Theater als Klappentext

Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura: Schwarze Ernte, Hebbel am Ufer (HAU3), Berlin (Regie: Hans-Werner Kroesinger)

Von Sascha Krieger

„Was, wenn das Öl etwas will?“ Wenn es ein Ziel verfolgt, womöglich gar die Vernichtung der Menschheit? Lajos Talamonti stellt diese Frage in den ersten Minuten von Hans-Werner Kroesinger und Regine Duras neuester Arbeit, die sich der Macht des Öls widmet – oder genauer der Position Saudi-Arabiens in der Welt, dem schwierigen Verhältnis des Westens zu dem diktatorisch beherrschten Wüstenstaat, seiner Bedeutung für den militanten Islamismus weltweit. Es ist ein überraschend philosophischer Einstieg, der zweite schon, nachdem eine Ruferin von der Brüstung die Geschichte beider Regionen – Europas und Arabiens – proklamierte und ominös raunte: „Arabien blieb unbekannt.“ Das Bemühen, dem oft spröden und trockenen Dokumentartheater der beiden einen theatraleren Anstrich zu geben, es einzubetten in einen sich an menschliche Grundmythen und -narrative anlehnenden Rahmen, ist dem Abend von Beginn an anzumerken. Und bleibt doch wenig mehr als Fassade. Denn die Eingangsfrage verfolgt er nicht weiter. Stattdessen tut er, womit sich Kroesinger und Dura stets am wohlsten fühlen: Er doziert Fakten, zitiert aus Dokumenten, präsentiert Recherche.

Bild: Sascha Krieger

Den Beginn macht Saudi Aramco, der weltgrößte Ölkonzern, seit knapp vierzig Jahren komplett in der Hand der Königsfamilie. Ein Rekrutierungsvideo wird nachgespielt, grinsende Menschen preisen die Vorzüge von Land und Firma, ein Imagefilm, den es zu dekonstruieren gilt. Das tut Schwarze Ernte ausgiebig, spricht über die Geschichte der saudischen Ölidustrie, einst angeschoben von John D. Rockefellers Standard Oil, die spezifische Entwicklung der saudischen Spielart des Islams, des Wahhabismus, einer besonders intoleranten und reaktionären Spielart der Staatsreligion, dem faustischen Pakt mit seinen extremeren Elementen in der Folge der Besetzung der Großen Moschee in Mekka 1979, der auch von europäischen Agenturen unterstützten PR-Kampagne des regimes, der pragmatischen Rolle der USA und des Westens, die sich darauf eingelassen haben, bei Menschenrechten wegzuschauen, so lange das Öl fließt. Der schöne Schein trügt natürlich, die bunte Packung mit den Strohhalmen, Symbol für die wohlstandschaffende Macht des Öls, zerplatzt, aus den Halmen werden Pipelines, einige davon in Schwarz-Rot-Gold, die meisten mit zunehmender Dauer in Schwarz. Sie handeln sich von Ölbecher zu Ölbecher, bauen ein Netz, jenes symbolisierend, das Wirtschaft, Machtpolitik und terrorismus verknüpft und bei dem irgendwann kein Anfang und kein Ende mehr zu sehen sind. Kreuzworträtselartig wird die weiße Rückwand beschrieben, natürlich mit „Öl“, Wahhabismus und Europa und Öl und USA – sie alle gehören zusammen. Ein Waschbecken läuft über und übergießt die Bühne mit der schwarzen zähen Massen. Das Öl bahnt sich seinen Weg, färbt alles an, zementiert seine Macht.

Das ist spannend anzuschauen und recht virtuos erzählt. Denn auch die vier Spieler*innen nehmen sich das Netzmotiv zum Vorbild. Ausgehend von Saudi Aramco vollführen sie erzählerische Schleifen, kommen zurück zum Ausgangspunkt, folgen der nächsten Linie, bevor sich das narrative Gewirr so komplex verwirbelt und verknotet wie das Strohhalm-Netzwerk auf der Bühne. Nüchterne Faktenaufzählungen wechseln sich ab mit pantomimisch choreografierten V-Effekten und munteren bis satirischen Spielszenen, Kroesinger und Dura mühen sich sichtlich, das Theatrale zu betonen, unterstützt von Spieler*innen wir Oscar Olivo, der von grell überzeichneter Euphorie bis zur knochentrockenen Darstellung des saudischen Kronprinzen einen Regenbogen an Ausdrucksformen durchläuft und viel dazu beiträgt, die Zuschauer*innen bei der Stange zu halten. Claudia Splitt und Rashidah Aljunied vervollständigen das Quartett, das mal als Einheit auftritt, mal sich vereinzelt und am Ende dem Publikum mit ölgefüllten Sektgläsern zuprostet.

Doch all die Fakten und Geschichten und Rechercheergebnisse können nicht darüber hinwegtäuschen, dass riesige Lücken klaffen. Wenn es konkret zu werden verspricht, bleibt der Abend eher beim Talking Point oder bricht ab, um sich den nächsten Aspekt aus der Diskursauslage zu greifen. Welche Verzahnungen es etwa zwischen Königsfamilie, fanatischem Islamismus und Terrorismus gibt, bleibt im Vagen, allgemeine Behauptungen werden nicht mit konkreten Fakten unterfüttert. Der Abend bietet wenig, was sich nicht in fünf Minuten bei Wikipedia nachlesen ließe, streift öfters die Grenze zum Antiamerikanismus, fühlt sich im Plakativen wohler als in Zwischentönen. So eindeutig die Bilder – eine Bühnenwelt beschmutzt und geflutet vom Öl – so klar die Aussagen. Und so einfach: Jeder, der mit dem Öl in Kontakt kommt, wird von ihm kontaminiert und manipuliert, als hätte es tatsächlich einen eigenen Willen. Dass es Menschen sind, die diese Maschinerie in Gang gesetzt haben und weiter befeuern, verschweigt der Abend keineswegs – und lässt doch den Eindruck zu, hier handele es sich um etwas Schicksalhaftes. Was die vidsuelle Setzung noch verstärkt, die überkleistert, wo sie akzentuieren sollte, die Zwischentöne in greller Eindeutigkeit wegwischt, die vereinfacht, wenn der Text zu differenzieren sucht, die dessen Hanhg zu Plakativität ins Holzschnitthadte kondensiert. Wo andere Kroesinger-/Dura-Abende zuweilen den Charakter einer Uni-Vorlesung haben, bleibt dieser beim Klappentext. Ähnlich trocken, aber weniger tiefgehend, eher auf wirksame Phrasen setzend als auf überraschende Einblicke. Und eben auf eher platte theatrale Effekte, die zu oft überbetonen oder gar ablenken, wo sie Assoziationsräume öffen sollten. Das Netz ist gesponnen, das Große Ganze verliert sich irgendwo zwischen Detailverliebtheit und oberflächlicher Parole. Man ahnt, dass sich dazwischen noch manches verbirgt, ein Kern vielleicht oder gar eine Lösung. Doch da ist der Abend bereits zu Ende.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Werbeanzeigen
%d Bloggern gefällt das: