Der Neugierige

Herbert Blomstedt und Yefim Bronfman zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Kurz vor Spielzeitende haben die Berliner Philharmoniker noch einmal einige gute alte Freunde zu Gasst, wobei das „alt“ durchaus wörtlich zu nehmen ist. Nachdem mit seinen 83 Jahren geradezu jugendlichen Zubin Mehta gastierte zuletzt der 90-jährige Bernard Haitink, gefolgt von Herbert Blomstedt, der im Juli seinen 92. Geburtstag feiern wird. Und doch wirkt der stets freundlich lächelnde Schwede wie der jüngste der drei, verzichten auf den unterstützenden Hocker, erklimmt die Stufen zum Podium mit erstaunlicher Leichtigkeit. Die auch sein Konzertprogramm auszeichnet. Altersweise sind seine Interpretationen durchaus, aber auch von einer erstaunlichen Frische, einer geradezu optimistischen Lebendigkeit. Und Neugier: Auch mit über 90 treibt es Blomstedt noch um, seinem Publikum Werke und Komponisten nahe zu bringen, die diesem bislang vollkommen unbekannt waren. Erst mit Mitte 80 hat er begonnen, die zweite Symphonie seines Landsmanns Wilhelm Stenhammar, ein Zeitgenosse und Freund von Jena Sibelius und Carl Nielsen, seinerzeit eher als Dirigent verehrt, zu dirigieren. Jetzt erlebt das mehr als 100 Jahre alte Werk seine später Erstaufführung bei den Berliner Philharmonikern.

Herbert Blomstedt (Bild: Peter Adamik)

Wie wichtig es ihm ist, das Werk und seinen Schöpfer dem Publikum nahe zu bringen, ist vom ersten Takt an zu hören. Blomstedt achtet auf ein sehr plastisches Klangbild, auf höchste Klarheit und klangliche Sättigung. Die beiden Pole von (volks)liedhafter registerüberschreitender Sanglichkeit (verankert in hohen Holzbläsern und tiefen Streichern) und einer mittelalterlich klingenden Harmonik, die sich in feierlichem Blech entlädt, macht er so deutlich, wie es irgend geht. Er will dem Verkannten seinen eigenen Klang, seine eigene Atmosphäre verleihen, die Vergleiche mit Sibelius, Nielsen oder der deutschen Spätromantik so weit es geht vermeiden. Das ist löblich und resultiert in einem sehr körperlichen Spiel, affirmativer Melodik, schönen Effekten im Kopfsatz, wenn an frühere musikalische Traditionen erinnernde Motivik auftaucht wie aus einer fernen Zeit. Der Grundton ist erdig, leicht angeraut, weit weg von salonhafter Eleganz oder der metaphysischen Weltumspanntheit eines Gustav Mahler. Die Klarheit und Körperlichkeit haben ihren Preis: Sie nehmen der Musik ein wenig ihrer Komplexität, weisen ihr einen Platz zu, der eher nicht in höheren Ebenen schwebt. Im Gegenzug erhält das Werk eine große Unmittelbarkeit, tritt selbstbewusst auf das Publikum zu, wirkt greifbar, zugänglich.

Das ist auch im ruhigen zweiten Satz zu, in dem Albrecht Mayers zart singende Oboe sich umspült sieht von dreidimensional klingenden Streicherwogen. Rhythmisch wach ist der musikalische Fluss, sehr plastisch und damit zuweilen auch ein wenig plakativ, in filmische Breite tendierend. Dass sich hier noch mehr verbirgt, deutet der fein dialogisch gestaltete Satzschluss zwischen erdig schweren Streichern und zarten Holzbläsern an. Tänzerisch, aber auch ein wenig ereignisarm das Scherzo, einzig das Trio mit einem sachten Hang zur Fragmentierung bietet ein paar überraschende ein- und Durchblicke. Die große Doppelfuge des Finales präsentiert Blomstedt wieder mit der großen Geste, die ihm eigentlich weniger liegt. Auch hier ist ihm wichtig, jede Wendung – klanglich, harmonisch, dynamisch, rhythmisch, wenn nicht auszustellen, so doch deutlich zu machen. Die Pizzicato-Passage ist dafür ein gutes Beispiel: Eindrucksvoll wechseln die spieler*innen immer wieder zwischen Affirmation und Verletzlichkeit – und tun dies so bewusst sich jeder Subtilität verweigernd, dass das alles sagt: Seht an, was wir tun und was diese Musik vermag.

Dabei ist das alles keineswegs kraftlos, entlockt der Dirigent dem plastisch physischen Spiel so manche Energieentladung, hat der satte Klang eine fest verankerte Mitte, erlaubt sich das Orchester zuweilen gar ein wenig spielerische Freiheit und rhythmische Frechheit, welche die fugische Schwere sehr schön aufwiegen. Auch der beiläufige, eher wie eine kurze Unterbrechung wirkende Schluss funktioniert gut. Herbert Blomstedt war es ein Anliegen, das Werk des weitgehend unbekannten Schweden Stenhammar dem Publikum vorzustellen. Das ist ihm eindrucksvoll gelungen. Nun ist zu hoffe, das womöglich andere Dirigenten das Angebot annehmen, sich forschend dieser Musik zu nähern, um zu entdecken, was sie noch so enthalten mag.

Wie wertvoll ein milde wissender und entspannter Umgang mit unbekannt bekannten Werken sein kann, zeigten zuvor Orchester, Dirigent und der amerikanische Pianist Yefim Bronfman am Beispiel von Ludwig van Beethovens zweitem Klavierkonzert. Das Orchester findet von Beginn an zu einem durchaus klassischen, auf dem Gleichgewicht von Streichern und Holzbläsern sowie ihren charakteristischen Klangfarben basierenden Klangbild, das geerdet wirkt, Dichte aufweist und durch diese Kraft produziert – und sich dialogisch wunderbar abhebt, vom glockenhellen, höchst detailscharfen Gesang des Soloinstruments. Bronfman ist der perfekte Partner Blomstedts: So überzeugt von seinem Können, dass er sich und anderen nichts mehr beweisen will, entspannt distanziert, nüchtern neugierig, von dieser besonderen Art der Leichtigkeit, die sich aus größtmöglichem Wissen speist. Mal eilt er spielerisch, fast schelmisch durch die Partitur, mal sinnt er jedem Ton nach.

Sein Spiel zeichnet sich aus durch eine optimistische Melancholie, eine lebensfrohe Trauer, die dem noch vor dem so genannten ersten Klavierkonzert entstandenen Werk, das sich an Mozart orientiert und zugleich von ihm abschied nimmt, perfekt entspricht. Wie er im zweiten Satz fast jeder Note nachlauscht, in der Kadenz des Kopfsatzes detailscharfe Energie und spielerische Neugier verbindet, im Finale mal tänzerisch vorandrängt, mal ernst sinniert, ist von solch vollkommener Selbstverständlichkeit, dass sich der Zuhörer wundert, wie sich dieses Werk jemals anders spielen ließe. Das Orchester liefert dazu einen dichten, satten, durchaus farbenreichen Klang, der sich klar auf die Seite des späteren Beethoven schlägt, aber nie schwer wirkt. Berührend magisch jene Passage im Adagio, in der Bronfman die Töne geradezu aus der Stille holt, während die Streicher ihn tastend begleitend. Auch die Holzbläser dürfen Glänzen, sie pumpen Licht in die musikalische Landschaft, lassen die Musik atmen, geben ihr im Zusammenpiel mit den Streichern eine Plastizität, die um einiges durchsichtiger gerät als anschließend bei Stenhammar. Luzide, zugängliche und ohrenöffnende Interpretationen sind beide. So jugendlich neugierig, wie Herbert Blomstedt in die welt „seiner“ Musik blickt, kann man nur hoffen, noch so manchen dieser auf die beste Weise lehrreichen Abende erleben zu dürfen.

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