Im „Licht der Aufmerksamkeit“

Junges DT – Nach dem Roman von Peter Høeg: Der Plan von der Abschaffung des Dunkels, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Nora Schlocker)

Von Sascha Krieger

Wo geht er hin, der Blick? Ins Helle, ins Dunkle, ins Nichts? Oder nur auf die Wand, die sie einschließt, umfasst, Orientierung sein will und Grenze ist? Reglos mit dem Rücken zum Publikum stehen sie, aufgereiht vor den hölzernen Schulbänken, ein Tableau perfekter Ordnung, ein sprachloses Kollektivwesen in weißen Hemden, grauen Hosen und schwarzen Schuhen. Die Dunkelheit bezwungen und eingehegt. Wie auch an den Wänden: Unten Holzvertäfelung, oben weißgetüncht. Doch halt? Ist nicht das hölzerne Braun voller Wärme, Nuancen, Leben, das nüchterne Weiß antiseptische Abweisung? Regisseurin Nora Schlocker, Bühnenbildnerin Jessica Rockstroh und Kostümbildnerin Caroline Rössle Harper durchsetzen Peter Høegs Parabel von der totalitären Gewalt gleichmacherischer Ordnung, die Schlocker dem Programmheft zufolge in der normierten Leistungsgesellschaft unserer aufgeklärteren Zeit wiederzufinden meint, mit vielen solcher Zeichen, die zunächst klar erscheinen, sich aber zunehmend als ambivalent erweisen.

Bild: Arno Declair

Das gilt auch der Bühnenraum, den wir sehen. Die Spiegelfensterwand ist nicht das Ende, dahinter geht es weiter, eine separate Welt, das Dunkle, in das Licht fällt. Hier ist der Ort der Unordnung, das, was die vermeintlich wohlwollende Gewalt vor der Wand auszulöschen vorgibt. Das Dunkle soll ins Licht, doch der Preis ist Normierung, Entindividualisierung, Assimilation. Der „Feind“ ist das Unordentliche, das nicht Einzuhegende, das, was sich nicht kontrollieren lässt: das Menschliche. So bricht die Ordnung auf, bilden sich neue, nicht exerzierte Formationen: der Schüler Peter und die Schülerin Katharina, die sich aufmachen, herauszufinden, was vor sich geht, und die den Neuankömmlich August unter die Fittische nehmen, ein nervöses Bündel Unangepasstheit, in dem Geist und Körper auseinanderstreben, einander nicht kontrollieren, das Prinzip Unordnung. Wenn es aus dem grandiosen Ensemble der 12- bis 22- jährigen spieler*innen einen exemplarisch zu nennen gilt, ist es Jona Gaensslen, der die Figur des August einführt, der den Bruch in ihr spielt, Mimik und Gestik, Ruhe und Auflösung als nicht kombinierbare Fragmente im gleichen Körper sichtbar macht. Der wie vielleicht kein anderer in sich die Grenze sichtbar macht – zwischen Hell und Dunkel, drinnen (im System) und draußen.

Um sie geht es, um ihre Macht, ihre gewalttätige Wirkung – und ihre Überwindung. Ihr Instrument ist die Zeit, eine normative, lineare Zeit, die den Menschen eintaktet, eingrenzt, ihm keinen Raum gibt, sich in ihr und aus ihr zu bewegen. Eine manipulierende und manipulierbare. Das zeigt Schlocker eindrucksvoll in der Eingangsszene. Da schafft es ein Schüler während des Morgenappells nicht, sich still zu verhalten. Ein Opfer der Ordnung, der Regel die „nach ihrer Übertretung schreit“, durch die Eingrenzung des menschlichen dieses herausfordert. Den strafenden Schlag des Lehrers hällt Katharina aus dem Off an, sie spult zurück, vor, in Zeitlupe. Die Zeit ist angehalten, die spaltet sich in erzählte und erzählende, reale und forcierte, menschliche und kontrollierte. Immer wieder streben sie auseinander, die Zeiten, bewegen sich die Verstehenden, sich Individualisierenden durch albtraumhafte Zeitlupenroutinen der Normierten, finden heraus, wie sich die Zeit ändern, nutzen lässt, wie die Barriere zu durchbrechen ist. Doch die Spiegelwand, durchlässig geworden, kann nur rotieren, die Zeit wird kreisförmig, führt zurück zum Anfang – der Preis ihrer Überwindung ist die Wiederholung.

Und so bleiben auch die drei „beinahe Geeigneten“, so der Titel von Høegs Vorlage, auf der Schwelle, erweisen sich Auswege als trügerisch. Denn der Mensch selbst hat sich fragmentiert. Nicht hineinpressbar in die Ordnung des „Lichts der Aufmerksamkeit“, spaltet er sich auf in verschiedene Zimmer, von denen nur einige dem anderen Zutritt gewähren. Der Preis der Norm ist die Aufgabe des Menschen als Ganzem. Schlocker illustriert das, indem sie die Figuren auf mehrere Spieler verteilt, sie wechseln lässt, multipliziert, älter und jünger macht und die soeben definierten Zuweisungen der Teilrollen sofort unterminiert. Da stehen denn auch mal ein Peter und eine Katharina zwei Augusts entgegen,, vervier- und fünffacht sich eine Figur und wird plötzlich fast selbst zur Masse. Die Ordnung stößt an ihre Grenzen, Definitionen erweisen sich als unmöglich und doch bleibt der Anspruch zu normieren, koste es was es wolle. Aus Integration wird Vernichtung, aus Nichtanpassung Auslöschung. Innen und außen verschwimmen, der erste Peter (Leo Domogalski) tritt aus dem Bühnenraum und wird zum Erzähler seiner Geschichte, universalisiert sie, zieht eine Distanz ein, die Unmittelbarkeit, Unentrinnbarkeit erzeugt.

Eigentlich müsste hier jede*r der 15 Spieler*innen einzeln gewürdigt werden, wie sie die Brüche und unüberschreitbaren Schwellen , die Zersplitterungen und momentane Versuche der Zusammenfügung durch die stille, flüchtige Kraft der Liebe in und zwischen sich spür- und sichtbar machen, ist atemberaubend. Christian Grygoryev, einer der Peters, muss man nennen, eine nuancierte Studie in subkutan aufkeimender Rebellion. Ebenso Amelie Paneru, die erste Katharina, kontrolliert, willensstark und sich zunehmend im Zweifel verlierend, oder Mustafa Eren Özdilberler, der ältere August, ein verloren gegen sich und die Welt Wütender, voller Energie, die sich in Verzweiflung entlädt. Und dann wären da noch Rio Reisener, noch ein Peter, mit hoher physischer Präsenz, ein nicht totzukriegender Hoffnungsverfolger, Leni van der Waydbrink, die eindrucksvoll den teuflischen Plan ins Positive umzudeuten sucht und die Zuschauer*innen beinahe überzeugt. Dass hier mehr männliche als weibliche Namen auftauchen, hat mit dem einzigen kleinen Vorwurf zu tun, den man dem Abend machen kann: dass er – zum Teil sicher der Erzählperspektive der Vorlage geschuldet – den Fokus sehr viel stärker auf die männlichen Protagonisten Peter und August lenkt, wodurch die Figur der Katharina vergleichsweise blass bleibt.

Am Ende dann immerhin ein Hoffnungsschimmer: Peter, nun wieder zusammengefügt, eins, de-normiert, Leo Domogalski in heutiger Kleidung, der sich seine Identität zurückerobert. Doch wirkt dieser Schluss flacher, blasser als das Vorangegangene, als traute er sich selbst nicht recht. Eine andere Zukunft ist aber zumindest denkbar, ausgestellt im Foyer, wo auf mehreren Bildschirmen Christoph Franken als erwachsener Peter mit dem eigenen Sohn auf ganz ungeordnete, unkontrollierte, freie Weise interagiert. Doch auch hier sind die Wände weiß, das alles verschlingende „Licht der Aufmerksamkeit“ nicht seiner überwachenden Zweitbedeutung beraubt, wartend auf seine Chance zuzuschlagen. Dem Jungen DT, das die Aufführungen erst ab 16 Jahren empfehlt, ist ein erstaunlich düsterer, ungeheuer vielschichtige und klaustrophobisch intensiver Abend gelungen, der die Unterdrückung des menschlichen Dunkels durch das normierende Licht bis in den Zuschauerraum spürbar macht, dessen luftleere Stille die Atemluft abschnürt, der Denkräume öffnet, die Schwarz und weiß verschwimmen lassen, der zur Reflexion aufruft über gute Absicht und fatale Wirkung, Hell und Dunkel, Gemeinschaft und Individuum. In den das helle dunkel wird und das Dunkle hell. Theater halt.

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