Theater ohne Haltung

Jugend ohne Gott, ein Projekt von Nurkan Erpulat und Ensemble nach dem Roman von Ödön von Horváth, Bühnenfassung von Tina Müller: Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Nurkan Erpulat)

Von Sascha Krieger

Ödön von Horváths Roman Jugend ohne Gott erschien 1937. In ihm beschrieb er die Verrohung einer Jugend unter Einfluss einer Gesellschaft, die jeder humanistischer Werte Verlust gegangen war. Er tat das aus Sicht eines Lehrers, der sich selbiger Werte noch erinnerte, aber längst zu opportunistisch geworden war, um sie offensiv zu verteidigen. Der kollektive Wertverlust ist auch heute wieder ein Thema, die Rolle der Jugend in der Gesellschaft pätestens seit Fridays for Future wieder in aller Munde und die in der Romanwelt als selbstverständlich geltenden rassistischen Einstellungen längst zurück auf dem Weg gesellschaftlicher Akzeptanz. Zeit also für einer Vergegenwärtigung? Damit fängt die Crux von Nurkan Erpulats neuem Abend schon an. Horváth erzählt von einer Gesellschaft, die bereits durch und durch totalitär und rassenideologisch verseucht ist, die jegliche Verbindungen zu demokratischem und humanistischem Gedankengut gekappt hat. Bei aller berechtigten Besorgnis: davon ist unsere Gegenwart noch weit entfernt, die Jugend, die sich zum Erstaunen und zur Scham der „Alten“ neuerdings wieder massenhaft in selbstständigem Denken und politischer Aktivität ergeht, erst recht. Da mag Jugend ohne Gott als Mahnung aus der Vergangenheit dienen oder als dystopische Zukunftsvision. Zur Beschreibung gegenwärtiger Zustände taugt das Buch kaum.

Bild: Esra Rotthoff

Und doch versuchen Erpulat und Tina Müller, von der die Textfassung stammt, genau das. Sie verlegen die Handlung in die Gegenwart, pluralisieren das Meinungsspektrum der – nun auch nicht mehr rein männlichen – Klasse ein wenig, und reiten sich damit nur noch um so mehr rein. Auch sie schicken ihre Schüler*innen in ein totalitär paramilitärisches Zeltlager, das eben – glücklicherweise – noch keinerlei Gegenwärtigkeit atmet und diese doch krampfhaft zu behaupten sich bemüht. Also wird schön jugendlich Betrieb gemacht, Licht- und Soundeffekte aufgepackt, choreografiert, was das Zeug hält, man rennt pubertär über die Bühne und die in einer Art halben Halfpipe endeten schwarzen Bühnenschräge (Alissa Kolbusch) meist vergeblich hinaufgerannt. Die Text- und Spielarbeit dagegen vollzieht sich meist statisch narrativ an der Rampe, Energiebehauptung und aufwändige Geschäftigkeit verpuffen immer wieder im Aufsagetheater.

Das konfus genug ist. Da waren gerade AfD-Sprüche zu hören und positioniert sich die Klasse mit der Arroganz der vermeintlich Überlegenen gegenüber Lehrer und Gesellschaft, da strampelt sich Helena Simon als Klassen-Linke an den Erwartungshaltungen der Gesellschaft an die Jugend ab, die dem Text zufolge vor allem darauf abzielen, den jungen Menschen zu „politisch korrekter“ Sprache und ökologisch sauberem Handeln zu erziehen, die gerade von rechts aufgestellte Behauptung der „Denkverbote“ affirmierend. Die Jugend, das wird schnell klar, befindet sich in einer permanenten Druckkammer, von allen Seiten stürmen die Forderungen der Älteren auf sie ein. Rechts, links, alles irgendwie egal. Der rassistische Vater oder der „Peer Pressure“ von Fridays for Future: Beides erscheint hier als Manipulationsversuche, als Einschnürungsrituale freien Denkens, Lebens und Atmens. Passend zu seiner ästhetisch erzählerischen, zuweilen an Hilflosigkeit grenzenden Beliebigkeit gefällt sich der Abend schnell in einer alles andere als unbedenklichen Relativierungsspirale, in der bald jedes Wertemuster gleich obsolet wirkt, rechte Hetze und Gleichberechtigungs-Rhetorik eigentlich und irgendwie und sowieso das Gleiche seien.

Der Abend will, indem er die erzählerische Brille umdreht, den bei Horváth namenlosen und auch hier nur durch Initialen bezeichneten Jugendlichen eine Stimme geben. Doch wenn sie ertönt, ist wenig mehr zu hören als apologetisches Gejammer und Opferstilisierung, wie man es sonst nur von den „Großen“ kennt. In einer Zeit, in der Jugendliche in Massen ihre politische Kraft entdecken und einfordern gehört zu werden, machen Müller und Erpulat sie zu leicht manipulierbaren verzogenen Gören. kein Wunder, dass am Ende natürlich dem Lehrer wieder die Bühne gehört, er (Denis Geyersbach) einen ellenlangen Selbstrechtfertigungsmonolog herunterspulen darf, der dann auch noch schnell die Handlung zu Ende erzählt, die dem Abend bei allem effekthascherischen Einsatz aufwändiger Theatermittel von der Stange auch noch entglitten war.

Statt Gesellschaftsporträt gibt es Haltungsverweigerung, statt Kriminalhandlung narzisstische Nabelschau, statt atmosphärischer Dichte spannungsfreie Rezitation. So sehr betrachtet der Abend seine Thematik von allen Seiten, dass statt kaleidoskopischer Auffächerung das entstehende Bild am Ende in verschwommener Konturlosigkeit verschwindet. Aiusgerechnet das Maxim Gorki Theater geht auf seiner großen Bühne in die aus Renovierungsgründen verlängerte Sommerpauser mit einem Theater ohne Haltung, einem, das alles verwirft und letztlich nicht nur eine Jugend ohne Gott zeigt sondern eine Welt, nein, ein Theater, das die Negierung in einen fast göttlichen Status erhebt. Da kann auch das starke Ensemble junger Spieler*innen, darunter Mitglieder des aktuellen Abschlussjahrgangs der HfS „Ernst Busch“, allen voran Theo Trebs (bald Ensemble-Mitglied der Volksbühne), Tiffany Köberich und Felix Kammerer, wenig ausrichten. Es ist ein Abend, der sehr genau weiß, was er nicht will. Und dort stehen bleibt.

Ein Gedanke zu „Theater ohne Haltung

  1. […] wo Nurkan Erpulat am Gorki, wenn auch weniger geglückt, aber zumindest den Bogen ins Heute zu schlagen versucht, geht […]

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