„Ein besonderer Moment“

Auf einer Pressekonferenz stellt Kirill Petrenko seine erste Spielzeit als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker vor

Von Sascha Krieger

„Ein besonderer Moment“ sei es, sagt Kirill Petrenko gleich zu Beginn seiner ersten Spielzeitpressekonferenz bei den Berliner Philharmonikern. Auch Intendantin Andrea Zietzschmann, Orchestervorstand Alexander Bader und Medienvorstand Olaf Maninger nutzen später diese oder ähnliche Worte. Bader berichtet von „Enthusiasmus und Hingabe“ in der bisherigen Zusammenarbeit und fügt hinzu: „Da fehlen einem eigentlich die Worte.“ Und Maninger berichtet: Es ist in der Chemie so unglaublich stimmig, so schockverliebt vom ersten Moment an.“ Gerade drei Programme hatte Petrenko dirigiert, als ihn das Orchester – im zweiten Versuch – 2015 als Nachfolger Sir Simon Rattles zu ihrem siebten Chefdirigenten wählten. Eigentlich viel zu wenig, um eine solche Langzeitbeziehung einzugehen. Doch wer den Dirigenten und die beiden Musiker hört, ahnt, dass hier etwas Außergewöhnliches entstanden ist. Etwas, das gerade erst beginnt. Ein Jahr später als ursprünglich gewünscht tritt Petrenko sein Amt an. Das hatte er sich ausbedungen, um seinen bisherigen Posten als Generalmusikdirektor an der Bayerischen Staatsoper mit dem nötigen Respekt zu Ende zu bringen. Nur eine Spielzeit, die kommende, wollte er beide Positionen bekleiden.

Kirill Petrenko bei der Spielzeitpressekonferenz der Berliner Philharmoniker (Bild: Stephan Rabold)

Ein Kompromiss, denn für halbe Sachen steht der gebürtige Russe, der mit 18 nach Österreich übersiedelte, eigentlich nicht. Das zeigt schon ein Detail: Er, der als einer der weltweit führenden Operdirigenten gilt, will nach einer letzten Neueinstudierung in München, sein Opernschaffen für einige Jahre exklusiv auf die Philharmoniker und ihre Osterfestspiele in Baden-Baden beschränken.  Wenn er sich einer Sache verpflichtet, dann mit ganzer Kraft, dass die Doppelverantwortung im kommenden Jahr nicht nach seinem Geschmack ist, lässt er sich anmerken. So ist sein 2019/20 noch reduziert, wird er noch nicht die danach avisierten jährlich 26 Konzerte in Berlin absolvieren wird und muss er die Japan-Tournee im November dem Kollegen Zubin Mehta überlassen. „Diese Spielzeit muss ich meine Zeit noch aufteilen. Das eine endet, das andere beginnt.“

Und welch ein Beginn wird das sein: Ludwig van Beethovens neunte Symphonie wird er dirigieren – in der Philharmonie und open air am Brandenburger Tor. Sie sei, so sagt er, das einzige Werk, „mit dem ich meine Tätigkeit beginnen kann.“ Denn: „Sie enthält all das, was uns als Menschen auszeichnet, im positiven wie im negativen Sinne.“ Die Frage nach dem Kernrepertoire wäre damit eigentlich schon beantwortet. Petrenko hat darauf eine sehr eigene Sicht: 28 Nationalitäten gäbe es im Orchester und auch er selbst käme von sehr weit her. Sein Ziel sei es daher, dass jede*r diese so unterschiedlichen Künstler*innen sagen kann: „Das ist meins. Das gehört zu mir.“ Das Kernrepertoire ist für ihn nicht etwas, das zum Orchester als einer abstrakten Identität gehört – sondern zur lebendigen Realität dieser kosmopolitischen Musiker, die das Etikett „Berliner Philharmoniker“ mit Leben füllen. Und so wird es einiges davon auch schon in der ersten Spielzeit geben: Neben einem Schwerpunkt zum Beethoven-Jahr etwa Gustav Mahlers sechste Symphonie, mit der Sir Simon Rattle einst seinen Einstieg und im vergangenen Jahr auch seinen Abschied in Berlin bestritt. Ein Bekenntnis zur Tradition und ein klares Statement, dieser einen eigenen Stempel aufdrücken zu wollen.Das eine endet, das andere beginnt.

Natürlich wird auch der freundlich lächelnde Mittvierziger eigene Schwerpunkte setzen. Er sieht diese nicht zuletzt im so genannten Randrepertoire, weniger bekannte Werke und Komponisten aus der so genannten zweiten Reihe. Komponisten der deutschen Avantgarde nach der „zweiten Wiener Schule“ etwa, zum Beispiel Bernd Alois Zimmermann, Karl Amadeus Hartmann oder Paul Hindemith. Oder Josef Suk, der in Deutschland kaum bekannte und zuweilen als Nachfolger Antonín Dvořáks betrachtete tschechische Komponist. Natürlich wird auch das russische repertoire eine wesentliche Rolle spielen und auch hierbei sind es nicht nur die stets genannten Namen, die ihm wichtig sind. Alexander Glasunow oder Alexander Skrjabin sind Beispiele dieses „Randrepertoires“, das Kirill Petrenko stärker beleuchten will.

Wenn er ein Erneuerer ist, dann ein behutsamer. Viel Lob äußert er für seineVorgänger, beantwortet jedoch die Frage nach einem Vorbild unter diesen ebenso diplomatisch wie erhellend. Von allen könne er viel lernen, wolle aber seinen eigenen Weg finden. Und so setzt er eben bei allem Traditionsbewusstsein und im Willen zur Kontinuität dezidiert eigene Akzente, ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten. Auch zum Beispiel im Education-Programm: Das möchte er gern in „Musikvermittlung“ umbenennen und stärker in Richtung musiktheatraler Formate verschieben. Dass eine Menge Erwartungsdruck auf ihm lastet, weiß er. Aber auch, dass in der schöpferischen Arbeit am Werk dieser schnell verschwinden kann. Kirill Petrenko ist kein Entertainer, der Rattle durchaus auch war. Er wird auch in Zukunft voraussichtlich keine Interviews geben, keiner sein, der, wie er sagt, „die Person vor das Werk stellt“. dazu passt auch, dass er nach Abbado und Rattle zum Karajanschen „Sie“ zurückkehrt, was Maninger als „wahnsinnig schöne Form, miteinander umzugehen“, bezeichnet. „Mir war das Du eher hinderlich“, sagt er. Respektvollen Umgang und eine Distanz, welche die Freiheit schafft miteinander zu forschen symbolisiert die neue, überaus freundliche Förmlichkeit für sie. Mitstreiter wollen sie sein, keine Kumpel, gemeinsam nach neuem, Überraschendem auch im Bekannten forschen. In Konzerten, „aus denen der Mensch anders herauskommt, als er hereingekommen ist“, so Maninger. Dass das gelingen kann, haben Orchester und Dirigent zuletzt schon mehrfach bewiesen. Kontinuität und Wandel, die gemeinsame Hingabe an die Musik: Die Ära Petrenko wird keine der grellen Farben sein. Und gerade dies könnte sie so spektakulär machen.

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