Existenziell

Sir Simon Rattle kehrt mit Bachs Johannes-Passion zurück zu den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

So eine Rückkehr an die alte Wirkungsstätte ist eine heikle Sache. Man will nicht zu sehr in Nostalgie baden, aber doch die Ovationen seiner langen Tätigkeit auskosten. Zugleich gilt es, nicht den Nachfolger in den Schatten zu stellen und nicht als Ego-Monster zu erscheinen. Nachdem Sir Simon Rattle im vergangenen Sommer nach 18 Jahren als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker seinen Abschied nahm, ist er sehr darauf bedacht, alles richtig zu machen. So erfolgte sein erstes Berliner Dirigat nach dem Abschied nicht bei „seinem“ Orchester, sondern mit Daniel Barenboims Staatskapelle, noch dazu zunächst an deren Haus und danach erst in der Philharmonie. Eine Woche bevor er nun tatsächlich wieder am Philharmoniker-Pult steht, durfte der Nachfolger ran und in der Begeisterung des Publikums baden. Und für die Rückkehr hat er sich ein Programm ausgesucht, bei dem er so wenig im Mittelpunkt steht, wie es einem Dirigenten nur möglich ist, noch dazu einen „alten Hit“ aus der Spätphase seiner Amtszeit, ein bisschen Nostalgie, ein wenig Schön war’s“, mehr Besuch eines alten Freundes als triumphale Rückkehr. Dass dabei nur ein kleiner Teil des Orchesters vor ihm sitzt, hilft sicher auch, den Übergang in die neue Ära, in der er einmal im Jahr als Gastdirigent am Pult steht, so unspektakulär wie möglich zu machen.

Sir Simon Rattle (Bild: Oliver Helbig)

Dabei steht durchaus Spektakuläres auf dem Programm: Mit 150 Minueten (inklusive Pause) ist der Abend deutlich länger als „normale“ Symphoniekonzerte. Die szenische Einrichtung von Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion in Zusammenarbeit mit Starregisseur Peter Sellars, entstanden im Jahr 2014, ist ein besonderes Ereignis, eine Dramatisierung eines durchaus dramatisch, weil stark szenisch (mehr noch als die legendäre im gleichen Team schon 2010 auf die Bühne gebrachte Matthäus-Passion) angelegten Werks. Wobei es 2014 gerade die inszenatorische Seite war, die, vor allem im Vergleich mit der früheren Arbeit, enttäuschte. Auch heute – die Inszenierung blieb unverändert – ist das gestische und szenische Spiel meist illustrativer Natur, ein wenig abstrahiert, aber meist eher einfach gestrickt. So manche Idee, etwa die in diesen Szenen stumm bleibenden beiden Frauen im Solist*innen-Ensemble eine gefühlte Ewigkeit auf Knien den sterbenden Mann beweinen zu lassen, wirkt im #MeToo-Zeitalter so befremdlich, wie sie es schon 2014 hätte tun sollen. Wo die szenische Einrichtung funktioniert – vor allem wenn der Vergleich zur Matthäus-Passion  nicht mehr so frisch ist – ist in der Weitung des Raumes, die damit einhergeht, in seiner Dynamisierung und Veränderlichkeit. Der physische vergrößert auch den Klangraum, die ständigen Konstellationsverschiebungen korrespondieren ebenso wie die situativen Wechsel der Sänger*innen des Rundfunkchors Berlin – die mal stehen, mal wippen, mal sitzen, mal liegen, dann kauern – mit der Handlung, der existenziellen Verunsicherung, die in dieser Geschichte des geplanten Todes, der Selbstmord und Mord zugleich ist.

Selbige Verunsicherung findet sich insbesondere in den Vokalpartien des Abends. Hält sich der Chor zunächst noch zurück – überhaupt verplätschert der vergleichsweise kurze erste Teil vor der Pause seltsam spannungsarm – wandelt er danach entlang der Grenze zwischen unmittelbarer Wärme der Gottesansprache in den Chorälen und einer Konturenschärfe in den großen Chorsätzen und den chorischen Dialogsequenzen, die mal rhythmisch, mal klanglich und oft beides verdichtet und härtet, aggressiv wie verzweifelt werden kann. Das Drama, das Rattle sucht, es findet vor allem im Chor statt mit seinem farbenreichen vollen Klangbild, das jeden Ausdrucksraum zu besetzen und zu durchmessen weiß. Mark Padmore ist einmal mehr ein herausragender Evangelist mit außergewöhnlichem vokalen Spektrum, dessen klare Stimme geerdet ist und doch bis an den Rand des Brechens zu schweben weißt, einer der nicht erzählt, sondern seine Geschichte lebt, sie in der Erzählung erschafft. Georg Nigl, kurzfristig für den erkrankten Christian Gerhaher eingesprungen, ist mehr als ein Ersatz, er kann seinen Bariton so zart, so zerbrechlich werden kann, dass die Stille im Saal existenzielle Größe annimmt. Sopranistin Camilla Tilling und Mezzosopran Magdalena Kožená nehmen es dagegen mit der Innigkeit zuweilen ein bisschen zu genau, ihre Dramatisierungen vermögen durchaus berühren, geben dem Geschehen mitunter aber auch einen etwas zu opernhaften Einschlag. Dagegen beeindruckt Tenor Andrew Staples mit sachter Lyrik, die Padmores und Nigls in nichts nachsteht, während Roderick Williams seines Jesus mit der verzweifelt resignierten Trockenheit des Spielballs gibt, der er ist.

Sir Simon Rattle ist kein Vertreter historisch informierter Aufführungspraxis. Ja, er hat Viola d-amore und Viola da gamba ebenso im Apparat wie barocke Oboen, sein interpretatorischer Ansatz ist aber keiner asketisch protestantischer Strenge. Er will dorthin, wo es wehtut, hinein in die rohe Emotion, die romantische Entäußerung menschlicher Erfahrungen in der Musik. So agieren sowohl Orchester als auch Continuo-Sektion mit kaum bemäntelter Körperlichkeit, die eben auch die Vokalpartien auszeichnet, betont Rattle vor allem die gefühlig intimen Momente, in denen der Abend besonders glitzert. Zu nennen sind hier etwa der berührende Gesang der Viola da gamba zur Arie „Es ist vollbracht“, Nigls markerschütternes Erstaunen, mit dem er als Pilatus „Sehet, welch ein Mensch!“ haucht oder die beinahe archaische Rauheit  des Viola-da-gamba-Duos in der ersten Bass-Arie des zweiten Teils.

War der Abend von 2014 ein langes stilles Gebet, verschiebt sich der Fokus ein wenig ins gemeinsame Leiden. Die Vokalpartien erscheinen ein wenig leidenschaftlicher, inniger, dramatischer, das Orchesterspiel einen Tick körperlicher, der Ansatz romantischer, weiter entfernt von der protestantischen Kargheit Bachscher Musik, der existenziellen Erschütterung, welche die unfassliche Opferungsgeschichte, die hier erzählt witd, ausmacht. Und doch sind es gerade die Augenblicke, in denen sie durchbricht, die bewegen, erschüttern, zutiefst anfassen, jene Momente, in denen eine menschliche oder instrumentale Stimme gegen die Stille, gegen die Auslöschung ansingt. Rattle tut gut daran, diesen Passagen jeden Raum zu geben – auch im Wortsinn – den sie benötigen, dieser Raum ist der Lohn für die etwas stärkere Dramatisierung der Interpretation. Die Fallhöhe des Menschlichen vergrößert sich dadurch ebenso unmerklich wie unübersehbar, das menschliche Leiden wird noch unfassbarer, das Mitgefühl, das vor allem bei Padmore, Nigl und Staples aus der Verzweiflung wächst und in die Wärme der chorischen Lebensfülle ausstrahlt, noch allumfassender. Sir Simon Rattles Johannes-Passion wird nie zur Referenz taugen, dazu ist sie viel zu sehr von der räumlichen Situation bedingt. Aber greift nach schleppendem Start in Regionen menschlichen Erlebens ein, die wir im Alltag allzu gern vermeiden. Der existenziellen Kraft der Musik ist an diesem Abend einer durchaus bescheidenen Rückkehr nicht zu entkommen.

Weitere Konzerte am 15. und 16. März 2019.

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2 Gedanken zu „Existenziell

  1. […] Dieser Bericht bezieht sich auf die Freitagsaufführung. Kritik zur Donnerstags-Aufführung: Stageandscreen. […]

  2. […] Musik erwiesen. Nach einem ersten Berlin-Besuch bei der befreundeten Staatskapelle und die Wiedererweckung eines früheren Abends eröffnet er sein ersten neu einstudiertes Programm mit seinem ehemaligen Orchester mit dieser […]

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