Mit Liebe

Sir Simon Rattle dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Werken von Lachenmann und Schumann

Von Sascha Krieger

Bescheiden ist der Anspruch, den Helmut Lachenmann an sein Werk stellt, nicht gerade: „Es geht nicht um neue Klänge, es geht um neues Hören“, sagt er über My Melodies, ein im vergangenen Jahr uraufgeführtes Werk für acht Hörner und Orchester, das mit seinen gut 35 Minuten trotz Einsätzigkeit allein durch seinen Umfang den Anspruch untermauert. In seinen 16 Jahren als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker hat sich Sir Simon Rattle als großer Förderer zeitgenössischer Musik erwiesen. Nach einem ersten Berlin-Besuch bei der befreundeten Staatskapelle und die Wiedererweckung eines früheren Abends eröffnet er sein ersten neu einstudiertes Programm mit seinem ehemaligen Orchester mit dieser deutlichen musikalischen Ansage: Auch jetzt, als Gast, wird er weiter „sein“ Publikum neuen Hörerfahrungen aussetzen. Und die bietet My Melodies zur Genüge. Der mittlerweile 83-Jährige mag nicht mehr schockieren, Hörerwartungen zu unterlaufen, gelingt ihm nach wie vor mühelos. Wer bei acht Hörnern warme, satte, romantisch angehauchte Bläserfülle erwartet, wird enttäuscht. Kaum werden die Instrumente so gespielt, wie es gemeinhin gewohnt ist und wenn sie dann doch einmal in bewährter Weise zum Einsatz kommen, sind sie Teil des Orchesters, es trotz ihrer Zahl nie solistisch überstrahlend.

Sir Simon Rattle dirigiert My Melodies von Helmut Lachenmann bei den Berliner Philharmonikern (Bild: Stephan Rabold)

Mit Erwartungen spielt das Werk ohnehin: „Meine Melodien“ sind bei Lachenmann eben nicht, was der gemeine Hörer unter dem Wort versteht. Selbst Melodiefetzen tauchen nur selten auf, meist ist die Musikerzeugung auf ihre Einzelteile, zuweilen gar auf ihre Vorstufen heruntergebrochen. Über lange Strecken hinweg bestimmen Windgeräusche, erzeugt auf den Blasinstrumenten, das klangliche Geschehen, wird die Voraussetzung zu ihrem Spiel selbst der Hauptgegenstand, klanglich aufgefächert, rhythmisch formiert. Dann wieder erscheinen einzelne Töne, Klangpunkte, inselhaft, und verschwinden. Wie auch die Melodiefragmente oder das häufige kurze Auffahren einzelner Instrumente oder ganzer Gruppen: Sie tauchen kurz an die Oberfläche des Klangmeers, um sofort darauf wieder in ihm zu verschwinden. Klangschichten bilden sich, Bewegtes an der Oberfläche, statisches Schweben darunter. Echos wabern durchs Orchester, Töne klingen nach, Klänge werden beantwortet. Ozeanisch wogen die Wellen, mal überwiegen traditionell erzeugte Klänge, mal weitet Geräuschhaftigkeit in riesigem Facettenreichtum den Raum klanglicher Möglichkeiten. Mal brodelt das Orchester, dann stehen Einzeltöne allein im Raum, bilden sie Inseln inmitten kaum fasslicher Nebelbänke der Streicher, dann wieder wandern einzelne Schläge durch den Schlagzeugapparat. Es ist ein Spiel aus Ebbe und Flut, (un)entschieden am Schluss durch rhythmisches Atmen, dann herrscht Stille.

Rattle präsentiert Lachenmanns Klangkosmos in vollster Klarheit und Transparenz, jedes noch so kleine Detail erlangt kosmische Bedeutung. Der Zuhörer sitzt mit im Boot, tanzt mit ihm auf den Wellen dieses Ozeans klanglicher Mittel, fokussiert mal auf die winzigen Lichtpunkte, die auf den Wellen tanzen, und betrachtet dann wiederum das große, kaum fassbare Ganze. Nicht immer ohne Irritation, aber selten ohne einen Rest Erstaunen. Den versucht Rattle im Anschluss auch in einem echten Herzenswerk aufrecht erhalten. Robert Schumanns Symphonien gehörten zu seinem Berliner Kernrepertoire und die Zweite ist sicher so etwas wie die zentrale unter ihnen. Diese Aufführung ist nichts anderes als ein Liebesbeweis für dieses Werk. Der 64-jährige Brite will es schimmern lassen, zum Leben bringen, will seine Liebe dafür teilen und das Publikum in sie hineinziehen. Voller Wärme hebt die einleitende Blechbläserfanfare an, darf heranwachsen zu sonnendurchfluteter Fülle, frühlingshafter Farbigkeit und schier unendlichem Nuancenreichtum. Rattles berühmte Transpranz muss da weichen, er will es schillern und schimmern lassen – und vor allem: fließen.

Der Fluss ist das Ausdrucksmittel seiner Wahl: Verknappungen sucht man an diesem Abend vergebens, hier darf sich Musik singend im Raum ergießen. Damit die Spannung nicht abnimmt, achtet das Dirigat präzise auch auf die kleinste dynamische Abstufung, pumpt Rattle rhythmische Energie in das Farbenmeer. So gerät der Kopfsatz wunderbar lebensvoll und luftig, ein neugieriger melodischer Fluss, in dem alles einander bei der Hand nimmt. Das Scherzo klingt nach Pastorale, der Beethovenschen, versteht sich. Streicher und Holzbläser werfen sich die Farbbeutel zu, der Dirigent öffnet die Fenster und lässt das Licht herein. Spielerisch schwungvoll kommt der Satz daher, der Hauptteil bekommt eine dunklere, paukenbewehrte Grundierung, die Trios hüpfen etwas leichtfüßiger durch die Welt. Albrecht Mayers Oboe singt so innig, dass der hartgesottene Rezensent mit den Tränen kämpft. Voller Energie der Satzschluss, eine Lebensfeier, die auch auf den langsamen Satz abfärbt.

Der ist so etwas wie das Kraftzentrum dieser Aufführung. Im Banne des Fließens, kommt es hier zu seiner natürlichsten Ausformung. Erneut dürfen die solistischen Holzbläser, allen voran Mayer, in sanftester Lyrik schwelgen, sich in die Klangfülle des Orchesters hineinsingen. Später kommt ein Hauch von Tragik hinzu, wandelt sich der lyrische zum sehnenden Gesang, tritt Schicksalsschwere hinzu. Doch auch das Tragische steht hier im Licht, auch das Klagen, singt sich in die Hoffnung, wobei Wenzel Fuchs‘ Klarinette eine Hauptrolle zukommt. Der eigentliche Haupt- und Zielteil des Werks, der Schlusssatz, ist hier eher eine Zusammenfassung: Ausdrucks- und nuancenreicher, vielfältiger, episodischer als das Vorangegangene. Der Grundgestus bleibt kantabler Natur, das Klangbild offen und lebendig, der Schwung nimmt zu, das Orchester wuselt mehr, Feierlichkeit paart sich mit Freude. Hier tanzen die Farben, scheint das Licht. Analytische Genauigkeit und Detailschärfe, klangliche Differenzierung und Transparenz müssen hier in die zweite Reihe treten. Sir Simon Rattle geht es hier um die Feier von Musik als lebendigem Organismus. Und so pulst die Lebensenergie und füllt den Raum. Mit Wärme, mit Licht, mit Liebe. Mit Musik.

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