Kosmischer Frühling

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker eröffnen die Festtage der Staatsoper unter den Linden 2019

Von Sascha Krieger

Wenn es im klassischen Konzertbetrieb so etwas wie Moden gibt, dann ist derzeit die Paarung gleichzahliger oder auch erster und letzter Symphonien unterschiedlicher Komponisten eine solche. Und auch wenn die Wiener Philharmoniker nicht dafür bekannt sind, jeder Mode zu folgen, machen sie zuweilen Ausnahmen. Für Daniel Barenboim, den sie in Wien zu lieben scheinen, wie kaum einen zweiten, sowieso. Und auch der Dirigent, der gerade in seiner Wahlheimat Berlin ordentlich Gegenwind bekam – ehemalige Musiker*innen berichtetet von übergriffigem Verhalten und einem Führungsstil, der Erniedrigung und verbale Angriffe als Mittel einsetze – den er – samt obligater Medienschelte – erfolgreich ausgesessen zu haben scheint, scheint sich im Kreise dieses immer noch eher konservativen Orchesters wohlzufühlen. Schon seit Jahren bringt er es mit, um die Festtage „seiner“ Staatsoper zu eröffnen, diesmal eben mit zwei „Ersten“, die unterschiedlicher nicht sein könnten: vor der Pause die Sergej Prokofjews, keine Viertelstunde kurz, eine neoklassizistische Miniatur, danach Gustav Mahlers weltumspannendes Riesenwerk, natürlich, auch Barenboim ist kein Erneuerer oder Experimentator, ohne „Blumine“-Satz.

Daniel Barenboim (Bild: Holger Kettner)

Ganz risikofrei ist das Unterfangen dennoch nicht, die Aufgabe, Prokofjews knappen Erstling nicht untergehen zu lassen, kaum zu schaffen. Barenboim und die Wiener kommen dem Unmöglichen zumindest nahe. Sie verknappen und verschlanken den 14-Minüter noch weiter, entfernen jedes Gramm Fett, lassen ihn so frisch, jugendlich und luftig erklingen, wie nur möglich. aber eben auch nicht leichtgewichtig. Druckvoll, energisch, voller Lebensenergie der erste Satz, rhythmisch abenteuerlustig, von glitzernden Geigen durchzogen der zweite, Streicher-lastig, den Klang raumfüllend aufblasend, Affirmation zum vorangegangenen scheuen Tasten, der dritte, das Finale höchst transparent, voller Energie, Zug und Vielfalt. Kraft und Dichte stehen neben pastoraler Leichtigkeit, bunte Farbigkeit schillert in hellen Tönen, dringlich, antreibend der Schluss, als ginge es irgendwo anders weiter. Die Haydn-Bezüge sind klar, stehen aber nicht im Mittelpunkt. Barenboim liest das Werk als den Aufbruch, der es war, ein symphonischen Gesamtwerk in nuce, eine Keimzelle, reduziert, konzentriert, traditionsbewusst und nach vorn weisend. Allein stehend aber auch ein frischer, mitunter Bösen erzeugender Frühlingswind, licht, luftig, raumweitend.

Das ist dann gar nicht so weit entfernt von den klanglichen Welten des ersten symphonischen Satzes Mahlers. Der jedoch seinen, durchaus auch pastoralen Ton erst finden muss. Barenboim verwendet viel Zeit auf dieses Werden: Die schwebenden Streicher zu Beginn wirken beinahe trocken, reduziert auf den seidenen Faden, der sie sind, das fragile Gewebe, das die Stille fernhält. Der Raum ist weit, aber noch zersplittert. sehr fern die Blechbläser, sehr vereinzelt die knappen motivischen Versuche, sich über die flirrende Fläche zu erheben. Ganz sacht beginnt das zusammenzufinden, in das helle Licht musikalischer Hoffnung getaucht, das auch den Prokofjew schon erfüllte. Eine Kreisbewegung: Erneut muss sich das musikalische Leben erst finden und wieder. Explosiv weiten sich die Räume, zart, zerbrechlich zerfallen sie. Der Dirigent setzt auf maximale Transparenz und so füllen selbst die zaghaften Gesangsversuche schnell den Kosmos mit melodischer Kraft. Pastorale Leichtigkeit behauptet sich in all diesem Werden und Vergehen, als gäbe es mehr als eine Realitätsebene.

Scharfe Rhythmik erfüllt das Scherzo, der Klang voller, vielschichtiger als im Kopfsatz, die Farbigkeit dagegen reduziert. Glitzert sich jener in die Welt, will dieser darin tanzen, springen rennen. Etwas schleppend, wie ein Bein nachziehend der tänzerische Mittelteil, als sei ein wenig Sand im Getriebe. Der sich dann im langsamen Teil offenbar. In erschütternder Zartheit hebt das in Moll gekehrte Bruder-Jakob-Thema an, klar sacht, trocken, ohne jede Hoffnung. Farben treten zum Grau hinzu, das Schwarz-Weiß bricht. Die collagenhaft wirkenden Themenbruchstücke haben jedes ihre eigene Farbwelt, stehen wie Inseln im musikalischen Geschehen und weisen zurück auf den Kopfsatz, aber düsterer, eigenwilliger, surrealer. Eine verschattete Lyrik bricht sich Bahn, die gefürchtete groteske Schärfe des Satzes reduziert Barenboim auf ein Minimum. Karge Einsamkeit statt Gespenstischen, die Düsternis bleibt ganz von dieser Welt. Das Ausdrucksspektrum des Satzes ist reduziert, was nicht in Spannungsabfall, sondern in erhöhter Konzentration resultiert. Hier singt das menschliche Sehnen und Leiden an gegen das nicht, brüchig, verletzlich berührend.

Auch im tumulthaften Finale erweist sich die Stille als der Endgegner. Schrill, scharf auffahrend der Beginn, zerklüftet, aber nicht zersplittert, der Grundcharakter des Satzes. Wo zuvor dynamische Kontraste zurückgefahren waren, kommen sie nun um so klarer zum Vorschein. Die so unterschiedlichen Feiern verschiedener Lebensaspekte der vorangegangenen Abschnitte prallen hier zusammen. Immer wieder bremst das Geschehen ab, nähert es sich der Stille an. Die Anklänge an den Kopfsatz sind mehr als deutlich, zuweilen wirkt der vierte wie eine Umkehrung des ersten: Strebt dort alles weg aus dem Nichts, zieht es nun dorthin zurück. Erstaunlich aggressiv gerät die erste Wendung ins finale D-Dur. Erneut entfernen sich die Klangschichten, Fernchor und schwebende Streicher sind nicht nur wortwörtlich im gleichen Klangraum unterwegs. Immer wieder streben die Klangschichten auseinander, Planeten in einer musikalischen Galaxie, deren Schwerkraft brüchig scheint. am Schluss ein Energieschub, ein weltfüllendes Klangbild, ein explosiver Abschied. Aus dem zarten Frühling Prokofjews ist ein kosmisch universelles Lebensalter geworden, das bei allem Zirkelschluss immer am Anfang steht. Eine Lebensfeier zwischen Abgeklärtheit und Naivität. Würde jetzt noch einmal der Prokofjew folgen, es wäre sinnig.

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Ein Gedanke zu „Kosmischer Frühling

  1. Schlatz sagt:

    Fand die Kombi aus Prokofjew und Mahler auch gewagt.
    Wäre gerne hin, habe aber dann schweren Herzens verzichtet, weil Mahler 1. und heute Prokofjew-Premiere und morgen Meistersinger mir zu viel gewesen wäre.

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