Die furchtlosen Neun

FIND 2019 – Paisajes para no colorear, Centre Gabriela Mistral (GAM) / Teatro La Re-Sentida, Santiago de Chile (Regie: Marco Layera)

Von Sascha Krieger

Nein, subtil ist dieser Abend nicht. Dass es um die systemische – nicht zuletzt sexuelle und missbräuchliche – Unterdrückung von Mädchen und Frauen geht, lässt sich schon dem Eingangsbild entnehmen. An der Seite der Bühne steht ein rosafarbenes Häuschen, die vermeintlich sichere Geborgenheit weiblicher Jugendlicher und zugleich ihr Gefangensein in vorgegebenen Rollenmustern symbolisierend, während in der Mitte eine nackte Sexpuppe – von der wir später erfahren, dass sie in Größe und Proportionen in etwa einer 12-Jährigen entspricht – auf einem kreisrunden Podest ausgestellt ist. Ein eingeblendeter Text berichtet vom Gespräch mit einem Ministeriumsvertreter über das Projekt, in dem dieser sagte, mit weiblichen Teenagern zu arbeiten, wäre sinnlos, schließlich seien sie alle hysterisch und am Ende würde sich eh eine in ein Mitglied des Teams verlieben. Wie gesagt: Subtil ist das, was der chilenische Regisseur Marco Layera und die neun 13- bis 17-jährigen Mädchen auf der Bühne veranstalten nicht. Eher ein selbstbewusster bis aggressiver, oft durchaus komischer, mitunter tieftrauriger und schmerzhafter, immer beißend scharfer Emanzipationsversuch in hochtourigen 90 Minuten.

Bild: Nicolás Calderón

Bei dem wir erst einmal Zahlen um die Ohren geschlagen bekommen: Sieben der neun seien gemobbt worden, fünf würden von den Eltern geschlagen, alle neun sahen sich schon mal als „Nutte“ beleidigt. Mädchen und Frauen, so erfahren wir, gelten in der patriarchalen Gesellschaft Chiles wenig. Wie der Fall von Belèn zeigt: Die 11-Jährige war von ihrem Stiefvater missbraucht und geschwängert worden. Eine Abtreibung wurde verweigert, sie musste das Kind unter höchster Lebensgefahr gebären. Die Mutter gab ihr die Schuld am Missbrauch, das Mädchen überlebte und lebt nun bei der Großmutter. Die neun Spieler*innen erzählen ihr Leiden in Form einer Gute-Nacht-Bilder-Geschichte. Oder Lisette Villa: ebenfalls 11 lebte sie in einem Jugendheim. Nach einem Wutanfall, weil die Mutter den versprochenen Besuch absagte, fixierten sie die Pflegerinnen. Eine Routineprozedur, die, auch das beinahe Routine, zum Tod des Mädchen führen. Die Neun auf der Bühne demonstrieren die Prozedur in aller Drastik.

Sie halten nichts zurück und stürzen sich voller Wut und Spielfreude in die alltägliche Misogynie, die Mädchen erzählt, wie sie (nicht) zu tanzen haben, die ihnen die alleinige Verantwortung für ungewollte Schwangerschaften aufbürdet, ihnen das recht abspricht, über den eigenen Körper zu entscheiden, von sexueller und Genderorientierung – eine Spielerin ist lesbisch, eine andere agender – ganz zu schweigen. Sie erzählen, tanzen, wüten und spielen. Verhörartige Befragungen und Mutter-Stimmen aus dem Off, später politisch aktivistischer Frauenhass im Pelzmantel lässt das Patriarchat aufmarschieren. In einer berührenden Szene stellt ein Mann aus dem Publikum den Vater einer Spielerin dar, der seine Tochter, die ihn anklagt ob der eigenen Unterdrückung und jeder der Mutter, ihn letztlich aber doch um seine Liebe anfleht, ignoriert. auch dies ein überaus drastischer Moment.

Doch enden die Schreckenserzählungen immer wieder in Momenten der Rebellion, des Aufbegehrens, des „Es reicht“. Die Sexpuppe bekommt einen Namen, wird zur Freundin, integriert in die Gruppe, Mitopfer und Mitkämpferin. Sie bekommt kein Happy Ende, weil das nicht vorgesehen ist, eine letzte Erinnerung, wie die Realität ist. Während der Abend andeutet, wie sie sein könnte. Die Voraussetzung: das Schweigen brechen und das tun die neun, immer und immer wieder. Sie reden von sich und all den anderen, die nicht auf der Bühne stehen, geben ihnen und sich Stimme, Gesicht, Körper. Sie sprechen in Mikrofone und Kameras, spielen die eigene Unterdrückung – etwa, wenn eine männliche Sicht in psychopathisch angehauchtem Monolog eines selbsternannten „Jägers“ mit drastischen Opferszene kontrastiert wird, wobei eine Spielerin sich beide rollen teilt. Aber auch die individuelle Emanzipation, selbst wenn diese zuweilen noch erträumt ist. Das rosa Haus wird mit Graffitis und Absperrband versehen, der agender Teenager befreit sich aus dem aufgezwungenen Girlie-Kleidchen,. Die Pelzmantelautokratie in wildem Tanz entsorgt. Am Ende steht eine Ansprache der furchtlosen Neun, für die dieses Projekt alles andere als risikofrei ist, an der Rampe. „Wir dulden das Schweigen nicht mehr“, sagen sie, nennen Namen von Opfern auf, gehen nicht weg. Ja, das ist plakativ, ja, die Zeigefinger sind erhoben. Weil es das braucht. In Chile und vielleicht auch hier in Berlin.

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