Helden der Grauzone

FIND 2019 – Didier Ruiz: TRANS (més enllà), La compagnie des Hommes, Paris / Teatre Lliure, Barcelona (Regie: Didier Ruiz)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist die Theaterkritik an diesem Abend fehl am Platz. Theatral ist an der aktuellen Arbeit von Didier Ruiz wenig. Setzt er Theatermittel ein, stören sie eher: die unmotivierten psychedelischen Farbprojektionen mit bunten Blumenmotiven, die er gelegentlich zwischenschaltet, oder die schwebenden Klangflächen, die so subtil im Hintergrund bleiben, dass sie der Zuschauer oft gar nicht wahrnimmt. Das ließe sich alles weglassen, ohne dem Abend irgendetwas von seiner Kraft zu nehmen. Entscheidend sind die sieben Menschen, die hier auf der in neutralem, jede Bedeutung annehmen und zugleich verwischen könnenden Grau, im Wortsinn in einer Grauzone (das einzig wirksame Theatermittel der Inszenierung) gehaltenen Bühne, ja, stehen. Und erzählen. Mit ruhiger Stimme, mitunter der Andeutung eines freundlichen Lächelns, nie aggressiv, stets zurückhaltend und gleichzeitig brutal offen. Es sind ihre Geschichten, von Menschen, die der binär biologistischen Identitäts-und Geschlechterzuweisung, von der sich unsere Gesellschaft nicht recht trennen will, nicht entsprechen. Menschen, die sich heute als „trans“ bezeichnen, die einst Namen trugen, die gemeinhin nicht dem Geschlecht entsprechen, in dem sie sich zu Hause fühlen.

Bild: Emilia Stéfani-Law

Und die irgend eine Form von Transition hinter und vor sich haben. Sie erzählen von ihren indivividuellen Erfahrungen, anders zu sein, die meist schon die Kindheit verdüsterten, vom Coming Out, von Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen, aber auch von unerwarteten Momenten der Menschlichkeit: das trans Mädchen, das, von der Familie entzweit, Hilfe durch einen Obdachlosen erfährt, die trans Frau, die, gezwungen, durch eine Gruppe feindselig wirkender Jugendlicher zu gehen, ein freundliches Wort hört, die von der Umwelt noch als Mann betrachtete angehende Friseurin, die über die Jeans einen Minirock anzieht und Solidarität von zwei Mit-Azubis erfährt, die den Kleidungsstil annehmen und so, wie sie sagt, „einen kleinen Trend“ starten. Diese Erinnerung stehen neben anderen: feindlichen Familien, mobbenden und schlagenden Altersgenoss*innen, diskriminierenden Arbeitgebern. Doch für jede*n von diesen gibt es auch einen Chef, der Gleichstellung zur Firmenkultur erklärt, gibt es Eltern, die volle Unterstützung bieten.

Viel geht es um die individuelle Erfahrung und der Abend ist dort am stärksten, wo er Raum lässt für unterschiedliche Sichtweisen. Etwa zur körperlichen Transition: Mache*r will diese vollständig vollführen, andere nicht, wieder dritte bereuen zu radikale Entscheidungen. Der Künstler Ian etwa, der sagt: „Ich wäre gerne ein Kerl mit Brüsten gewesen.“ Oder der Flughafenangestellte Raúl, der klar macht: „Man braucht keinen Penis, um ein Mann zu sein.“ Es sind solche Momente, die deutlich machen, worum es wirklich geht: Um das Aufbrechen von Rollenerwartungen und binären Vorgaben, das Zulassen von Graustufen, von ambivalenter, nicht-binärer Identität, die Aufhebung des Schwarz oder weiß. Auch beim Thema Transgender herrscht oft die Vorstellung vor, es ginge ums Entweder-Oder, Mann oder Frau, und die vollständige Anpassung an biologistische Vorstellungen: Männer haben Penisse, Frauen Brüste. Die sieben Menschen, die hier auf der Bühne stehen, werfen solche Vorurteile subtil, warmherzig und durchaus humorvollen über den Haufen.

TRANS (més enllà) ist auch deshalb so wenig theatral, weil er eine Übung im Sichtbarmachen sein will. Diese Menschen unterschiedlichsten Alters – darunter eine Frau, die nach Jahrzehnten vermeintlich heterosexueller Ehe ihre Identität für sich reklamierte und mittlerweile gar wieder mit der Ehefrau zusammenlebt – diese Geschichten wollen, müssen gehört, gesehen, wahrgenommen werden. Bevor sie sprechen, blicken sie jedes Mal lange ins Publikum, fordern den Zuschauer*innen-Blick heraus. Denn das Experiment gibt auch uns, unserem Blick, unserer Wahrnehmung dieser Menschen. Einen Blick, den sie aushalten können – aber gilt das auch für uns? Was sehen wir, wenn wir Menschen sehen, die aus der erlernten „Norm“ herausbrechen, wie nehmen wir ihre Menschlichkeit wahr? Es bleibt jedem Einzelnen im Publikum über lassen, wie (und ob) er*sie sich diese Fragen stellt. Diese Gesichter, diese Menschen, diese Körper, sie sind einfach da, gehen nicht weg, konfrontieren ohne zu konfrontieren, freundlich versöhnliche Mahnungen herauszukommen, aus der selbstverschuldeten Denkfaulheit.

Und keine einfachen antworten: Ian etwa sagt den erstaunlichsten Satz des Abends: Ich glaube wirklich , dass man nicht frei sein kann.“ Er, der mit der eigenen Ambivalenz hadert, der sich freut, als Mann wahrgenommen zu werden und doch gern im Bikini an den Strand ginge, legt erneut den Finger in die Wunde und den Fokus auf das Grundproblem: die Illusion von der, den Zwang zur Binarität. Hierin liegt die Unfreiheit, im Reden darüber, in der Nichtakzeptanz ein möglicher Ausweg. Es wird gestanden und geredet in diesen 75 Minuten, nicht mehr. Monologe, allein, in Gruppen, ein Experiment im Zuhören, im Einlassen, im Sehen. Unspektakulär, simpel, ohne jede Theatralität. Und doch lange nachhallend.

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