„Babba zahlt die Wurscht“

Nora Abdel-Maksoud: The Making-of, Maxim Gorki Theater (Studio Я), Berlin (Regie: Nora Abdel-Maksoud)

Von Sascha Krieger

Eine Riesensache sei das, das Projekt des Jahrhunderts: Stella Hilb grinst angestrengt von der Rampe, als sie das sagt, aus dem schwarzen Rechteck, das nicht zufällig an einen Bildschirm oder eine Filmleinwand erinnert und sich mit Hilfe eines herunterziehbaren Streifens in einen analogen Splitscreen verwandeln lässt. Wir befinden uns mitten in der Marketing-Hölle der modernen Filmwirtschaft: dem Making-Of, jenem Extra, das einen „Blick hinter die Kulissen“ und eine heile Welt harmonisch gemeinsamer künstlerischer Arbeit vorgaukeln soll. Ein Gottesdienst der Authentizität. Hier ist, wie man heute sagt, alles fake. Vier Darsteller*innen sitzen in ihren Rollen als Regisseurin und Stars einer in Bottrop spielenden Batman-Bearbeitung vor einer imaginären Kamera und spielen sich – oder genauer: ihre Rollen, wie diese sich selbst spielen. Oder so ähnlich. Authentizität, das weiß man im Geschäft, ist harte Arbeit. Da darf keiner aus der Reihe tanzen und vom Script abweichen. Deutungshoheit ist das Kapital, das zum anderen, echten, dem Geld führt, um das hier alles geht. Und so lächeln sie aggressiv von der Rampe und erzählen die ihnen vorgegebene Sicht der Dinge. Mit einem Fingerschnipsen erstreiten sie sich das Rederecht und schneiden dem Anderen das Wort ab. Der „ehrliche“ Blick hinter die Kulissen ist ein brutaler Machtkampf, ausgetragen über die tödlichste Waffe von allen: den Schnitt, für den Regisseurin Nora Abdel-Maksoud hier eine geniale analoge Entsprechung findet.

Bild: Esra Rotthoff

The Making-of ist eine Hochgeschwindigkeits-Satire auf die manipulative Rolle der Massenkultur, die Kunstheuchelei im Kulturgeschäft, das Authentizitätsgeschwurbel einer auf das Publikumsgeld abzielende Unterhaltungsindustrie, auf den Film, das Theater, das Feuilleton. Ein Rundumschlag von solcher Bissigkeit, dass der Abend seit mehr als zwei Jahren ein Riesenerfolg ist. So sehr, dass er längst – gelobt seien die Gesetze des Markts – eine Fortsetzung erfahren hat. Hier spiegelt die Satire die Realität die Satire. Die Story ist schnell erzählt. Eine Theaterregisseurin will endlich ans große Geld ran und verkauft ihre Seele, um eine trashige Superheldenversion zu drehen. Das Geld kommt vom 80er-Jahre-Action-Star Dolph Lundgren, weswegen sie auch dessen unehelichen Sohn Mads besetzen muss. Mit dabei eine feministische Performance-Künstlerin als politisch korrektes Feigenblatt und ein erfahrener Schauspielveteran, der den tierischen Bösewicht textlos spielen muss, damit das mangelnde Talent des Hauptdarstellers nicht so auffällt. Der (grandios: Eva Bay) nutzt einen Stimmcomputer, um statt der schwäbelnden Fistelstimme wie ein Superheld zu klingen, während man aller ernstes so tut, als sei der Darsteller des Schakals tatsächlich ein solcher. Schein schlägt sein. Auch und gerade, wenn es um „Authentizität“ geht.

Natürlich gerät das schnell aus dem Ruder. Die  narrativen Passagen führen zu Flashbacks, erzählt und eingerichtet vom jeweils das Wort führenden, dokumentarische Illusion, sorgsam inszeniert als Fiktion. Irgendwann rebellieren die Mitstreiter*innen gegen die narrative Herrschaft der Regisseurin, übernehmen nacheinander die Kontrolle, erzählen aus ihren Perspektiven weiter, wiederholen die Spielszenen aus ihrer Sicht, entlarven die kindischen Intrigen, das Ego-Getue, die Buzzword-trächtigen Manipulationen, etwa, wenn die Regisseurin Gordon (Hilb) mit feministischen Phrasen um sich wirft, um die Performancekünstlerin (zwischen subversivem Trotz und plakativer Selbstaufgabe: Mareike Beykirch) vom Projekt zu überzeugen, damit Filmprosa und Feuilleton mit ihrem Hang zur hohlen Bedeutungshuberei spiegelnd. Wer das Sagen hat, bestimmt das Narrativ. Es geht darum, sich selbst ins bestmögliche Licht zu rücken, sein Image zu verteidigen, seinen Marktwert zu steigern.

Dabei spart der Abend auch nicht mit Seitenhieben auf das Theater: Gordon kann das Wort kaum aussprechen, als herauskommt, dass sie dort gearbeitet hat, reagieren die anderen schockiert. Das Theater als ausbeuterischer Bodensatz darstellender Kunst, gesellschaftliche Relevanz propagierend, sich als Wertebewahrer stilisierend und die so behaupteten tagtäglich in prekär übergriffigen Produktionsrealitäten mit Füßen tretend. Dass das „hehre“ Theater hier nicht dem „falschen“ Film gegenübersteht, gehört zu den vielen Stärken des Abends, der sich genüsslich und mit biestigem Enthusiasmus durch allerlei zeitgeistige Anbiederungsversuche heutigen Kunstmarketings pflügt. Gordon hantiert mit feministischen Phrasen und manipuliert ihr Ensemble – kaum widerwillig – in reaktionäre Männlichkeitsfantasien, die, wenn nicht als solche verbrämt, genau das sind, was das Publikum will. Hier kommt keine*r gut weg und geht keine*r ganz über Bord: nicht die Regisseurin, manipulativ, opportunistisch und doch in den Regeln patriarchaler Machtmechanismen gefangen, was zuweilen drastische Folgen hat; nicht die Feministin, die sich verkauft, ihren Feminismus zu harmlosen Streichen verzwergt, und sich doch nach einer Kunst sehnt, die keine Kompromisse braucht; nicht der Darsteller-Sohn, infantil herrschsüchtig und primitiv arrogant und doch ein Opfer seiner Umstände; nicht der Darsteller-Veteran (Till Wonka), der arrogant pathetisch andere mit Ehrlichkeitsspiel zu manipulieren sucht und selbst an der Nase herumgeführt wird und sich zugleich seiner Position sehr wohl bewusst ist, seine Wut letztlich zurückhalten muss, um zu überleben.

In einer Welt, in der alles Fake ist, alles Manipulation, Werte Kapital und und Spielmaterial, politische Haltung ein Marketing-Tool, Authentizität ein inszenierter Verkaufsfaktor, ist jede*r Täter*in und Opfer. Auch wir, das Publikum, das manipuliert wird, weil es das Getürkte fordert, weil es eine Wahrhaftigkeit will, die bloße Wunscherfüllung ist, eine Welt, die ist, wie sie sein soll. The Making-of ist eine hochtouriger, satirisch beißwütige, Albernheit nie scheuende Tour de Force zwischen Farce und Parodie, die schwülstige Filmästhtetik, überzogene Doku-Persiflage und campe Kunst-Travestie zu einer hinreißenden Mélange verbindet, die rechte wie linke Sprechblasen gleichermaßen attackiert, wenn sie sich in den Dienst kapitalistischer Verkaufsmechanismen stellen, die entlarvt, Masken runterreißt, und zugleich lustvoll mit selbigen hantiert, das Kritisierte feiert und in seiner Wirkmächtigkeit vorführt, das Phrasengeblubber vom Sockel holt und Unterhaltung reduziert, auf das, was sie ist. Und was letztlich auch diesen Abend unter vielem anderen ausmacht: Er unterhält. Sehr sogar. „Wer zahlt die Wurscht?“, fragt Schwaben-Mads einmal. Und antwortet: „Babba zahlt die Wurscht.“ Eben.

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Ein Gedanke zu „„Babba zahlt die Wurscht“

  1. […] des Berliner Maxim Gorki Theaters kennen Nora Abdel-Maksoud spätestens seit The Making-of als ebenso scharfzüngige wie unbarmherzige Entlarverin (post)moderner bürgerlicher […]

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