Beethovens Museale

Vladimir Jurowski dirigiert das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mit Werken von Beethoven, Mendelssohn-Bartholdy und Strauss

Von Sascha Krieger

Wie lange Vladimir Jurowski noch am Pult des RSB zu erleben sein wird, steht in den Sternen. Der 47-Jährige ist derzeit auf dem besten Wege, sich in die Riege der gefragtesten Dirigenten unserer Zeit zu arbeiten. In zwei Jahren wird er Kirill Petrenko an der Bayerischen Staatsoper beerben und spätestens dann wird der gebürtige Russe den Geheimtipp-Status abgestreift haben. Auch weil es ihm in seinen knapp zwei Spielzeiten mit dem RSB gelungen ist, sich einen Ruf als mutiger Programmgestalter, waghalsiger Interpret und kühner Forscher, der sich dem vermeintlichen Konsens gern verweigert und Beethoven-Symphonien schon mal in ihren nicht ganz zu Unrecht weniger geschätzten Mahler-Bearbeitungen spielen lässt, wenn nicht zu erarbeiten, dann doch zumindest zu festigen. Seine Konzerte werden mittlerweile auch in der Hauptstadt auf beinahe messianische Weise gefeiert. Das sollte man mitdenken, wenn man sich seinem aktuellen Programm widmet – denn nichts von all diesen Vorschusslorbeeren wird auch der geneigteste Zuhörer hier wiederfinden.

Vladimir Jurowski (Bild: Kai Bienert)

Risiken sind an diesem Abend Fehlanzeige. Das beginnt schon bei der Programmierung: Beethoven, Mendelssohn-Bartholdy, Richard Strauss – mehr deutsches Kernrepertoire geht nicht. Und wenn das Konzert anhebt, hat man den Eindruck, Jurowski würde seinen inneren Karajan suchen und der Welt verkünden wollen, wie edel und schön diese Musik zu klingen vermag. Und ja, die Grenze zur Perfektion streift der Maestro an diesem Abend mehrfach. Und führt auch vor, welchen Preis sie fordert. Beweisstück A: Felx Mendelssohn-Bartholdys Konzertouvertüre „Die Hebriden“. Geschrieben unter dem Eindruck einer Reise auf gleichnamige schottische Inselgruppe, tost und wogt hier leider gar nichts. Dabei ist hier eigentlich nichts zu beanstanden: Ein klares, transparentes Klangbild lässt alle Farbwechsel zur Geltung kommen, gibt jeder Instrumentengruppe einen identifizierbaren Klang, die Klarinette singt herzzerreißend schön, die Blechbläser finden zu kontrollierter Schärfe, die Schlusspassage verzaubert mit einem feinen Dialog zwischen klaren dunklen Schlägen und intim lyrischen Gesang. Und doch klingt das alles, als wäre es hinter Glas, dem einer Museumsvitrine, um genau zu sein. So sehr sucht Jurowski einen klassizistischen Schönklang, fein balanciert zwischen Streichern und Holzbläsern mit einen dunklen Kraftzentrum, ein Beethoven, wie ihn Karajan gemocht hätte, aber eben bei Mendelssohn. Das ist wunderbar anzuhören und lässt den Zuhörer vollkommen kalt.

Aber zumindest sollte dieser Ansatz bei Beethoven funktionieren, oder? Weit gefehlt, was auch mit der Werkauswahl zu tun hat. Wenn sich ein Werk nicht für feierliche Glätte eignet, dann die sechste Symphonie, die „Pastorale“. Und so werden die gut 40 Minuten zu einer eher ernüchternden Erfahrung für alle, welche in den Werken des Bonners mehr suchen als einen Film-Soundtrack ohne Ecken und Kanten. Wo Beethoven Empfindung von Natur und ländlicher Idylle komponierte, setzt Jurowski städtische, vielleicht gar höfische Eleganz dagegen. Alles fließt und singt in kontrolliertem Schönklang, die Tempi sind Moderat, das Klangbild feierlich, ein bisschen transparent, immer fein ausbalanciert, hier ein wenig Strenge, dort ein Hauch Dramatik, die Farbpalette durchaus vielfältig, aber ohne allzu grelle Töne, eher Salon als freie Natur. Wie überhaupt diese Musik nicht atmet, die Türen geschlossen bleiben, die befreiende Landluft nicht hereindringt.

Das zieht sich durch alle fünf Sätze: Der Kopfsatz ist ein eher blutleeres Fließen, wunderschön und ausdrucksfrei, der langsame zweite ein majestätisches Schreiten in (sehr) gedämpften Farben mit leichter Tendenz zur filmischen Breite, der dritte eine schöne Lektion in Detailschärfe, bei der de Energieschub fehlt, der aus Präzision Eindringlichkeit machen könnte. Berückend die Gesänge von Solo-Oboe und -Klarinette, doch auch sie wandeln etwas unsicher zwischen Strenge und Leichtigkeit. Wirklich gut gelungen ist der Eindruck von Desintgration vor dem einsetzenden Gewitter. Hier zahlt sich Jurowskis Blick aufs Detail aus, werden Brüche fühlbar, bröckelt die Fassade. Der Sturm-Satz ist dann allerdings ein eher langweiliges Muskelspiel, sehr dramatisch, überhart, seltsam trocken. Im Finale dürfen dann die Streicher wieder leuchten, das Blech Feierlichkeit verströmen, Jurowski seine Fähigkeit zu kraftvollen klanglichen Verdichtungen vorführen. Ein paar unfasslich zarte lyrische Momente können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier Salonkunst zelebriert wird, keine Freiluftmalerei. Der Schluss ist ein solcher, da bleibt nichts offen, das Museum schließt.

Bleibt noch das außerhalb des Kanons stehende Werk des Abends, Richard Strauss‘ Violinkonzert, der komponierte Größenwahn eines 17-Jährigen. Kann dieses wenigstens überzeigen, überraschen oder irgendetwas mit dem Publikum anstellen? Ein bisschen Überraschung gibt es tatsächlich, nämlich wie sehr der Dirigent den Orchesterpart, der nicht viel mehr ist als Begleitung, in seiner Bedeutung anschwellen lässt, ihn streckenweise sogar versucht als ebenbürtiger Partner des Soloinstruments erscheinen zu lassen. Der Preis ist ein erneuter und hier vollkommen deplatzierter klassizistischer Klang, der jegliche Pläne, die Relevanz dieses Frühwerks einzufordern, über Bord wirft. Solistin Alina Ibragimowa tut ihr Möglichstes, durchschreitet ein weites Ausdrucksspektrum zwischen frecher, leicht angerauter Rhythmik und hell fließender Sanglichkeit. Da entspinnt sich so mancher hübscher klanglicher und farblicher Dialog, etwa mit den Holzbläsern oder den grundierenden tieferen Registern, vor allem der Hornsektion, fungiert das Orchester als Gegengewicht zum Geigengesang. Der besonders im langsamen Satz mitunter überaus berührt, so zart, innig und sehnsuchtsvoll, wie er daherkommt und effektvoll mit den dunkleren Farben des Orchesters korrespondiert. Das Satzende ist von unendlicher Feinheit, ein leises, existenzielles Ringen mit der Stille. Im Schlusssatz dialogisieren beide eher rhythmisch, wobei dem Orchester zunehmend Strenge eignet, die Solistin mit frecher Lebendigkeit antwortet, wenn sie nicht gerade ins Schwelgen gerät. Doch auch hier tendiert die Interpretation zu sehr ins Glatte, Angenehme, Elegante, scheut sie viel zu oft alles Intensive, alles, was zu weit vom klassizistischen Gleichgewichtsideal abweichen könnte. Es bleibt ein Abend, der in Miniaturen andeutet, was diesen Künstlern möglich wäre und der sich in seiner Gesamtheit weigert, dem nachzuspüren. Ein Konzertabend wie ein Museumsexponat. Nicht anfassen bitte.

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Ein Gedanke zu „Beethovens Museale

  1. Schlatz sagt:

    „blutleeres Fließen“ – habe das Konzert nicht gehört, aber die Sechste ist davon immer bedroht, nicht nur Kopfsatz, sondern auch der langsame Satz. Kann ich mir auch gut vorstellen, dass das Strauss-Konzert, das ich nicht kenne, dazu kein guter Kontrapunkt ist.

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