Baustelle Bruckner

Bernard Haitink dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Werken von Mozart und Bruckner

Von Sascha Krieger

Das Berliner Konzert Publikum ist als sehr kritisch bekannt, aber es weiß auch Lebensleistungen zu schätzen und Respekt zu zollen, wo dieser gerechtfertigt ist. Wenn sich am Ende von Bernard Haitinks Konzertprogramm mit den Berliner Philharmonikern die Zuschauer*innen erheben, hat das weniger mit den vorangegangenen und eher durchwachsenen gut zwei Stunden zu tun als mit dem Lebenswerk des stillen Holländers, der vor wenigen Wochen seinen 90. Geburtstag feierte. Sichtlich erschöpft und auf einen schwarzen Gehstock gestützt, steht er auf dem Podium, die Spannung ist von ihm abgefallen, ein alter Mann, der alles am Pult gelassen hat. Auch an diesem: 55 Jahre lang war er den Berliner Philharmonikern eng verbunden, ist mittlerweile deren Ehrenmitglied. Es sieht nach Abschied aus: In der kommenden Spielzeit wird Haitink eine Pause einlegen, will danach wieder dirigieren. Aber dann wäre er 91. Dass er zum letzten Mal vor diesem Orchester steht, ist alles andere als unwahrscheinlich.

Bernard Haitink dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Stephan Rabold)

Und wie stets schont er sich nicht. Am ehesten noch vor der Pause, bei Wolfgang Amadeus Mozarts letztem (!) Klavierkonzert. In dem bereits klar wird, dass er bemüht ist, alle Düsternis, die sich mit Abschieden gemeinhin verknüpft, zu vermeiden. Hell und klar lässt er sein Orchester spielen, der schlanke, streicherdominierte Klang atmet. Das passt gut zum Spiel des britischen Solisten Paul Lewis, mit 46 Jahren ein eher später Debütant. Sein Spiel ist perlend, glockenhell, sehr sanglich und zugleich überaus detailscharf. Das wirkt zuweilen fast ein wenig glatt und kommt doch nicht umhin, dem Ohr zu schmeicheln. Sehr schön herausgearbeitet das Dialogische vor allem im Kopfsatz, wobei Solist und Orchester immer wieder gegensätzliche und einander ergänzende Positionen einnehmen, etwa wenn das lyrisch innige Solospiel mit festen, massigen Streicherwänden oder kantabel fließenden Holzbläsern korrespondieren. Lewis zieht die Zügel an, um gleich wieder nachzusinnen und -zulauschen, alles allerdings im sicheren Kokons des Wohlklangs. das bleibt auch im zweiten Satz so, in dem Lewis sich vorantastet, ohne je wirklich zerbrechlich zu wirken. Auch hier bleibt dieser Mozart in der Komfortzone. Es bisschen frecher gerät das Finale, Lewis lässt die Noten ein wenig hüpfen und tanzen, das Verhältnis zum Orchester wechselt zwischen Einklang und Kontrast. Ein wenig rhythmische Prägnanz, etwas Lebendigkeit, eine Prise Spiellust und eine fragende wie neugierige Kadenz bieten viel Nuancierung, der jedoch eine wirkliche Gestaltungsidee fehlt. Orchester wie Solist schauen zwischen die Zeilen und fühlen sich dort wohl. Eine saubere Interpretation, die doch ein wenig hinter Glas bleibt.

Da riskiert Haitinks Bruckner einiges mehr. Der Maestro kann seinen Lieblingskomponisten (eine nicht gar so weit hergeholte Unterstellung) nicht mit Scheuklappen dirigieren, und das ist auch diesmal so. Doch die Klarsicht, die interpretatorische Sicherheit, die seine Bruckner-Auslegungen stets auszeichneten, fehlen hier. Haitink wirkt beinahe verunsichert, nicht recht wissend, wohin damit. So entstehen seltsame Unentschiedenheiten. So versucht er die lichte, optimistische Atmosphäre des Mozarts beizubehalten und setzt zugleich auf Masse: Die Melodien fließen breiter, als von ihm gewohnt, die Streicherdecken wiegen schwerer. Gut herausgearbeitet dagegen die Wellenbewegung von Bruckners kosmischem Wogen im Kopfsatz. Die zu spannenden Momenten führt, etwa plötzlichen Schärfungen, die das Licht ins grell Bedrohliche koppen lassen oder die beim erneuten Auftauchen sehr affirmativen Geigentremoli des Anfangs, gegen welche die Celli Mühe haben, sich zu behaupten. Haitink tut sein bestes, das Brucknersche Farbenspiel zum Leben zu erwecken, bremst sich durch das massige Spiel aber immer wieder aus. So beendet er den Kopfsatz mit einer wilden Aufwallung ins Gewalttätige zu kippen drohender Schärfe.

Die er in den nächsten beiden Sätzen wiederholt. Wobei das berühmte Adagio zum Hauptproblem des abends wird: Offenbar willens, den Trauercharakter des Stücks herunterzuspielen und kein Pathos aufkommen zu lassen, verliert sich der Satz in der Ratlosigkeit. Er gerät sehr schwer, seltsam lebhaft, viel zu hell und unangenehm unruhig. Haitink weiß, was er nicht will, aber ihm fehlt die Alternative. Also versucht er so manches klangliche Experiment, trennt beispielsweise mitunter die Register, was das Farbspektrum eher zerreißt als erweitert. Besser gelingt es, wenn er den unterschiedlichen Farben erlaubt, sich zu mischen und immer wieder neue Schwerpunkte zu setzen, Da erhält der Satz kurz sein organisches Fließen zurück, aber in einer lichteren, lebenssatteren Variante. Meist jedoch wirkt er seltsam zerklüftet, aufgerissen wie eine Baustelle, auf der sich, was hier entstehen soll, noch nicht erahnen lässt.

Seine übliche Gewissheit, wenn es um Bruckner geht, ersetzt Haitink diesmal durch rastlose Unruhe. Da lässt er das Trompetenthema im Scherzo nervös hüpfen, setzt er harte rhythmische Kanten, wirft die Themen auf aufgewühlten Grund. Das Trio gerät dabei arg schleppend, bremst die Vorwärtsbewegung der Scherzoteile aus – und beide wissen nicht recht wohin. Die Lösung: Erneutes Chaos, apokalyptische Schärfe, kosmischen Toben zum Satzschluss. Das Finale versammelt dann alle Ansätze noch mal in einem letzten Durchlauf: die lichte, luftige Grundstimmung, die tänzelnd hüpfende Rhythmik, die Schwere, die zerklüftete Tektonik, die ständige Gefahr des Abkippens in bedrohliche Schärfe, die klangliche Unruhe. Das wirkt zuweilen frisch und lebendig, dann wieder streng und abweisend, hell und klar oder verwirrt fragend, warm (endlich kommen die Horntuben, die im zweiten Satz so fremd klangen, zu ihrer Wirkung) oder von eisiger Härte. Auch am Schluss bleiben Unruhe und apotheotische Klärung ohne Einigung, alle Frage, wie Brecht sagen würde offen, dieser Bruckner nur halb organisierte Baustelle. Nein, nach Abschied klingt dieser Abend nicht. Eher wie ein Aufbrechen vermeintlicher Gewissheiten, ein neues Ansetzen, ein Hinterfragen voller Skepsis und Ratlosigkeit. Dies ist der aben eines Dirigenten, der alles ist, aber noch nicht fertig. Mit sich, seinem Publikum, Bruckner. Und zumindest das macht Hoffnung.

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Ein Gedanke zu „Baustelle Bruckner

  1. […] zu nehmen ist. Nachdem mit seinen 83 Jahren geradezu jugendlichen Zubin Mehta gastierte zuletzt der 90-jährige Bernard Haitink, gefolgt von Herbert Blomstedt, der im Juli seinen 92. Geburtstag feiern wird. Und doch wirkt der […]

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