Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Die Aufgabe, die sich Stefan Pucher gestellt hat, ist nicht gerade trivial: Frank Wedekinds Lulu, diese düster morbide Feier befreiter Sexualität mit der Frau als einer Art personifiziertem Lustprinzip bietet sich nicht unbedingt für eine emanzipatorische, gar feministische Lesart an. Zumal, wie das Programmheft zugibt, das Kernteam – inklusive längst totem Autor – vollständig männlich ist. Was also tun, um das Objekt Frau, das auch Wedekinds Lulu immer bleibt, aus ihrer Rolle, ihren Rollen zu befreien, oder diese zumindest als durchdring- und damit überwindbar deutlich zu machen? Puchers Antwort: Lulu muss sterben, um neu anfangen zu können. Also zwängt er sie zu Beginn in ein enges Rechteck in dem fünf Männer aufgereiht sind. Einer erwählt sie, das Objekt, und bringt sie um.Sie rutscht die gerade entstandene Treppe herunter, leblos, ausgenutzt, weggeworfen. Barabara Ehnes‘ Bühne besteht aus in einander geschobenen und verschiebbaren Rechtecken, eine Art Matrjoschka zunehmend engerer Einhegungen, die mal eine wand bilden, mal eine Treppe, mal bedrohlich gen Rampe drücken. Befreit werden kann die Frau aus diesem Gefängnis nur durch den Tod, wiederauferstehen als Gespenst, als Spuk, als Heimsuchung.

Bild: Julian Röder

Diese heißt Lilith Stangenberg, Castorf-Spielerin und Volksbühnen-Rückkehrerin, deren schwebende, stets Realität als Konstrukt jonglierende Stimme man sich kaum in einem anderen Raum als diesem vorstellen kann. Und deren stets die eigene Identität und Rolle(n) zu hinterfragen scheinender Tonfall nirgends besser hinpasst als in diesen Geisterspiel der Verunsicherung. so zumindest die Idee. Dass sie nicht aufgeht, liegt nicht an Stangenberg. Sie tut ihr bestes, die von außen an ihre Figur herangetragenen Rollen als genau solche zu spielen, als Projektionen, stets durchdrungen von der Figur, die selbst Rolle ist, Projektionsversuch, Etikett. Katia und Nelli und Eva sind Lulu und sind es nicht. Diese wiederum ist Lilith Stangenberg und ist es nicht. Distanzierung und Nähe, Repräsentation und Entlarvung sind bei ihr nicht zwei Seiten einer Medaille, sie sind immer eines, stets kopräsent, der Geist ist anwesend und ist es nicht, lebt und ist längst verstorben.

Düster geht es zu in diesem Horrorkabinett. Das Musiker*innentrio gibt eine Mischung aus Postpunk und New Wave zum Besten, gewandet in einer Art Gothic Glam, schillernd wie ein Gespenst. Das schafft Stimmung und ermüdet doch irgendwann, weil es nur illustriert, dick aufträgt, wo der Maler ablenken will, dass er sich seines Motivs nicht sicher ist. Das gilt für den ganzen Abend. Die Männer sind Bewohner eines Horrorkbinetts der Rollenmuster, egomanisch, Besitz ergreifend und zutiefst lächerlich. Ausnahmslos alle: von Andreas Leupolds Goll und Waldemar Kobus‘ Schön, die sich in ihrer selbstgerechten Cholerik kaum unterscheiden lassen, über die leere Flamboyanz von Jan Bluthardts Schwarz und Moritz Carl Winklmayrs Rodrigo, auch sie praktisch ununterscheidbar, bis zur jugendlichen Arroganz von Theo Trebs‘ Autor, der hier die metatheatrale Ebene einziehen soll, doch in aller Plakativität rundweg scheitert. Die Männer sind austauschbar, Pappkameraden, untoter als Lulus Geist.

Und damit eben auch kaum wirklich bedrohlich, leicht wegzulachen und wegzudrücken. Doch ergeht es den Frauen kaum besser: Da können Stangenbergs Lulu und Sandra Gerlings Geschwitz noch so sehr über ihre Unangepasstheit monologisieren, ihre Wort fallen so bleiern in den asdeptischen Horrorraum, dass sie Papier bleiben, auch wenn das neue, mörderisch emanzipatorische Ende anderes behaupten will. Dass ausgerechnet die stets tatsächlich unangepasste Silvia Rieger sich in die Rolle des Schigolch verzwergen muss, tut dem emanzipatorisch, männliche Schuld eingestehen wollenden Ansatz des Abends ebenfalls nicht gerade gut. Auch weil die zunächst als objektifizierte Puppen eingefrorenen Frauenfiguren nie so richtig zum Leben erwachen. wie auch – als Gespenster? Pucher flüchtet sich lieber in Bilder, solche des Eingeschlossenseins, der Unterwerfung (oft plumpe Oben-Unten-Anordnungen), der Machtverhältnisse, wobei er Wedekinds – um es freundlich auszudrücken – schwieriges Frauenbild von der ewigen Verführerin – immer wieder gefährlich nahe kommt. Der Grat zwischen emanzipatorischer Unabhängigkeit und dem Rückfall in zu überwindende Klischees und Rollen – die der Abend nicht müde wird, in ermüdender Dauerschleife riesenhaft auf due Bühnenfragmente zu projizieren – ist hier ein sehr schmaler.

Kein Wunder, dass die Inszenierung wiederholt abstürzt. Mal fällt sie in oberflächliche und eiseskalte Schauerromantik, mal in hyperaktive effekthascherische Bilder-Hektik, wirft mit allerlei Fremdtexten – von Virginie Despentes oder Valerie Solanas etwa, natürlich darf auch Lacan nicht fehlen – um sich und weiß doch nicht, wohin mit ihr. Auch weil fast alles frontal von der Rampe gesprochen und gespielt wird. Thesen- und Bildertheater, atmosphärisches Trauerspiel und intellektuell aufregendes Diskursdramas: Der Abend will das alles sein und ist nichts davon. Er bleibt gefangen in seiner Suchbewegung nach einem vorwärts weisenden männlich feministischen Blick. Eine Unmöglichkeit, was wohl auch Pucher merkt. Weswegen er die eigene Ratlosigkeit mit allerlei Theaterdonner zukleistert, der so aufgesetzt wirkt, dass er eben auch nicht zündet, denn auch sein Unterhaltungsniveau bleibt im unterkühlten Bereich. Vielleicht will er auch zeigen, wie ungeeignet Lulu für eine eindeutig feministische Neuauslegung ist. Das zumindest wäre gelungen.

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