Wenn der Kopf explodiert

David Grossman: Kommt ein Pferd in die Bar, Deutsches Theater, Berlin / Salzburger Festspiele / Burgtheater Wien (Regie: Dušan David Pařízek)

Von Sascha Krieger

„So, jetzt bin ich e bissele müde“: Mit diesem Satz beendet Samiel Finzi seine fast solistische Tour de Force, die bei der Berliner Premiere immerhin 20 Minuten früher endet als noch in Salzburg. Auch das Publikum mag so fühlen, auch wenn es Abende gibt denen man eine mehr als zweistündige Dauer deutlich mehr anmerkt als diesem. Vor allem weil Finzi Dov Grinstein ist, der Alleinunterhalter und Comedian aus David Grossmans preisgekröntem Roman – und als Solo Act vermutlich um einiges besser und erfolgreicher als seine Figur. Grinstein ist ein scheiternder Stand-up-Artist, der in der vor allem als Standort zahlreicher Unternehmen bekannten israelischen Stadt Netanja gestrandet ist, und sich auf der Bühne durch sein Leben und seine Erinnerung fräst, die mit der kollektiven seines Landes und dessen Traumata eng verwoben ist. Dušan David Pařízeks Inszenierung setzt ganz auf die Abbildung dieser Bühnensituation: Sein Grinstein steht vor seinem Publikum, wie Finzi vor seinem – und dem seiner Figur steht – es direkt anspricht und damit immer „Doveles“ meint. So fallen seine Provokationen und Beleidigungen ins Leere – und auf ihn zurück. Ungebremst aufprallend auf den geborstenen Panzer des vermeintlichen Menschenhassers, seine Wunden sichtbar machend.

Bild: Arno Declair

Grinsteins Bühne ist ein Niemandsland, sein primäres Publikum er selbst. Da mögen Leute im Parkett sitzen oder der Comedian inmitten eines kosmischen Nichts stehen – es ist eigentlich egal. Die Publikumsansprache und -beschimpfung ist eine Schutzmaßnahme. Er geht ins Gericht mit sich, seinem Land, seiner Familie, seiner Geschichte, der individuellen wie der kollektiven. Und wie Finzi das tut, wie er mit seiner Roll4 spielt, sich in ihr verheddert, in ihr auflöst und ertrinken droht und am Ende seinen fragilen Frieden mit ihr findet, ist atemberaubend. Er beginnt als bitter sarkastischer Kritiker eines Landes, das sich aus der eigenen Geschichte nicht zu befreien vermag und erfahrene Ausgrenzungsmechanismen selbst reproduziert, dessen Humor sich ins düster Destruktive verwandelt hat, das nicht anders kann, als alles, was Halt zu geben vorgibt, zu unterminieren. Ein Land, das so gefangen ist in seiner Geschichte, so in ihr feststeckt, dass es sie nicht mehr zu sehen vermag. Und so landet er bald in der eigenen Geschichte: bei den Eltern, beide die einzigen Überlebenden ihrer Familien, festsitzend in einem toxischen Kreislauf aus Schuld und Scham, der entweder zu diktatorisch gewalttätiger Abschottung oder zum Wunsch nach Selbstauslöschung führt, zum kalten, absolutistischen Vater oder zur Mutter, die, unterm Kopftuch versteckt und den Blick gen Boden gewandt, nach Unsichtbarkeit strebt

Es ist eine Welt im Bann des Todes, eine auf den Kopf gestellte – wie auch der junge Dov nur dann bei sich ist, wenn er auf den Händen geht. Erzählend gräbt sich Finzis Grinstein in sie ein, inspiriert von Pitz, einem Nachbarsmädchen, das – real oder imaginiert – im Publikum sitzt und den Zyniker daran erinnert, dass er einst „ein guter Junge“ gewesen sei. Kathleen Morgeneyer übernimmt bei der Berliner Übername die Rolle von Mavie Hörbiger und spielt sie irgendwo zwischen graumäusig verschüchterter Frau und überweltlich schwebender Botin verdränkter Schuldgefühle. Eine Botin der Erinnerung, eine Mahnende an deren Macht. Und so tauscht Finzis Dov immer tiefer ein, wird aus dem selbstzerstörerischen Pöbler ein manisch Erzählender, einer, den die Erinnerung physisch angreift, für den sie zum Lörper, Geist und Raum erfüllenden Erschütterungsprozess wird. Er geht an die Wurzeln, die eigenen wie die seines Landes, das Schweigen, das Verdrängen, die angelegten Panzer, die Spiegelung erfahrener Gewalt in seiner Weiterreichung. Die hölzerne Bühnenrückwand fällt, wird zur Spielfläche zum – mit einem cleveren Lichteffekt ausgestatteten – Gedankengefängnis (Bühne: Pařízek). Sie spiegelt sich in einer identischen Platte an der Decke, wie sich auch der Garderobenständer und Grinstein selbst – in Form der zu seinem Echo und seiner Projektion werdenden Pitz – spiegeln. Das Individuelle reflektiert das Kollektive und umgekehrt.

Hier „explodiert der Kopf mit beiden drin“, Vater und Mutter, widerstreitenden Prinzipien des Umgangs mit dem, womit umzugehen nicht möglich scheint. Immer wieder imaginiert sich der von der Geschichte Verurteilte vor Gericht, ein Angeklagter in einer langen Reihe, ein schuldlos Schuldiger und ein schuldig Unschuldiger oder beides. Dabei verliert Finzis Figur bald die Kontrolle, wird zum Getriebenen und erfährt nur dadurch die Chance der Befreiung. Ihm allein gehört dieser Abend, er vollführt seine gedankliche, emotionale, physische Reise, Pařízeks Regie ist da meist Beiwerk. Das selbstspiegelnde Live-Video mit seinen einfrierenden Bildern, die Lichteffekte, welche andeuten wollen, wann die Bühnensituation sich in interne Konfrontationen der Figur mit sich selbst auflöst, sind meist redundant und stören zuweilen. Denn es ist ja gerade die Öffentlichkeit dieser Auseinandersetzung, der wahnwitzige Exhibitionismus, der Zwang von Zeugenschaft, der diese Schürfung so schmerzhaft und intensiv macht, ein Effekt, den die übereifrige Regie mitunter untergräbt. Dass diese Selbstentblößung alles andere als kalt lässt, das Lachen im Halse stecken bleibt, die Zuschauer*innen sich zunehmend unwohl fühlen in diesem Kampf mit den Untoten, liegt an Finzi selbst, daran, dass er diesen Charakter so nahe kommen, ihn eindringen, Besitz ergreifen lässt und ihn zugleich von außen betrachtet, skeptisch, verwundert, entsetzt, mitleidig. Gefühle, die auch das Publikum ergreifen, das zusieht, wie sich Vergangenheit in die Gegenwart drängt, Unerledigt nach Klärung schreit. Am Ende nimmt Finzi eine der Wurfblumen, die er bislang auf dem Boden verteilt hatte, Trauerblumen, Blüten des erkämpften Erinnerns und wirft sie an die Decke, wo sie stecken bleibt. Auch die Spiegelung beginnt sich zu wandeln, der Prozess des Verstehens greift über vom Individuum auf seine Welt. Ein still hoffnungsvolles Bild inmitten der Erschöpfung. Ein Anfang.

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