„We love global warming“

FIND 2019 – Anne-Cécile Vandalem: ARCTIQUE, Das Fräulein (Kompanie) / Studio Théâtre National Wallonie-Bruxelles, Brüssel (Regie: Anne-Cécile Vandalem)

Von Sascha Krieger

Angelockt von anonymen Einladungsbriefen versammeln sich im Jahr 2025 vier blinde Passagiere auf dem Wrack der Arctic Serenity, die zehn Jahre zuvor auf ihrer Jungfernfahrt eine Ölbohrinsel rammte. Ein Terroranschlag, kein Unfall, wie man seitdem glaubte. Alle, die nun an Bord sind, um die vielleicht letzte Reise des Schiffs, das als Geschenk nach Grönland geschleppt werden soll, mitzumachen, waren in irgendeiner Form am damaligen Event beteiligt. Und landen nun in einer Art Saal, eher nostalgisch eingerichtet, ein bisschen Art Deco, ein wenig Gemeindesaal. Am Bühnenende die Bühne für die Band, das Banner „We love global warming“ hängt noch. Das ist kein Scherz: Die Klimakrise, so die Vision, war eine Chance für Grönland. Als das Ein sich zurückzog, kam der Boom. Riesige Vorkommen an Bodenschätzen waren plötzlich zugänglich – und ermöglichten dem Land die Unabhängigkeit. Dass dort, wo die Chinesen bohren wollten, Inuit lebten, ließ sich lösen. Und sei es durch einen fingierten Terroranschlag durch Umweltschützer.

Bild: Christoph Engels

Erst nach und nach treten die Fakten zu Tage, entwirrt sich das dichte Netz aus Schuld, Intrigen, Politik, Wirtschaft, Völkermord. Zunächst ist die Stimmung noch vergleichsweise heiter. Anne-Cécile Vandalem erzählt ihre Geschichte anfangs als gleichzeitig hochtourige wie somnambule Komödie anhand ihrer Figuren: Da ist der bärbeißige, Russisch sprechende Diktator eines Ersatzkapitäns, der lautsprecherische dänische Schauspieler, die naiv lärmende Kapitänswitwe, eine aus Sauerstoffmangel ständig einschlafende Frau namens Lucia und eine raustimmige inkognito reisende mysteriöse Autoritätsperson. Eine veritable Ego-Parade, die schnell aneinander und in Konflikt mit den Schiffsregeln gerät, eingefordert von einer humorfreien jungen Aufpasserin. Der Albtraum lässt sich zunächst als Farce an. Hinten spielt geisterhaft die Band, bisweilen nimmt Vandalem Anleihen beim Musical, während Videosequenzen zunächst das Deck, später die Gänge des Schiffs ins Visier nehmen. Ominös dräuende Klangbilder tun ein übriges, eine zunehmend surreale Atmosphäre zu schaffen, die sich zunehmend im Horrorgenre bedient. Fährt die Kamera durch die düster nebligen Korridore, mag sich der Zuschauer ein wenig an The Shining erinnert fühlen.

Köchelt das Tempo zunächst etwas auf Sparflamme, zieht es bald spürbar an. Geheimnisse werden enthüllt, immer wieder kippen Konstellationen, finden sich unerwartete Bündnisse, wechseln sich die Ziele des kollektiven Hasses ab. Niemand ist, wer er vorgibt zu sein, jeder hat seine Leichen im Keller. Und so wird aus der Farce ein Horror-, ein Psycho- und letztlich ein Politthriller. Eine weitere Figur tritt hinzu, der geist des Kapitäns erscheint, ein Eisbär, eigentlich längst aus der Gegend verschwunden, entert das Schiff und stärkt sich an einer Passagierin, die Grund zu haben glaubt, dass sie und den Bären einiges verbindet. Das Opfer des Klimawandels verzehrt seine Verursacher, das Schiff treibt – unsere tatenlose Gegenwart symbolisierend – schlepperlos durch die Welt, die Ränkespielchen und Intrigen stürzen am Ende alle Beteiligten ins Verderben. Die Sünden der Menschheit frisst sie am Ende auf, die Band trägt Vogelköpfe, die Welt befreit sich von ihrem Peiniger.

Anne-Cécile Vandalem ist ein stilistisch vielgesichtiger und zugleich atmosphärisch überaus dichter Abend gelungen, der mit höchster handwerklicher Meisterschaft durch die Genres wandelt, jedes von ihnen meisterlich bewältigt, der es erlaubt, über das Schrecken zu lachen und das Lächerliche zu erschaudern. Ein Abend, der die menschliche Hybris in all ihrer Banalität ausstellt und dem es ebenso gelingt, aus seinen Figuren mehr zu machen als stereotype Pappkameraden. Sie entpuppen sich als Politiker*innen, Journalist*innen, Aktivist*innen, vor allem aber als Menschen. Gierige, skrupellose, opportunistische, egozentrische, grausame – aber auch solche voller Zweifel, Ängste, Schuldgefühle, Hoffnungen. Der Mensch hat das Schlamassel angerichtet und nur er kann es lösen, ist Abgrund und einzige Hoffnung in einem. Am Schluss ist das Dickicht der Lügen durchbrochen – doch niemand hört die Wahrheit. Das Schiff schlingert über die Meere, ein Geisterschiff, bewohnt von Geistern, immer schon. Und irgendwo bohren chinesische Konzerne nach Öl. Sie lieben den Klimawandel. Wie lange noch?

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Werbeanzeigen
%d Bloggern gefällt das: