„Was ist der Wal?“

Nach Herman Melville: Moby Dick, Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Anita Vulesica)

Von Sascha Krieger

„Was ist der Wal?“ Eine Schlüsselfrage in Herman Melvilles nicht tot zu kriegendem (aber warum sollte man auch?) Weltliteratur-Wälzer Moby Dick. In der Bearbeitung von Ex-DT-Schauspielerin Anita Vulesica wird sie mehrfach gestellt und jeweils mit mehrminütigen detailreichen Auslassungen behandelt, in denen sich Gier und Bewunderung, totalitäre Gewaltfantasien und wissenschaftliche Neugier, Kontrollzwang und Unsicherheit mischen. Das Verhältnis des Menschen zum Tier war immer ein ambivalentes und ist es geblieben. Vor allem aber ist es stets einer anderen Frage untergeordnet, steht nicht selten stellvertretend für dieses: Was ist der Mensch? Das ist auch an diesem Abend so, der sich für die gut 800 Buchseiten gerade 80 Minuten zeit nimmt, sich dabei aber mindestens doppelt so lang anfühlt. Fünf Studentinnen der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch pflügen und waten und schwimmen und rudern sich durch die action- und gewaltreiche Meditation über die menschliche Natur. Sie wechseln dabei immer wieder zwischen Ahab, dem besessenen Waljäger und diktatorischen Anführer und seiner mal skeptischeren, mal ergebenen Besatzung. Ist anfangs noch relativ klar erkennbar, wer gerade spricht, verschwimmen die Grenzen mit zunehmender Dauer.

Bild: Vincenzo Laera

Im Programmheft wird Eugen Drewermann mit Betrachtungen zur Dynamik totalitärer Kollektive zitiert, die Vulesica umzusetzen scheint. Aus dem Einzelnen wird die Masse, aus dem Stimmengewirr des anfangs der einstimmige Chor, der sich immer wieder aufspalten und sich jedes Mal aufs Neue zusammenfindet – oder zusammengepresst wird. Konstellationen verschieben sich. Da wird aus fünf Ahabs einer, der vier Besatzungsmitgliedern gegenübersteht, die sich sogleich wieder einer nach dem Anderen zum Kollektiv-Ahab zusammenschließen. Dessen Name im Übrigen nicht fällt. Wie zunächst auch der des „Gegners“, der sich nur in tonlosen Lippenbewegungen entäußert, bis Ahab ihn ausspricht. Es ist ein Akt der Machtaneignung, wer bezeichnet, kontrolliert. Ahab ist der Machtergreifer, von dem Drewermann spricht, er reißt die Macht an sich über sein Gefolge und über den Wal, der geschlagen ist, so bald sein Name fällt, weil er nur noch Idee ist, Projektion, Machtmittel.

Und der sich doch nicht ganz greifen lässt. Die pathetisch bildungshuberischen Definitionskaskaden sind versuche, seiner habhaft zu werden, Definition gleich Deutungshoheit, Deutungshoheit gleich Macht über das Kategorisierte. Und zugleich bleibt da dieses Staunen, dieses Nichtverstehen ob der Kraft, der Unabhängigkeit dieses Wesens. Auch dies ist Projektion: Der Mensch sieht die eigene Unzuläglichkeit, die eigene Beschränktheit im vermeintlich Unbeschränkten. So wird aus einer Totalitarismusparabel eine durchaus ambivalente Reflexion über die Allmacht des Vernunftswesens Mensch, seine Konsequenzen – Kontrolle durch Zerstörung, Macht durch Vernichtung – und seine Grenzen. Zu der Vulesica eine weitere Ebene hinzufügt: Nicht nur Regie und Ensemble sind weiblich, auch das gesamte Team ist überwiegend mit Frauen besetzt.

Und so bekommt das durchchoreografierte Wogen zwischen manischer Kollektivierung von Geist und Handeln – exemplarisch in den wiederholten Jagdszenen, in denen die Fünferbande zu einem Instinkt- und Macht und Killer-Wersen verschmilzt – und zuweilen farcenähnlicher Rationalisierung von Machtanspruch und Zerstörung – traditionell und im reinen Männerverein des Buchs ebenso männlich konnotierte Konzepte – einen ganz neuen Tonfall und ein emanzipatorisches Element. Hier re-interpretieren die im Buch nicht vorkommenden 50 Prozent der Menschheit maskuline Machtanmaßungen und als selbstverständlich erachtete Anspruchsmuster, ziehen durch die Verkörperung der grrobschlächtigen Romanhelden durch weiß (!) gekleidete und reifrockbewehrte Frauen eine irritierende Distanz ein, die den Publikumsblick brechen. Die farbliche Nähe zum Wal ist sicher auch gewollt, Ziele männlicher Unterdrückung unter sich – die nun den Spieß umdrehen. Oder spielen sie das Spiel mit, Kollaborateure stets patriarchaler Macht? Vulesicas Lesart lässt dies offen, auch weil sie am Schluss, der Kampf ist eigentlich längst beendet, diesen sich ad infinitum fortsetzen lässt. Die Münder sind verstummt, die Jagd geht weiter. Langsam geht das Licht aus, doch nichts ist zu Ende.

Anita Vulesicas Moby Dick  ist ein rhythmischer, energiereicher Ritt durch die Abgründe menschlichen, ja, männlichen Machtstrebens, der vom Kleinen ins Große führt und wieder zurück, den Sog, den reiz und die Unentrinnbarkeit totalitärer Systeme und Ideologien ebenso streift wie die philosophische Überhöhung des Menschen als Gottersatz und sehr konkrete patriarchale Unterdrückungsmuster. Die Jagd nach dem Wal ist dabei zugleich kaltes Machtstreben wie vorbewusster Instinktrausch. Vulesica und ihr Ensemble legen Fährten, die in unterschiedliche Richtungen führen und denen sich folgen lässt – oder auch nicht. Dabei verliert sich der Abend zuweilen in selbstverliebten und die Spannung deutlich verringernden satirischen Abschweifungen – die lange Live-Video-Passage ist so störend wie unnötig – scheint die Regisseurin mitunter Angst vor der Kraft des Chors zu haben, wodurch dieser – ambig zwischen individueller und zwangskollektivierter Stimme pendelnd – immer mehr in den Hintergrund tritt und der Abend mit zunehmender Dauer stärker in statisches Erzähltheater abgleitet. Und doch ist dieser Ritt auf dem riesigen schiefen Marmorkreuz (Bühne: Anna Brandstätter) ein assoziationsreicher, in seinen besseren Momenten hoch physischer Ausflug in existenzieller Gefilde, in denen sich die Frage nach der Kontrollierbarkeit menschlicher Gewalt und menschlich-männlicher Machtausübung zu stellen vermag, wo „Was ist der Wal?“ und „Was ist der Mensch?“ zusammenfallen und es vielleicht keine Antwort gibt. Und das wäre womöglich das Beängstigendste.

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